FC St.Gallen

Peter Zeidler: «Wir wollen die Euphorie nicht bremsen»

Dominic Ledergerber, 13. Dezember 2019, 09:43 Uhr
Kann Peter Zeidler seine Jungs (hier Boris Babić) auch beim nächsten Spiel vor Freude in die Arme schliessen? (Archivbild)
© Keystone/Gian Ehrenzeller
Mit dem Heimspiel gegen den FC Zürich schliesst der FC St.Gallen am Samstag eine überragende Vorrunde ab. Sportjournalist Dominic Ledergerber sprach mit Trainer Peter Zeidler (57) über die Euphorie, das Interesse an seinen Spielern und auch darüber, was er sich zu Weihnachten wünscht.

Zehn der letzten zwölf Meisterschaftsspiele hat der FC St.Gallen gewonnen. Mit der jüngsten Mannschaft stellen die Espen die beste Offensive der Liga und könnten mit einem Sieg gegen den FCZ sogar als Leader überwintern. Dabei startete das Team von Peter Zeidler harzig in diese Spielzeit: Nur ein Sieg resultierte aus den ersten fünf Partien, dazu scheiterten die Ostschweizer im Cup am zweitklassigen Winterthur. Die Wandlung des FCSG überrascht die Öffentlichkeit – nicht aber seinen Cheftrainer. 

Peter Zeidler, der FC St.Gallen überwintert mindestens auf Platz drei. Wie oft müssen Sie sich zwicken, um sicher zu gehen, dass Sie nicht träumen?
«Ich muss mich überhaupt nicht zwicken, wir bleiben entspannt und freuen uns auf Samstagabend. Wir haben immer gesagt, dass wir uns nicht zu sehr auf die Tabelle konzentrieren wollen, das kostet nur Energie. Wir befassen uns nicht mit der Frage, was alles möglich ist.»

Letzte Saison verpasste der FC St.Gallen die Europa League nur aufgrund des Torverhältnisses, trotzdem wurde Ihr Vertrag in der Sommerpause vorzeitig verlängert. Hat Sie das überrascht?
«Wir haben den Klassenerhalt in sehr überzeugender Manier bewerkstelligt und viele Spieler besser gemacht, dazu hatte Quillo einen grandiosen Abschied. Deshalb wehre ich mich dagegen, das extrem knappe Verpassen des dritten Platzes als Misserfolg zu sehen. Die Verlängerung meines Vertrages war eine Bestätigung dafür, dass wir längerfristig denken…»

…und auch ein Vertrauensbeweis der sportlichen Führung um Matthias Hüppi und Alain Sutter.
«Ja, das Vertrauen war aber von Anfang an da.»

FCSG-Präsident Matthias Hüppi bringt seinem Cheftrainer volles Vertrauen entgegen. 

© Keystone/Gian Ehrenzeller

Sie haben Tranquillo Barnetta erwähnt. Nach dem harzigen Saisonstart und dem Cup-Out in Winterthur hatte man ihn noch mehr vermisst, als es heute der Fall ist.
«Der Start war schon holprig. Das Mittwochsspiel in Zürich (1:2-Niederlage in der vorgezogenen Partie vom 14. August, red.) hat uns auf dem falschen Fuss erwischt, wir waren da mental und körperlich noch nicht bereit, alle drei Tage ein Spiel zu absolvieren. Aber wir haben einfach weitergemacht und nach dem Aus im Pokal auch einige Änderungen vorgenommen. Daraus entwickelte sich dieser Lauf, den wir jetzt haben – und nichts ist motivierender als der Erfolg.»

Sie scheinen ob des Erfolgs nicht überrascht zu sein.
«Die Punkteausbeute überrascht mich schon, damit hätte ich nicht gerechnet. Aber als Trainer ist man davon überzeugt, dass man sich durch Fleiss und kompetente Arbeit immer verbessern kann. Deshalb erstaunt es mich auch nicht, dass wir besser geworden sind. Wenn ich nicht mehr daran glauben würde, dass ich Spieler weiterentwickeln kann, wäre ich fehl am Platz.»

Was macht der FC St.Gallen besser als in der letzten Saison?
«Wir haben viele Spieler, die sich nochmals gesteigert haben. So etwa Stojanović, Hefti, Quintillà, Ruiz oder auch Cedric Itten. Dazu kamen neue Spieler wie Muheim, Letard, Görtler, Demirović oder Babić, die uns weitergebracht haben. Wir haben einen Teamgeist entwickelt, der unsere Taktik verkörpert und haben es geschafft, zu überzeugen und zu begeistern. Der Spirit innerhalb der Mannschaft war schon letzte Saison gut, jetzt ist die Stimmung bei den Spielern noch euphorischer.»

