Fechten

«Die Erinnerungen sind fast wichtiger als die Medaille»

27. Juni 2020, 09:05 Uhr
Der Final gegen den Chinesen Wang Lei war eine klare Angelegenheit: Fischer gewann 15:9.
© KEYSTONE/EPA/JENS WOLF
Der 17. August 2004 ist für Marcel Fischer der Tag, an dem alles zusammenpasst. Mit fast schon spielerischer Leichtigkeit holt der Seeländer als bisher einziger Schweizer Olympia-Gold im Degenfechten.

Marcel Fischer ist ein viel beschäftigter Mann. Als Orthopäde hat er in dieser Zeit, in der alle auf ihren Mountainbikes und Elektrovelos nach draussen drängen, alle Hände voll zu tun. 2004 steckte der heute 41-Jährige aber noch mitten im Medizinstudium und ordnete dem Projekt Olympiasieg dennoch fast alles unter. «Ich hatte schon als kleiner Bub das Ziel, bei Olympia dabeizusein», erinnert sich der Arzt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Vier Jahre vorher hatte er in Sydney den 4. Platz belegt und eine Medaille nur um einen Treffer verpasst. Diesmal sollte alles zusammenpassen.

«Ich setzte mich selber massiv unter Druck», sagt Fischer im Rückblick. «Aber ich fühlte mich schon in den Tagen davor gut und das Selbstvertrauen stimmte, denn ich hatte in der ganzen Saison viel gewonnen.» Tatsächlich klappte dann in Athen, drei Tage nach seinem 26. Geburtstag, alles wie am Schnürchen. Er erinnere sich an fast alles, schliesslich war das «so ein wichtiger Tag»: die Spannung am Morgen, das Anschauen der Pisten, der Espresso dazwischen, das Beobachten des anderen Halbfinals. Die Fechter haben an einem solchen Olympiawettkampf einen enorm langen Tag, im Fall von Fischer fünf Gefechte innert zwölf Stunden.

«An diesem Tag stimmte alles»

Er war als Nummer 2 der Welt zuoberst ins Tableau gelost worden. Auf dem Weg zum Sieg gab es jedoch jede Menge potenzielle Stolpersteine. «Fernandez, der Chinese im Final, auch Kovacs, das waren alles keine Lieblingsfechter von mir. Aber an diesem Tag war das egal, es stimmte einfach alles. Schon am Morgen beim Aufwärmen hat alles so funktioniert, wie ich es mag.» Kein einziges Gefecht war wirklich knapp, den Halbfinal und Final entschied Fischer jeweils 15:9 für sich.

Dabei hing seine Teilnahme an den Olympischen Spielen an einem seidenen Faden. Im März war er noch die Nummer 3 der Weltrangliste und musste dennoch in ein Qualifikationsturnier - bei 32 Olympiateilnehmern waren nur zwei Fechter aus Europa direkt startberechtigt. Das Thema beschäftigt Fischer noch heute, seine Stimme zittert fast vor Entrüstung: «Das war eine extreme Ungerechtigkeit und nur sehr schwer zu verstehen.» Beim Zonenturnier in Gent stand er dann tatsächlich wenige Sekunden vor dem Aus, kämpfte sich aber durch. Das hatte auch sein Gutes. «Es gab mir Selbstvertrauen und half mir in Athen extrem.»

Bis zum ultimativen Glücksgefühl. Nach dem Halbfinal hatte Fischer das erste Ziel, die Medaille, die er vier Jahre zuvor so knapp verpasst hatte, erreicht, doch er wollte mehr. «Ich war im Weltcup öfter Zweiter als Sieger. Aber diesmal war das Gefühl ein anderes. Ich wollte gewinnen und ich spürte, ich werde gewinnen.» Und dann kam der «einmalige Moment, den man nur einmal im Leben hat»: der Gang auf die oberste Treppe des Podests und die Nationalhymne.

«Da kommt so eine Ruhe über einen», so Fischer. Diese hielt aber nicht lange an. «In der Nacht darauf schläft man nichts, obwohl man kaputt ist», erzählt der gebürtige Seeländer, der in Basel trainierte. Der nächste Tag sei vollgepackt mit Terminen. «Da läufst du einfach mit.» Was er erreicht hatte, realisierte er in dem Moment nicht richtig. «Das ‹Wow, das ist genial› kam erst ein paar Wochen später.»

Nach der verpassten Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking beendete Fischer seine Karriere und zog an den Bodensee, wo er eine Familie gründete. Da lebt und arbeitet er - nach einer gesundheitlich nicht immer einfachen Zeit - noch immer. Ganz losgelassen hat ihn das Fechten nicht. Als Benjamin Steffen 2016 in Rio um die Medaillen kämpfte, war Fischer mit seiner Familie auf Mallorca in den Ferien. «Sie gingen essen, ich schaute die entscheidenden Gefechte auf dem Computer», erzählt er. Leider belegte Steffen, der nur vier Jahre jünger als Fischer und ein langjähriger Weggefährte ist, den 4. Platz. «Aber er hat ja nochmals eine Chance, und ich hoffe, er packt das.»

Seine eigene Medaille hat keinen speziellen Platz, sie ist in Fischers Zuhause verstaut. «Das ganz Spezielle sind die Erinnerungen. Sie sind fast noch wichtiger als die Medaille», sinniert Fischer.

Quelle: sda
veröffentlicht: 27. Juni 2020 05:05
aktualisiert: 27. Juni 2020 09:05