Spitzguuge

Alain Sutter: «Wir wollen jedes Spiel gewinnen»

Dominic Ledergerber, 29. August 2020, 06:36 Uhr
Alain Sutter stiess 2018 zum FC St.Gallen. (Archivbild)
© Keystone
Nach einer herausragenden Spielerkarriere lässt Alain Sutter (52) auch in seiner neuen Rolle als Sportchef aufhorchen. Der Vizemeistertitel mit dem FC St.Gallen hat ihm auch öffentlich viel Vertrauen eingebracht. «Für mich ist das aber nicht relevant», sagt er im Interview mit Sportjournalist Dominic Ledergerber.

Alain Sutter ist kein jovialer Händeschüttler, kein emsiger Schulterklopfer und schon gar kein Lautsprecher. Der 62-fache Schweizer Internationale wählt seine Worte mit Bedacht und er beurteilt sich selbst losgelöst von den emotionalen Schwankungen, denen das Fussball-Business unterliegt.

Was den Sportchef des FC St.Gallen überdies auszeichnet: Er geht seinen Weg unaufgeregt und ohne Kompromisse, er ist von der Richtung dieses Wegs genauso überzeugt, wie von seinen Qualitäten. Vor allem aber meidet er das gleissende Scheinwerferlicht. Nichts würde Alain Sutter fernerliegen, als als «Baumeister des Erfolgs» bezeichnet zu werden. Dabei hat er aus den Espen mit klammem Budget und geschickten Transfers einen Anwärter auf den Meistertitel geformt.

Alain Sutter, der FC St.Gallen war die grosse Überraschung der letzten Saison. Was hat Sie am meisten überrascht?

Wenn ich überrascht wäre, hiesse das, Platz zwei sei Zufall gewesen. Wenn ich aber sagen würde, ich sei nicht überrascht, wäre dies völlig überheblich. Lassen Sie mich es so ausdrücken: Was in dieser Saison passiert ist, war sicherlich nicht selbstverständlich.

Sie wurden im Januar 2018 Sportchef eines FC St.Gallen, der knapp am Ruin vorbeigeschrammt war und vor einem grundlegenden Umbruch stand. Ihr Vertrauen zu Präsident Matthias Hüppi musste schon damals gross gewesen sein.

Ich habe mich nicht nur mit Matthias, sondern mit dem gesamten Verwaltungsrat unterhalten. Diese Gespräche zeigten mir, dass hier Menschen arbeiten, mit denen es passt. Dazu empfand ich diese Aufgabe von Anfang an als spannend.

Was genau fanden Sie spannend?

Es war kein laufendes Projekt, in dem alles schon vorgegeben war. Mir war klar, dass viele Entscheidungen und Veränderungen anstehen würden, ich mich mit meinen Ideen einbringen und das Projekt als solches prägen kann. Ganz zu Beginn legte ich dem Verwaltungsrat zudem dar, wie ich den Fussball sehe und unsere Ansichten waren absolut identisch.

Wie sehen Sie den Fussball?

Ich will aktiven Fussball sehen und zwar in jeder Spielsituation. Ausserdem war von Anfang an klar, dass junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ein wichtiger Teil der Mannschaft sein werden. Dass wir aber so stark auf Junge setzen, ergab sich aus der Budgetvorgabe, an die wir uns halten mussten und der Tatsache, dass wir im ersten Jahr alleine für die 1. Mannschaft eine Million Franken einsparen mussten. Das Projekt war also von Beginn weg spannend, vieles hat sich aber erst auf dieser Reise ergeben.

Wie hat sich der Fussball seit Ihrer Aktivzeit verändert?

Er hat sich nicht verändert, er hat sich weiterentwickelt, und zwar in allen Komponenten und Facetten. Das Spiel ist dasselbe geblieben, aber es ist schneller, athletischer und taktisch variabler geworden.