Wie kann man diese Euphorie innerhalb des Teams in Grenzen halten?
«Es gibt keine Grenzen, wir wollen die Euphorie nicht bremsen. Wir wollen sie weiterleben, das haben Alain Sutter, Matthias Hüppi und ich so entschieden. Trotzdem bleiben wir mit beiden Füssen auf dem Boden, schliesslich beginnt jedes Spiel bei null. Worauf wir grossen Wert legen, ist aber die Tatsache, dass wir nach wie vor viele Dinge verbessern können.»

Beim FC St.Gallen sind längst nicht alle Spieler gleich euphorisch. Vincent Rüfli, Moreno Costanzo, Fabiano Alves, Alain Wiss, Milan Vilotić oder Ersatzgoalie Jonathan Klinsmann standen bisher alle weniger als 300 Minuten auf dem Platz. 

Wie gehen Sie mit der «zweiten Garde» um?
«Es spricht enorm für diese Spieler, dass sie sich als Teil des Ganzen sehen, obwohl sie selten zum Zug kommen. Das zeichnet unsere Mannschaft derzeit auch aus. Unser Teamgeist geht über die Startelf hinaus und wir sind überzeugt, dass wir ihn auch beibehalten können. Klar, jeder will spielen. Deshalb müssen wir stark darauf achten, dass wir unsere aktuelle Zusammenstellung beibehalten können.»

Diese Zusammenstellung wird aber auch von aussen bedroht. Spieler wie Quintillà, Ruiz, Babić oder Stergiou dürften für den FC St.Gallen schwierig zu halten sein.
«Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir die Mannschaft über die Winterpause hinaus auf jeden Fall zusammenhalten können. Wir sind natürlich nicht blauäugig und wissen, dass unsere Spieler beobachtet werden – das ist auch eine Auszeichnung für den ganzen Verein.»

Leonidas Stergiou ist mit seinen 17 Jahren schon Abwehrchef und spielt eine überragende Saison. Wie hoch müsste das Angebot sein, damit der FC St.Gallen schwach würde?
«Wir werden ihn sicher nicht verscherbeln! Aber ich will mich auch nicht nur auf Stergiou konzentrieren. Dass Spieler Begehrlichkeiten wecken, ist im Profifussball völlig normal.»

Gibt es Anzeichen für einen Wechsel in der Winterpause?
«Nein, die gibt es nicht und davon will ich auch gar nichts hören. Es muss doch möglich sein, diese Mannschaft für eine ganze Saison zusammenzuhalten. Und es zeichnet den FC St.Gallen aus, dass solche Dinge nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden.»

Nicht nur die St.Galler Spieler sind heiss begehrt, auch ihr Trainer soll Gerüchten zufolge auf dem Wunschzettel diverser Klubs ganz oben stehen. Peter Zeidler hat in Hoffenheim von Ralf Rangnick gelernt und dessen Philosophie vom Offensivfussball mit aggressivem Pressing nun auch dem FC St.Gallen eingeimpft.

Peter Zeidler, wie viel bekommen Sie mit vom Interesse anderer Klubs an Ihnen als Trainer?
«Wenn ich davon höre, sehe ich das wie bei den Spielern als Auszeichnung für unsere gemeinsame Arbeit an. Aber das ist für mich im Moment überhaupt kein Thema. Ich fühle mich wohl in St.Gallen, habe ein sehr gutes Verhältnis zu den Entscheidungsträgern und der Mannschaft und das ist gewiss keine Momentaufnahme.»

Nochmals zum nächsten Gegner: Der FC Zürich erlebte einen Höhenflug, der am Sonntag mit einer 0:5-Heimpleite gegen Aufsteiger Servette jäh endete. Kann dies dem FC St.Gallen auch widerfahren?
«Natürlich werden auch wir wieder ein Spiel verlieren. Die Höhe der Niederlage hat uns überrascht. Aber wir orientieren uns eher an den fünf Spielen davor, die Zürich alle gewonnen hatte. Wir wissen, dass unser Gegner an Stabilität gewonnen und überzeugend gespielt hat. Es wird ein Spiel auf Augenhöhe und wir freuen uns riesig darauf.»

Und dann ist bald auch schon Weihnachten. Was steht in Bezug auf den FC St.Gallen auf Ihrem Wunschzettel?
«Hier unterscheidet sich das Private nicht vom Profifussball. Ich wünsche mir, dass wir alle gesund bleiben – so wie wir das mit wenigen Ausnahmen auch in der Vorrunde geblieben sind.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 13. Dezember 2019 09:33
aktualisiert: 13. Dezember 2019 09:43