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Lagebeurteilung

St.Gallens Tanz auf der Querlatte

Dominic Ledergerber, 8. Januar 2020, 16:34 Uhr
Um zu erkennen, wo der FC St.Gallen hin will, muss analysiert werden, wo er her kommt. Dass den Espen sportlich der nächste Schritt gelingt, ohne dabei eine Finanzspritze in Anspruch zu nehmen, darf bezweifelt werden. Eine Lagebeurteilung zum Jahresende von Sportjournalist und TVO-Moderator Dominic Ledergerber.

Ein sechster Zwischenrang, ein trügerisches Sechs-Punkte-Polster auf die Abstiegszone und eine überfällige Erkenntnis des Sportchefs. Auch zum Ende dieses Jahres blicken die Anhänger des FC St.Gallen weder euphorisch noch angriffslustig auf die zweite Saisonhälfte, die am Wochenende des 2./3. Februars 2019 beginnen wird. Ist es die Gewohnheit, die den Fan besorgt sein lässt? Oder tut Sorge tatsächlich Not?

Nüchtern betrachtet haben Hüppi-Sutter-Zeidler, die heilige Dreifaltigkeit der Espen, das Ziel, «einen Platz im oberen Tabellen-Mittelfeld» (Hüppi) zu belegen, bislang verpasst. Zwei Dinge helfen jedoch, die Verfassung des FC St.Gallen einordnen zu können. Erstens: der Blick zurück, der vor Augen führt, wo der älteste Fussballclub des europäischen Festlandes herkommt. Und zweitens: die Erkenntnis, dass der FCSG seit seiner Super-League-Rückkehr im Sommer 2012 immer noch nicht so recht weiss, wohin er eigentlich will.

Eine erfrischende Naivität

Vor einem Jahr holten die Espen in der Vorrunde nur einen Punkt mehr als dieses Jahr. Ohne Sportchef, dafür mit Halbjahrespräsident Stefan Hernandez und Trainer Giorgio Contini, der seine Tage in der Ostschweiz wohl schon damals gezählt wusste. Vieles war undurchsichtig und sollte sich erst Monate später als für den Club zerstörerisch herausstellen. So entstand ein strukturelles Defizit von über zwei Millionen Franken, an dem die gegenwärtige Führung noch heute zu kauen hat.

Finanzielle Sorgen sind wohl aber die einzige Gemeinsamkeit zwischen den Ären Hernandez und Hüppi. Anders als damals wird heute transparent gehandelt und kommuniziert – sei es beim vermeintlichen Rücktritt von Tranquillo Barnetta (33), als Sportchef Alain Sutter in die TV-Mikrofone diktierte, dass der Altstar nun «das Gefühl gehabt haben wird, dass es Zeit ist, aufzuhören».

Oder bei der schonungslosen Sturm-Analyse jüngst im «St.Galler Tagblatt», in der sich Sutter zur Erkenntnis durchrang, dass Roman Buess und Nassim Ben Khalifa ihre Chance nicht genutzt hätten und sich einen neuen Verein suchen dürften. Ein spätes Eingeständnis dafür, dass es für den Langzeitverletzen Cedric Itten (21) sehr wohl Ersatz braucht, auch wenn Matthias Hüppi nach dessen Verletzung im September den Standpunkt vertrat, dass die Qualität der Stürmer im Kader ausreichend sei.

Hat in St.Gallen ausgetanzt: Nassim Ben Khalifa. (Bild: Keystone)

Hüppi, erstmals Clubpräsident, und Sutter, erstmals Sportchef, legen in der Kommunikation zuweilen eine Naivität an den Tag, die erfrischend ist. Weil sie das Kind beim Namen nennen. Weil sie Irrtümer eingestehen können. Und weil sie von ihrem Plan überzeugt sind.

Aktionäre geben vor, wohin die Reise führt

Und genau dieser Plan führt uns zur zweiten Frage: Wo will der FC St.Gallen hin? Nach Platz drei als Aufsteiger (2012/2013) und der Qualifikation für die Europa-League-Gruppenphase (2017) tat sich ein Graben auf. Hier die Öffentlichkeit, die fortan eine regelmässige Teilnahme an internationalen Clubwettbewerben forderte. Und da die Clubführung, die diese nicht als selbstverständlich verstehen will.

Wenn Alain Sutter die Bemühungen im Nachwuchs als «Sozialarbeit» bezeichnet («Tagblatt»), ist dies genauso ernüchternd wie eben auch schonungslos ehrlich. Wir müssen an dieser Stelle aber auch eine Lanze für die Nachwuchsarbeit brechen. Mit Silvan Hefti ist ein Eigengewächs Captain des Super-League-Teams, mit Jasper Van der Werff wurde ein anderes unlängst vergoldet (Wechsel zu RB Salzburg für schätzungsweise rund eine Million Franken). Und mit den Stürmern Alessandro Kräuchi (20) und Angelo Campos (18) zeigen sich bereits die nächsten Blüten einer alles in allem erfolgreichen Nachwuchsarbeit.

Aber, und hier wird es interessant: Egal, wie blütenreich der «Ertrag» ist, die europäischen Honigtöpfe werden die Jungspieler dem FCSG niemals im Alleingang liefern können. Soll der FC St.Gallen ein steter Anwärter für Europa League oder gar Champions League sein, ist es an den Aktionären um Roland Gutjahr oder Edgar Oehler, das Kapital aufzustocken und den Kaderplanern Handlungsspielraum zu gewähren. Wenn nicht, müssen sich die Anhänger mit einem sechsten Platz abfinden können.

Ohne Itten einen halben Punkt weniger

Doch noch einmal zurück zu den Sorgen. Sie sind insofern berechtigt, weil der FC St.Gallen vier der letzten fünf Spiele vor der Winterpause verloren und Boden auf GC und Xamax verloren hat. Den Handlungsspielraum im Angriff offensichtlich macht die Tatsache, dass die Espen ohne Itten pro Spiel einen halben Punkt weniger geholt haben als mit dem 21-jährigen Angreifer.

St.Gallens Cedric Itten sitzt während des Spiels gegen den FC Lugano verletzt am Boden.
© Keystone/Gian Ehrenzeller

Allerdings ist der Club in guten Händen. Präsident Hüppi, Sportchef Sutter und Trainer Peter Zeidler ziehen alle an einem Strang. Es ist eine unverbrauchte Führung, die im Wohl des Clubs handelt, Ideale hochhält und sich Fehler eingestehen kann. Doch auch wenn die Kompetenzträger unantastbar sind, so sollte zumindest das klamme Budget hinterfragt werden.

Für den FC St.Gallen ist es ein Tanz auf der Querlatte: Sowohl eine Europa-League-Qualifikation als auch ein Abstieg in die Challenge League liegen zur Meisterschafts-Halbzeit im Bereich des Möglichen. Über Weihnachten sollte deshalb weniger die Sorge des Anhängers als vielmehr die Vorsorge durch die Clubführung im Zentrum stehen.

Am 5. Januar beginnt der FC St.Gallen mit den Vorbereitungen für die Rückrunde. Diese startet dann Anfang Februar mit einem Heimspiel gegen den FCZ. Wo die FCSG-Spieler ihre Ferien verbringen, erfährst du hier.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 20. Dezember 2018 05:41
aktualisiert: 8. Januar 2020 16:34