Auch der FC St.Gallen soll sich weiterentwickeln, mit Itten und Demirović gingen aber nicht weniger als 48 Torbeteiligungen verloren. Wie gross ist Ihre Zuversicht, dass Spieler wie Florian Kamberi, Kwadwo Duah oder Boubacar Traorè die Lücke schliessen können?

Wenn ich nicht zuversichtlich wäre, hätte ich diese Spieler nicht verpflichtet. Aber wie es rauskommt, weiss man im Vornherein nie. Vor einem Jahr verliessen uns mit Barnetta, Sierro oder Ashimeru auch tragende Säulen, später auch Kutesa und in der Winterpause Stojanović. Das ist einfach eine Gegebenheit, gegen die man nichts tun kann. Man kann alte und neue Spieler nicht vergleichen, das haben wir damals nicht gemacht und das unterlassen wir auch heute.

Was sich zu damals aber geändert hat, ist das Vertrauen in Ihre Arbeit. «Wenn ihn Alain Sutter geholt hat, dann kann der Spieler so schlecht nicht sein», lautet der Tenor vielerorts. Spüren Sie auch, dass das Vertrauen Ihrer Arbeit gegenüber gestiegen ist?

Das ist gewissermassen logisch, schliesslich bin ich in St.Gallen erstmals Sportchef, Referenzwerte meiner Arbeit gab es nicht. Nach der erfolgreichen Saison sagen die Leute: «Der weiss schon, was er tut.» Aber das kann sich sehr schnell ändern und wenn dann mal ein Transfer nicht einschlägt, sinkt auch das Vertrauen in meine Arbeit wieder. Deshalb hat dieses Vertrauen für mich keine Relevanz und keinerlei Bedeutung.

Woher kam das Vertrauen in sich selber, dass Sie ein guter Sportchef sein könnten?

Mit all den Erfahrungen, die ich im Fussball, aber auch ausserhalb in meinem Leben gemacht habe, war ich der Meinung, dass mein Rucksack soweit genügend gefüllt war, um dieser Aufgabe gewachsen zu sein.

Täuscht der Eindruck oder beurteilen Sie Ihre Arbeit tatsächlich losgelöst von jeglichen Emotionen, denen der Fussball unterliegt?

Doch, das ist schon so. Es geht darum, dass man die Dinge richtig einordnen kann. Die Wahrnehmung meiner Arbeit von aussen kann schon morgen wieder eine ganz andere sein. Ich habe in diesem Geschäft viel zu viel erlebt, um mich davon täuschen zu lassen. Als ich Profi war, wurde ich hochgejubelt und dann am nächsten Tag wieder plattgemacht. Wenn man dafür anfällig ist, ist man eine arme Sau.

Am Dienstag wissen wir, gegen wen der FC St.Gallen am 24. September in der Europa-League-Qualifikation antreten wird. Über welches Los würden Sie jubeln?

Ganz ehrlich, darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf, es ist ja auch kein Wunschkonzert. Wir nehmen es, wie es kommt.

Die Meisterschaft beginnt schon zwei Wochen vorher. Was kann man vom Vizemeister erwarten?

Dass wir alles geben. Wir sind hochambitiös und es ist mein Ziel, jedes Spiel zu gewinnen und jeden Gegner zu dominieren, auch wenn wir nicht wissen, wie es schlussendlich rauskommt. Die Liga ist sehr ausgeglichen und es ist kein Selbstläufer, auch nur ein einziges Spiel zu gewinnen. Dessen müssen wir uns stets bewusst sein.

Der Transfermarkt ist noch bis Mitte Oktober geöffnet. Erwarten Sie, dass sich das Kader noch gross verändern wird?

Ich habe offen gesagt keine Ahnung. Wir haben viele Spieler, die in der letzten Saison auf sich aufmerksam gemacht haben, die auch auf dem Transfermarkt interessant sind. Natürlich wollen wir diese Mannschaft so gut es geht zusammenzuhalten. Aber ich mache mir keine Gedanken über Dinge, die sein könnten – dafür habe ich zu viele Dinge, die sind.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 29. August 2020 06:36
aktualisiert: 29. August 2020 06:36