Cupfinal

Die Wunde von Bern

Sandro Zulian, 15. Mai 2022, 18:46 Uhr
Das war ein Cupfinal zum vergessen. Der FC St.Gallen geht gegen Lugano im Wankdorf sang- und klanglos mit 1:4 unter. Die Enttäuschung ist kaum in Worte zu fassen. Ein Kommentar.
Jordi Quintilla liegt sinnbildlich für das kollektive Gefühl einer ganzen Region am Boden.
© Keystone

Wie riesengross war die Vorfreude, wie riesengross war die Euphorie, wie riesengross war die Hoffnung, dass der FC St.Gallen, unser Traditionsclub, nach 53 Jahren des Wartens den begehrten Kübel wieder einmal nach Hause holen könnte. Siegessicher und voller Freude pilgerten tausende Menschen in die Hauptstadt. Tranken, sangen, johlten. Dieses Lugano, das im letzten Ligaspiel gegen St.Gallen eine wenig überzeugende Leistung auf den Platz brachte, diese Tessiner, die sollten doch zu schlagen sein.

Der erste Stich ins grün-weisse Herz war der Führungstreffer der Luganesi nur wenige Minuten nach dem Anpfiff. Was nach der Pause folgte, war für eingefleischte Fans kaum zu ertragen. Ein Trauma, das die Ostschweiz wohl noch längere Zeit beschäftigen wird. «Ihr braucht nur vier Tore in den letzten zehn Minuten», schrieb mir ein Freund aus England, der durch mich Londoner-Ausland-Espe geworden war und stets auf hoffnungslosem Optimismus beharrt. «Alles ist möglich», so sein Credo. So sollte es leider nicht sein.

Es schien als hemmte die unbändige Euphorie in der Ostschweiz die Spieler. Das frühe Tor der Luganesi tat sein weiteres. Auch nach dem Ausgleich entfachte die Mannschaft kein Feuer auf dem Platz, wie das sonst so oft der Fall war.

Die Euphorie endet in unübertreffbarer Enttäuschung. Die Resignation stellte sich allmählich ein, ähnlich wie im letzten Jahr gegen Luzern. 1:4. Irgendwann waren es der Messerstiche zu viele, als dass man jeden einzelnen isoliert noch hätte spüren können. Die Beizen werden leer bleiben, der Marktplatz verwaist, die Freinacht ist abgesagt. Wie unglaublich bitter.

Der Blick war trüb, als Schiedsrichter Urs Schnyder die Partie abpfiff und die Espen «erlöste». Tränen der Enttäuschung flossen. Das eine Tor, das den Espen gelang, ist ein viel zu kleines Trostpflaster auf einer viel zu grossen, blutenden Wunde. Und trotzdem: In dieser dunklen Stunde vermag uns vielleicht die Weisheit eines englischen Fussballfans namens Harry Wright weiterhelfen: «Never let the football ruin a good day out at the football.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 15. Mai 2022 16:28
aktualisiert: 15. Mai 2022 18:46
Anzeige