Spitzguuge

Muss die Null wirklich stehen?

Dominic Ledergerber, 6. Juli 2020, 11:30 Uhr
Der FC St.Gallen widerlegt gerade Huub Stevens’ berühmteste These: In den letzten sieben Partien haben die Espen nie zu Null gespielt und die Tabellenführung dennoch erfolgreich verteidigt. «Diese Offensive ist eine Wucht. Trotzdem bestehen Zweifel, ob’s für den Titel reicht», schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber.

Ein fulminanter Beginn und dann doch noch dem Schlusspfiff entgegenzittern. Die Spiele des FC St.Gallen gleichen sich derzeit wie ein Ei dem anderen. Auch am Sonntag gegen Sion (2:1) begann Peter Zeidlers Team bärenstark, lag nach etwas mehr als 18 Minuten und einer Demirovic-Doublette mit zwei Längen vorne und erweckte den Eindruck, die formschwachen Sittener mit einem Kantersieg noch tiefer in die Krise zu bugsieren.

Doch es kam wieder einmal anders. Wie schon im letzten Heimspiel gegen Thun (3:2) resultierte am Ende ein Sieg mit «nur» einem Tor Differenz, diesmal mussten die Espen sogar noch weitaus mehr zittern als gegen die Berner Oberländer.

Aber, und auch das ist eine Gemeinsamkeit der letzten Spiele, das 0:4 gegen den FC Zürich ausgenommen: Auf die Offensive war absolut Verlass. Sie ist das Prunkstück dieser furchtlos auftretender St.Galler Mannschaft, die auch nach 28 von 36 Spieltagen von der Tabellenspitze der Super League grüsst.

Als Zamoranos Tor nicht reichte

Eine unwiderstehliche Offensive sorgt beim FCSG also dafür, dass die Tatsache, dass dieser in den letzten sieben Partien kein einziges Mal zu Null spielte, zur Makulatur verkommt. Dabei sagte doch einst der niederländische Trainer Huub Stevens den legendären Satz: «Die Null muss stehen.» Stevens war Ende der 90er Jahre Trainer beim FC Schalke 04 und gewann mit den Knappen 1997 sensationell den Uefa Cup.

Dieser Erfolg war auf eine von Weltmeister Olaf Thon orchestrierte Defensive zurückzuführen, die einem Bollwerk gleichkam. So war es auch möglich, im Hin- und Rückspiel des Finales gegen das grosse Inter Mailand nur ein Gegentor zu kassieren. Dieses erzielte im Rückspiel in Mailand ein gewisser Iván Zamorano, womit wir natürlich wieder beim FC St.Gallen angelangt sind.

Gegen das hohe Pressing der Zeidler-Elf sieht die nationale Konkurrenz derzeit kein Land, weshalb die Espen den Zwei-Punkte-Vorsprung auf YB auch am Sonntag verteidigen konnten. Die Spielweise fordert allerdings nicht nur viel Kraft, sie macht die junge Mannschaft auch anfällig auf Konter. Ein solcher führte am Sonntag in der 22. Minute zum einzigen Sion-Tor.

Kann Offensive Titel gewinnen?

Beim FC St.Gallen muss die Null derzeit also nicht stehen, für den Sieg reichte es in vier der fünf Partien seit dem Re-Start dennoch. Aber reicht es auch für den Titel? «Die Offensive kurbelt den Ticketverkauf an, aber es ist die Defensive, die Meisterschaften gewinnt», meinte einst der scharfsinnige US-Football-Coach Paul Bryant.

Und zumindest in dieser Statistik sind die Young Boys den Espen um Längen voraus. Am Sonntag gegen Lugano kassierte die Berner Defensive bereits zum zehnten Mal kein Gegentor, der FCSG hingegen kommt in der gesamten Saison nur auf vier weisse Westen.

Ob die St.Galler Offensive gefährlich genug ist, um den Meistertitel zu gewinnen, wird davon abhängen, ob das Team von Verletzungen verschont bleibt und wie es in den kommenden sieben Partien bis zum Showdown am 2. August gegen YB seine Kräfte konservieren kann.

Eine wegweisende Woche

Viel Zeit bleibt den Espen auch nach dem gestrigen Kräftemessen nicht. Das nächste Spiel findet zwar erst am Donnerstag statt, allerdings in Lugano. Von dort aus wird sich die Mannschaft von Peter Zeidler in ein Kurz-Trainingslager aufmachen und über das Aostatal (I) nach Genf reisen, wo am Sonntag Aufsteiger Servette wartet.

Zu den Strapazen auf dem Rasen folgen nun also auch noch lange Reisen, weshalb man getrost von einer wegweisenden Woche sprechen kann. Eine Zwangspause gibt es am Donnerstag in Lugano für Jérémy Guillemenot (22), der zum achten Mal verwarnt wurde. Der Genfer hatte in den letzten beiden Partien Entscheidendes zu den St.Galler Toren beigetragen und wird der Offensive fehlen.

Dafür kehrt Spielmacher Jordi Quintillà seinerseits nach Gelbsperre zurück – und mit ihm auch die defensiven Tugenden?

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 6. Juli 2020 11:30
aktualisiert: 6. Juli 2020 11:30