Cedric Itten

«Du weisst gar nicht mehr, wie du jubeln sollst»

Christoph Thurnherr, 22. November 2019, 16:08 Uhr
Er hat gezeigt, dass er es auch für die Nationalmannschaft kann. Cedric Itten spricht im grossen Interview mit FM1Today unter anderem über das wichtigste Tor seiner Karriere – und wie er zur Nationalhymne steht.

Besser hätte es für Cedric Itten (22) gar nicht laufen können. Der St.Galler Stürmer wird für die Länderspiele gegen Georgien und Gibraltar das erste Mal für die Schweizer Nati aufgeboten. Das allein ist eine Ehre, die nur wenigen zuteil wird. 

Durch eine Verkettung für ihn glücklicher Umstände wird Itten eingewechselt und trifft per Kopf zum entscheidenden 1:0. Beim Debüt im eigenen Stadion. Irgendwie schon fast logisch, dass es so kommen musste. Im Spiel gegen Gibraltar darf der St.Galler Überflieger von Beginn weg spielen und steuert zwei Treffer bei. 

Cedric Itten, du bist der beste Torschütze der Schweiz in der EM-Quali. Wie hört sich das für dich an?
Das klingt unglaublich schön. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Die zwei Einsätze waren wirklich etwas Besonderes.

Ich habe mit meinen Freunden gewettet, dass du eingewechselt wirst und das Tor machst. Hattest du es selbst auch im Gefühl?
Nein, ich dachte, nur schon ein Einsatz im eigenen Stadion wäre das perfekte Debüt für mich. Klar, als Stürmer kannst du immer eine Torchance bekommen. Dass es dann so kommt, ist ein Traum.

Ein Doppelpass, perfekte Flanke von Denis Zakaria, du köpft ins Tor. Was ging in dir vor, als der Ball im Netz landete?
Es kam alles zusammen. Du weisst gar nicht, wie du jubeln sollst, es sind so viele Emotionen auf einmal. Es war so ein wichtiges Tor! Ich kann es immer noch nicht ganz beschreiben. 

Wie ordnest du dieses Tor ein?
Definitiv das wichtigste meiner Karriere bis jetzt. 

Du kamst als Nati-Neuling, jetzt bist du Top-Torschütze. Erwartest du nun, dass du immer spielst?
Nein, absolut nicht. Es gibt so viele grossartige Spieler in der Nati, ich bin einfach froh, jetzt mal dabei gewesen zu sein. Erwartungen habe ich keine. 

Für uns alle, die das nie selbst erleben werden: Wie ist es, mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust aufs Feld zu laufen?
Emotionen pur. Als kleiner Junge verfolgst du die Spiele schon, und dann geht dieser Traum in Erfüllung, die Nationalhymne spielt...

...hast du gesungen?
Sowieso. Ich kann die ganze Hymne auswendig. 

Cedric Itten erlebt im Moment den bisherigen Höhepunkt seiner noch jungen Karriere. Vor einem Jahr hätte damit kaum jemand gerechnet. Itten war nach einem schlimmen Foul von Lugano-Spieler Fabio Daprelà am 23. September noch in der Reha.

Die Diagnose: Riss des vorderen Kreuzbands und des Innenbands im rechten Knie. «Ich habe versucht, positiv zu bleiben. Das hilft auch bei der Regeneration. Aber ja, du bist jeden Tag im Kraftraum, gibst dein Bestes – nur die Schmerzen sind immer noch da. Dann ist es nicht einfach im Kopf. Du fragst dich, warum es denn nicht schon besser ist. Umso mehr bin ich froh, dass ich praktisch keine Probleme mehr habe.»

Itten hat sich zurückgekämpft, kam Ende letzer Saison zu einem Kurzeinsatz für St.Gallen und trifft diese Saison regelmässig. In der Super League stehen für ihn bisher sechs Tore zu Buche. 

Du warst auch vor deinen Nati-Leistungen schon populär, jetzt natürlich umso mehr. Wie bleibst du am Boden?
Meine Familie, meine Freunde und natürlich meine Freundin, die schauen schon. Ich bin aber auch nicht der Typ, der schnell abhebt.  

Du sprichst deine Freundin an, auch sie ist in den Fokus der Medien gerückt. Wie geht sie damit um?
Ich glaube, es ist für sie nicht so einfach. Sie versucht, einfach cool damit umzugehen, es gehört halt dazu. Es ist aber so, dass wir beide eher ruhigere Typen und lieber im Hintergrund sind. 

Was machst du denn so im Hintergrund? Was hat ein Cedric Itten für Hobbys?
Mit Hobbys ist es eher schwierig. Meine Freundin macht gerade die Berufsmatura, ich helfe ihr dabei. An den freien Tagen gehen wir oft nach Basel, besuchen Freunde und Familie. 

Basel also. Bleibst du nicht in St.Gallen? Oder gibt es sogar schon Interesse aus dem Ausland?
Ich habe mich damit gar nicht befasst. Ich bin glücklich in St.Gallen, aber man weiss ja nie, was kommt.  

Hast du einen ausländischen Lieblingsverein?
Als Kind war das sicher Real Madrid, vor allem wegen Zinédine Zidane. Er war mein Lieblingsspieler. 

Am Sonntag spielt der FC St.Gallen gegen Xamax. Fällt dir die Umstellung von der Nati leicht?
Es fiel mir auch schon leicht, in die Nati einzurücken, weil wir mit dem Verein davor so einen guten Lauf hatten. Abgesehen vom YB-Spiel, das aber nicht schlecht war. Das Nati-Abenteuer gibt mir natürlich viel Selbstvertrauen und wir versuchen jetzt einfach, wieder so einen Lauf hinzulegen wie vor dem Spiel gegen die Young Boys.

(thc)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 22. November 2019 15:47
aktualisiert: 22. November 2019 16:08