Trotz starkem Lauf

Warum der FCSG (noch) kein Meisterkandidat ist

Dominic Ledergerber, 4. November 2019, 12:36 Uhr
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«Die jungen Spieler wollen die Welt erobern», sagt Moreno Costanzo, der im Moment das Nachsehen hat. (Archiv)
© Tagblatt/Benjamin Manser
Sieben Siege aus acht Spielen – und jetzt kommt YB. Mit einem Vollerfolg am Sonntag könnte der FC St.Gallen die Tabellenführung übernehmen. «Das ist den Espen durchaus zuzutrauen, trotzdem sind sie noch kein Meisterkandidat», schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber.

Für einmal gab auch Peter Zeidler dem Ringen um Zurückhaltung nach. Der Trainer, der sonst immer auf die Euphoriebremse drückt, sprach von einem «überlegenen», spasseshalber gar von einem «galaktischen» Auftritt gegen Sion (3:0), dem siebten Vollerfolg in acht Spielen. Derzeit ist das Selbstvertrauen bei den Espen enorm. Fast so gross wie der Hunger auf den ersten Sieg überhaupt im Stade de Suisse; am Sonntag gastiert der FC St.Gallen bei Leader YB und könnte bei einem Sieg – und einem gleichzeitigen Punktverlust des FC Basel – erstmals seit über sieben Jahren die Tabellenführung übernehmen.

In der aktuellen Verfassung ist dies dem FC St.Gallen durchaus zuzutrauen, zumal der amtierende Meister am Sonntag bei Aufsteiger Servette Federn liess (0:3) und am Donnerstag in der Europa League bei Feyernoord Rotterdam antreten muss.

«Sie wollen die Welt erobern»

Seit Ende August haben weder YB noch Basel so viele Punkte geholt, wie die Espen, die bisher an allen 13 Spieltagen die jüngste Startelf der Liga stellten. Und weil die grün-weisse Welle auf diese Weise unaufhaltsam über alle Gegner hinwegfegt, schauen arrivierte Spieler wie Moreno Costanzo (31) in die Röhre.

Der Ex-Nationalspieler ist einer von nur drei Spielern im Kader von Peter Zeidler, die ihren 30. Geburtstag schon hinter sich haben. Trotz seiner Erfahrung von 272 Super-League-Spielen (!) hat es für Costanzo aktuell keinen Platz in der Startelf, zuletzt durfte er beim Cup-Out in Winterthur (0:2) von Beginn an auflaufen. «Die meisten von unseren jungen Spielern stehen erstmals regelmässig in der Super League im Einsatz. Man sieht, dass sie hungrig sind, dass sie die Welt erobern wollen», sagt Costanzo.

Dennoch sei der Meistertitel intern kein Thema, dafür sei es noch viel zu früh, zumal es in der Vorrunde nur darum gehe, so viele Punkte wie möglich zu holen. «In der Rückrunde hingegen kämpfen alle Teams um die Meisterschaft, die Europa-League-Plätze oder gegen den Abstieg – dann schaltet sich auch der Kopf ein», sagt Costanzo. Erst dann wird sich zeigen, ob die jungen Espen wirklich das Zeug zum Meisterkandidaten haben.

Das Vertrauen in die Spielidee

Es war im September 2012, als der FCSG unter Jeff Saibene letztmals von der Spitze der Super League grüsste. Als Aufsteiger blieben die Espen in den ersten zehn Ligaspielen völlig überraschend unbesiegt, in der Rückrunde konnten sie den Anschluss an Basel und GC jedoch nicht mehr halten.

Auch der aktuelle Höhenflug kommt einer Überraschung gleich, zumal nach dem Ausscheiden im Schweizer Cup kaum einer mit einem derartigen Sturmlauf gerechnet hätte. Zurückzuführen ist dies auf die Tatsache, dass Trainer Peter Zeidler seine Stammelf gefunden und diese Vertrauen in die Spielidee gefasst hat.

Das überfallartige Gegenpressing, mit dem die Espen ihre Gegner derzeit zermürben, ist vergleichbar mit dem Fussball, den Ralf Rangnick in Salzburg und Leipzig spielen liess und von dem sich Peter Zeidler in den gemeinsamen Jahren bei Hoffenheim einiges abschauen konnte.

Man könnte sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Es ist der Fussball, mit dem sich Liverpool Anfang Juni zum Champions-League-Sieger krönte. Als die «Reds» kürzlich in der Gruppenphase auf Salzburg trafen, meinte Jürgen Klopp: «Das kann wild werden. Und vielleicht muss es das auch, wenn zwei Teams mit denselben Idealen aufeinander treffen.» Tatsächlich gab Liverpool an der Anfield Road einen 3:0-Vorsprung preis, siegte am Ende aber noch mit 4:3.

«YB hat keine Angst»

Die Verantwortlichen beim FC St.Gallen werden derweil nicht müde zu betonen, dass der Altersdurchschnitt bei der derzeitigen Erfolgsserie keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Gerade weil diese Jagd nach Ball und Gegner enorm kräftezehrend ist, braucht es junge Draufgänger, die niemals müde werden.

Die Liga mit dem durchschnittlich jüngsten Team aufzumischen, gelang zuletzt den Grasshoppers in der Saison 2009/2010, als sie unter Ciriaco Sforza sensationell Dritte wurden. Eine solche Saison ist auch den jungen Espen zuzutrauen – dennoch fehlt ein wichtiges Kriterium, um ein Kandidat für den Meistertitel zu sein: Während der FC St.Gallen momentan in der Spitzengruppe mitmischen DARF, wird dies von den beiden Liga-Giganten YB und Basel erwartet. Höhere Ambitionen dürfen die Espen erst dann anmelden, wenn es ihnen gelingt, sich langfristig an der Spitze zu halten und auch eine Krise zu meistern.

«Grosse Teams schauen nie auf den Gegner»

Entsprechend wird der FC St.Gallen auch am Sonntag bei YB gewinnen dürfen und nicht müssen. Moreno Costanzo wechselte 2010 von St.Gallen zu YB, bestritt für die Berner über 160 Partien und wurde dort zum Nationalspieler. Er glaubt nicht, dass der Meister aus Bern vor den jungen Espen zittern wird. «Die grossen Teams schauen nie auf den Gegner, nur auf sich selbst», sagt Costanzo und fügt an, dass auch YB in den letzten zwei Jahren viel Selbstvertrauen getankt habe.

Trotzdem liegt der Druck am Sonntag nur beim Leader. Der FC St.Gallen kann seine Erfolgsserie fortsetzen oder auch nicht – er muss sich auf seinem Weg aber immer wieder vergewissern, dass die Euphoriebremse noch funktioniert.

Und wenn der Rückstand auf die Tabellenspitze auch im Frühjahr nur zwei Punkte betragen sollte, ist der Autor gerne bereit, seine These zu revidieren.

Dominic Ledergerber
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 4. November 2019 11:38
aktualisiert: 4. November 2019 12:36