Neuer Dokfilm

«Barnetta war ein kleines Schlitzohr»

Laurien Gschwend, 22. Mai 2020, 11:34 Uhr
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Quelle: TVO

Wie einst versprochen, beendete Tranquillo Barnetta seine Laufbahn nach 17 Jahren bei seinem Herzensclub, dem FC St.Gallen. In einem Dokfilm meldet sich der St.Galler exklusiv aus seiner Pension.

Nach 17 Jahren als Profifussballer und 75 Länderspielen für die Schweizer Nationalmannschaft trat Tranquillo Barnetta vergangenes Jahr zurück. Es war ein Abschied unter Tränen – die Fans des FC St.Gallen feierten «Quillo» in jener Kurve, in der er schon als Bub stand, auch wenn das Stadion ein anderes war. «Ich bin wahnsinnig dankbar für alles, was ich erleben durfte», sagt der Familienvater in einer neuen Dokumentation des Ostschweizer Fernsehens TVO.

Vom Quartierplatz ins Espenmoos

Der Film beleuchtet die Karriere des St.Galler Ausnahmetalents und lässt ehemalige Mitspieler und Trainer zu Wort kommen. Die Wegbegleiter sprechen über die Anfänge, die Glanzzeiten und das nicht ganz so leichte Ende der Laufbahn – und verraten bislang unbekannte Details.

Dass er einmal Profi werden würde, hätten sowohl «Quillo» als auch seine Familie nicht gedacht. Was auf einem kleinen Quartierfussballplatz in der Notkersegg anfing, nahm seinen vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2002: Damals debütierte Barnetta mit nur 17 Jahren in der ersten Mannschaft des FCSG im Espenmoos. Der damalige Trainer Gérard Castella erkannte das Talent des Ostschweizers mit italienischen Wurzeln: «Er war immer konzentriert und gab auf dem Platz hundert Prozent.»

Schon als Barnetta mit der U17-Nati Europameister wurde, klopfte Bayer Leverkusen an. Das Jungtalent sollte nicht im Nachwuchs, sondern gleich in der ersten Mannschaft eingesetzt werden, erinnert sich Vater Willo Barnetta. «Gopferdeckel, dachte ich mir, dass ein solcher Verein auf uns zukommt.»

Wechsel zu Basel nie Thema

Und auch der FC Basel bekundete Interesse an «Quillo». «Der damalige Trainer Christian Gross schlug vor dem Schritt in die Bundesliga einen Wechsel zu Basel vor», sagt Barnetta. «Für mich kam es aus verschiedenen Gründen aber nicht in Frage, innerhalb der Schweiz zu wechseln. Vor allem bin ich St.Galler und konnte mir nicht vorstellen, für Basel zu spielen – denn auch ich stand schon auf der Tribüne hinter dem Goal und da mochten wir die Basler nicht so gerne.»

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Quelle: TVO

Sieben Jahre stand «Quillo» bei Bayer Leverkusen unter Vertrag, er mauserte sich dank seiner «herausragenden Fähigkeiten» zu einer wichtigen Spielfigur, wie der damalige Trainer und heutige Geschäftsführer des Bundesligaclubs, Rudi Völler, schwärmt. «Er tat seine Meinung immer kund, das war wichtig.»

Der St.Galler aus dem beschaulichen Quartier Notkersegg lebte in der Zeit in der Grossstadt Köln, in einer bescheidenen Studentenwohnung. Statt mit einem Sportwagen anzugeben, nahm er das Velo oder war zu Fuss unterwegs.

«Tranquillo gehörte nicht der neuen Generation der Instagram-Profis an», sagt Fussballlegende Rudi Völler. «Er war eher die alte Generation und schlug am Wochenende auch mal über die Stränge.» Das bestätigt der frühere Bayer-Leverkusen-Manager Reiner Calmund: «Er schien ein Schwiegermuttertraum zu sein – höfflich, nett und gut verdienend. Wenn man aber genauer hinschaute, merkte man, dass er ein kleines Schlitzohr war.»

Barnetta wechselte zu Schalke und später in die Major League Soccer zu Philadelphia Union. Die Zeit in den USA sei gut gewesen, blickt Barnetta zurück: «Es ging ums Spielen, ich verspürte die gleiche Freude wie als Bub in der Notkersegg.» Auch bei einer Niederlage seien die Fans hingekommen und hätten ihn für das «Great Game» gelobt. «Man wurde nie ausgepfiffen.»

Erwartungen an Rückkehrer 

Anders zu und her ging es im heimischen Kybunpark: Bei seiner Rückkehr zum FC St.Gallen wurde Barnetta mit den hohen Erwartungen der Fans und dem neuen Trainer Peter Zeidler konfrontiert, für den der «verlorene Sohn» nicht mehr zur Startelf gehörte. «Das tat schon weh», sagt «Quillo». Er sei bei seinem Comeback nicht mehr der gleiche gewesen als noch zu seinem Karrierestart in Grün-Weiss.

Kurz vor seinem definitiven Karriereende im Frühling 2019 konnte der Mittelfeldspieler das Ruder nochmals rumreissen, er erzielte wichtige Tore im Kampf gegen die Barrage. «Dank dieses fulminanten Endspurts war er am Schluss unsere Lebensversicherung», sagt Matthias Hüppi, ehemaliger SRF-Sportjournalist und heutiger Präsident des FCSG.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 22. Mai 2020 11:34
aktualisiert: 22. Mai 2020 11:34