Spitzguuge

0:4 – ein Nackenschlag, aber kein Beinbruch

Dominic Ledergerber, 26. Juni 2020, 13:16 Uhr
Ermedin Demirović trauert einer Chance nach.
© Keystone
Trotz starker Startphase beziehen die Espen gegen den FC Zürich ihre höchste Saisonniederlage (0:4). «Den St.Gallern fehlte es nach der druckvollen Startphase an Geduld», schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber.

Im Nachgang der Partie wird sich FCZ-Trainer Ludovic Magnin wohl selber gefragt haben, wie seine Mannschaft nach dieser Startphase noch mit 4:0 gewinnen konnte. Gegenüber dem «St.Galler Tagblatt» resümierte der einstige Nationalspieler süffisant: «St.Gallen kam wie die Feuerwehr. Dann war das Gewitter vorbei und wir haben 70 Minuten lang toll Fussball gespielt.»

Die Zürcher bejubelten ihren ersten Rückrundensieg, weil sie die druckvolle St.Galler Startphase schadlos überstanden hatten. Dieser Sieg mag zwar zu hoch ausgefallen sein, aber er war keineswegs unverdient. Soweit das Fazit aus der Sicht der Gäste, ein Sieg lässt sich schliesslich immer einfacher erklären als eine Niederlage.

Die Mannschaft von Peter Zeidler hingegen bekundete Mühe mit den Standards der Gäste und der taktischen Ausrichtung nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Verteidiger Yannis Letard (47.). Dazu liess sie im Abschluss Präzision vermissen, nur zwei der insgesamt 24 Torschüsse fanden den Weg aufs Tor.

Vor allem aber schien der FC St.Gallen nach dem «Gewitter» zum Start damit zu hadern, dass dieses keinen Profit abwarf. Es fehlte ihm in der Folge an Geduld.

Ein entscheidendes Detail

Der FC St.Gallen hatte in der Startphase genügend Möglichkeiten, um die Partie frühzeitig in die gewünschte Richtung zu lenken, etwa als Cedric Itten mit einem traumhaften Dropkick nur die Latte traf (14.). Die Zürcher hingegen gingen nach einer halben Stunde eher zufällig in Führung, als Vincent Rüfli einen Kramer-Kopfball unglücklich über die eigene Torlinie bugsierte (31.).

Der Rückstand entgegen dem Spielverlauf liess die St.Galler verzweifeln und gab den Gästen Mut. Es war ein Detail, das sich für diese Partie vor lautstarken 750 Fans als entscheidend herausstellen sollte. Bis zur Pause waren die Espen in fast allen Statistiken drückend überlegen und lagen doch zurück.

Nachdem Verfolger YB am Dienstagabend bereits bei Schlusslicht Thun gepatzt hatte (0:1), wollten die Espen – das war zu spüren – die Tabellenführung unbedingt auf drei Punkte ausbauen. Dabei agierten sie jedoch zu ungeduldig, liessen immer mehr Konter zu und kassierten auf diese Weise das 0:2 (64.), bei dem der nach der Pause für Letard eingewechselte Fabiano Alves keine gute Figur machte.

Zu langsam für Tosin

Gerade die linke St.Galler Abwehrseite, die zu dem Zeitpunkt aus Alves und Rüfli bestand, war taktisch zu wenig ausgebufft und vor allem viel zu langsam, um den pfeilschnellen FCZ-Angreifer Aiyegun Tosin in Schach zu halten. Zeidler wechselte seine beiden Verteidiger kurz nach dem zweiten Gegentor gemeinsam aus (67.).

Besser wurden die St.Galler deswegen nicht. Besonders in der zweiten Halbzeit spielten sie kaum noch zielstrebig, gewannen deutlich weniger Zweikämpfe als vor dem Seitenwechsel und schielten mit einem Auge stets auf die Match-Uhr, die unbarmherzig schnell zu ticken schien. Dass der FC St.Gallen am Ende noch ein drittes und viertes Gegentor kassierte, machte den Nackenschlag perfekt.

Die Spielernoten für die Zeidler-Elf:

Jetzt kommt Thun

Ein Beinbruch ist diese Niederlage gleichwohl nicht, schliesslich sind die Espen immer noch Leader und können bereits am Sonntag gegen Thun (ab 16 Uhr im Liveticker auf FM1Today) beweisen, dass sie aus diesem 0:4 die richtigen Schlüsse gezogen haben. Die Berner Oberländer sind hinter dem FC Luzern und punktgleich mit St.Gallen das zweitbeste Rückrundenteam und haben mit dem Sieg gegen YB zuletzt viel Moral getankt.

Trotzdem ist der FC St.Gallen für dieses Spiel zu favorisieren. Wenn er es schafft, seinen taktischen Prinzipien über 90 Minuten treu zu bleiben, wird es für die Thuner schwierig werden, ihren Lauf fortzusetzen. Fleissig sind die Espen ohnehin in jedem Spiel – wenn sie nun gleichzeitig auch noch die Geduld bewahren, werden sie es sein, die am Sonntagabend einen Sieg erklären dürfen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 26. Juni 2020 12:40
aktualisiert: 26. Juni 2020 13:16