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Nischensport

Darum ist die Darts-WM der geilste Sportanlass des Jahres

Christoph Thurnherr, 4. Januar 2022, 13:57 Uhr
Die Darts-WM sticht Mainstream-Sportarten in vielen Punkten aus. Klar, ein grosses Fussballturnier bewegt und betrifft viel mehr Leute – aber genau diese Existenz als Randsportart ist Teil des Charmes. Auch, weil sich Darts selbst nicht immer so ernst nimmt.

Ein 51-jähriger Mann mit ordentlicher Wampe, der seine Haarfarbe öfter ändert als jeder noch so extrovertierte Fussballstar (für jedes seiner Spiele), herumspritzendes Bier, verkleidetes Publikum in bester Feierlaune und ein überraschendes Resultat nach dem anderen:

Es gibt viele Verkaufsargumente, die für das wichtigste Turnier der Nischensportart Darts sprechen. Gestern ging die Weltmeisterschaft zu Ende, zum zweiten Mal siegte der bunteste Vogel der Darts-Welt, der oben beschriebene Schotte Peter Wright.

«Darts im Fernsehen? Jetzt im ernst?»

Das ist eine häufige Reaktion, wenn man jemandem gegen Ende des Jahres erklärt, womit man derzeit seine Freizeit verbringt. Zumindest die elektronische Variante hat wohl fast jeder schon mal gespielt, mancher hat es vielleicht beim obligaten Turnier im Skilager in die KO-Phase geschafft.

Dort kann man die Faszination schon ein wenig ablesen: Das «Oooooh!» und «Uuuuuh!» der Zuschauer, beziehungsweise Mitschüler, wenn ein Wurf knapp danebengeht. Nur dass die Profis nicht ewig brauchen, um endlich auf Null zu kommen, sondern einen 180-er nach dem anderen auf die Tafel ballern.

Und natürlich sind die Verzweiflungs- und Freudenschreie des Publikums im «Ally Pally», (kurz für Alexandra Palace, dem Austragungsort in London) auch ein bisschen lauter als im schlecht gelüfteten Aufenthaltsraum des Skilagers. Die Fans sind es denn auch, die einen Grossteil des Hypes ausmachen – und zum Beispiel auch einfach mal einen Einlaufsong fertig singen.

Gut, die Briten singen halt gern. Mit einem Oasis-Klassiker als Einlaufmusik macht Joe Cullen auch keine Experimente. Genauso wie Nathan Aspinall, der sich für die inoffizielle britische Nationalhymne entschieden hat (gesungen von einer Band aus Nevada).

Weniger stimmgewaltig, aber genauso laut geht es zu und her, wenn der Niederländer Dirk Van Duijvenbode dem Publikum seinen Einlauf verpasst. Ja, diese Schreibweise passt.

Die überdrehten Persönlichkeiten

Die Darts-WM ist ein humoristischer Akt an sich. Tausende Zuschauer und noch viel mehr zu Hause an den Bildschirmen jubeln meist klar übergewichtigen Sport-Stars zu und feiern ab, wie diese Giganten winzige Pfeile in noch kleinere Felder werfen.

Und auch wenn viele der Darts-Profis durchaus Humor beweisen, verschwinden manchmal dessen Grenzen und es ist nicht ganz klar, was jetzt ernst gemeint ist. Zum Beispiel der langjährige Dominator Michael Van Gerwen aus den Niederlanden liess sich zu folgender Aussage hinreissen: «Wenn ich meine Bestform erreiche, dann verdienen es die anderen nicht einmal, in meinem Schatten zu stehen!»

Dies, kurz nachdem er wegen einer Pfeil-Panne ausgerastet ist und kurz bevor er sich wegen eines positiven Corona-Tests aus dem Turnier verabschieden musste. Ach! Drama! Herrlich!

Oder natürlich die derzeitige Weltnummer 1, der Waliser Gerwyn Price. Er schreit herum, spannt dauernd seine (in der Dartswelt seltenen) Muskeln an, provoziert seine Gegner – und wird vom Publikum dafür gnadenlos ausgepfiffen. Scheint ihn in der Regel aber nur stärker zu machen, auch wenn dieses Jahr im Halbfinale Schluss war.

Die Qualität 

Beim ganze Hype um die Veranstaltung und die Persönlichkeiten, darf man aber nicht ausser Acht lassen, wie gut die Spieler wirklich sind. Spätestens ab dem Viertelfinale ist nur noch die Elite dabei und dann entwickeln sich extrem spannende Spiele, die immer wieder von der einen Seite auf die andere kippen.

Perfektes Beispiel dafür: Das Finale vom Montagabend. Obwohl Michael Smith im Finale ganze drei Weltrekorde brach (für die meisten 180-er in einem Spiel, einem Finale und im Turnier) unterlag er schlussendlich dem bunten Irokesenträger Peter Wright.

Die verrückten Spieler und Fans, die Fehden der grossen Persönlichkeiten, die Emotionen und das Drama machen die WM der Nischensportart Darts zum besten Sportanlass des Jahres. Auch dann, wenn man wie ich keine Ahnung hat und selbst jeden Pfeil an der Scheibe vorbeiwirft.

Nur schade, dass es nun wieder so lange dauert, bis der «Ally Pally» wieder aus allen Nähten platzt, und die Fans durchdrehen, wenn Caller Russ Bray mit seiner irren Stimme «Onehundredandeighty», schreit.

Bis dahin erfreuen wir uns einfach noch ein wenig an den feierwütigen Fans. Zum Beispiel beim 9-Darter von William Borland.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 4. Januar 2022 13:44
aktualisiert: 4. Januar 2022 13:57