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Spitzguuge

Stillhart vergolden, Guillemenot verkaufen

Dominic Ledergerber, 6. Mai 2021, 11:36 Uhr
Basil Stillhart spielt sich mit den «Ostschweizer Tugenden» in die Herzen der Fans.
© Keystone
St.Gallen steht erstmals seit 1998 im Schweizer Cupfinal. Mit Jérémy Guillemenot (23) und Basil Stillhart (27) ragten beim 1:0-Halbfinal-Sieg über Servette die beiden Antipoden in der St.Galler Mannschaft heraus. «Stillhart verkörpert die Tugenden des FC St.Gallen, während Guillemenot vorführt, was das Ostschweizer Fanherz nicht sehen möchte», schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber.

Ein Blick zur Mitte, eine misslungene Flanke, Torjubel! In etwa so lässt sich der gestrige Siegtreffer von Basil Stillhart zusammenfassen, auch wenn der 27-jährige Sirnacher nach Schlusspfiff eine andere Sicht der Dinge preisgab. Gegenüber SRF sagte Stillhart: «Ich habe gesehen, dass (Servette-Goalie) Frick schon auf die Flanke spekulierte. Deshalb habe ich geschossen.» 

Eine bewusste Entscheidung also. Dabei zählt das Toreschiessen nun wirklich nicht zu den Primäraufgaben des defensiven Mittelfeldspielers. Mit insgesamt neun Gelben Karten ist Stillhart zusammen mit Lukas Görtler (26) der Aggressivleader der Espen. Er geht da hin, wo es wehtut, besticht durch Kampfgeist, ist ein bodenständiger Arbeiter und vereint damit jene Tugenden auf sich, mit denen man sich in der Ostschweiz unsterblich macht.

Und weil ihm nicht zuletzt auch Servette-Goalie Jérémy Frick attestierte, es «perfekt gemacht» zu haben, wollen wir die Frage, ob hinter Stillharts Abschluss Absicht oder doch Zufall steckte, nun definitiv ad acta legen.

Guillemenots Fallsucht

Ja, das Fanherz des FC St.Gallen weiss genau, was es will. Und auch, was nicht. Insofern stach gestern in Genf einmal mehr auch Jérémy Guillemenot (23) heraus. Der Stürmer leidet seit geraumer Zeit an chronischer Fallsucht, sah im Halbfinale zum wiederholten Male Gelb wegen einer Schwalbe und hat seinen Kredit beim Ostschweizer Publikum allmählich aufgebraucht.

Guillemenot ist der Antipode Stillharts, ein hochveranlagtes Talent zwar, das aber unter der Last des Barça-Stempels unterzugehen droht und sich bei den Schiedsrichtern einen Ruf als unsportlicher Spieler «erarbeitet» hat. Und genau solche Akteure haben es in der Ostschweiz doppelt schwer. Das grün-weisse Fanherz verzichtet gerne auf Talent, wenn dafür Einsatz und Leidenschaft stimmen, es verpönt das Unsportliche genauso wie das Hochkodierte, es möchte lieber spektakulär untergehen als unehrlich gewinnen.

Mehr von Stillharts Schlag

In allen Pflichtspielen hat Guillemenot (vier Tore) gar noch seltener getroffen als Stillhart (fünf) – und doch gibt es einen Weg, auf dem sich das Fanherz für ihn wieder öffnet: Wenn er die Schwalben sein lässt und den FC St.Gallen am Pfingstmontag zum zweiten Mal nach 1969 zum Cuptitel schiesst.

Ansonsten muss sich der FC St.Gallen überlegen, den Genfer Angreifer zu verkaufen, solange es für ihn noch eine vernünftige Ablöse gibt. Stillhart gilt es hingegen zu vergolden; wie Guillemenot hat auch der Sirnacher noch einen Vertrag bis 2023 und man wünscht sich, dass bis dahin mehr Spieler von Stillharts Schlag den Weg in die Ostschweiz finden – und das Original bis dahin einen neuen Kontrakt unterzeichnet hat.

Der Cupfinal ist «etwas Persönliches»

Nun also trifft die Mannschaft von Peter Zeidler im Cupfinal vom 24. Mai auf den FC Luzern, Anpfiff im Stade de Suisse ist um 15 Uhr. Damit ist dieses Endspiel auch etwas Persönliches, ein Duell zweier Mannschaften, die sich nacheifern und miteinander vergleichen und die noch dazu beide schon Ewigkeiten auf einen Titel warten.

Hier Luzern, das seine letzten vier Finalteilnahmen allesamt verloren hat und die Trophäe lediglich 1992 in den Himmel stemmen durfte. Und da der FC St.Gallen, dessen Fans bei der bis dato letzten Finalteilnahme 1998 bittere Tränen in die neongrünen Perücken weinten, als eine zwischenzeitliche 2:0-Führung gegen Lausanne am Ende nicht reichen sollte.

Doch egal, wie es kommt. Das Ostschweizer Publikum wird dem FCSG selbst bei einer Niederlage treu ergeben sein, solange sich die Mannschaft aufopfert und ihre seit jeher gültigen Tugenden nicht verrät.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 6. Mai 2021 11:36
aktualisiert: 6. Mai 2021 11:36