Was den FCSG mit Ajax verbindet

Dominic Ledergerber, 30. Juli 2019, 07:55 Uhr
Der 21-jährige Silvan Hefti ist Captain der St.Galler (links) – Matthijs de Ligt führte Ajax (19) als Captain in den CL-Halbfinal.
Der 21-jährige Silvan Hefti ist Captain der St.Galler (links) – Matthijs de Ligt führte Ajax (19) als Captain in den CL-Halbfinal.
© Keystone/Getty (Montage FM1Today)
Ein 21-jähriger Captain, jüngste Startelf in der Geschichte und ein aggressives Pressing gegen den Ball. Beim 2:1-Sieg in Basel wies der FC St.Gallen einige Parallelen zu jenem Ajax Amsterdam auf, das letzte Saison ganz Europa das Fürchten lehrte. «Zwischen den beiden Teams liegen zwar Welten, trotzdem macht dieser FCSG Lust auf mehr», schreibt Sportjournalist und TVO-Moderator Dominic Ledergerber.

Die neue Saison hat erst begonnen und doch scheinen zwei Gesetze auch im neuen Fussballjahr Gültigkeit zu haben: Luzern ist unbesiegbar, der St. Jakob-Park hingegen ist weiter fest in grün-weisser Hand. Das zumindest lassen die Resultate erahnen, nachdem die Espen gegen Luzern die zehnte Niederlage bezogen (0:2) und in Basel zum vierten Mal in Folge unbesiegt blieben (2:1).

Und doch erzählen diese Resultate nicht die ganze Geschichte. Von der Punktausbeute abgesehen, zeigte die Mannschaft von Peter Zeidler über weite Strecken ansehnlichen Fussball mit aggressivem Pressing und hätte dabei genauso gut gegen Luzern gewinnen und gegen Basel verlieren können.

Abgesehen davon hat der FCSG in den ersten zwei Runden einen Rekord gebrochen - und das gleich zweimal: Gegen Luzern stand St.Gallens jüngste Startaufstellung der Geschichte auf dem Platz (22 Jahre und 218 Tage), der Rekord hielt jedoch nur eine Woche: In Basel war die erste Elf im Schnitt 22 Jahre und 77 Tage jung.

Das Ajax Amsterdam der Super League?

Eine blutjunge Mannschaft, die unheimlich viel läuft, aggressiv presst und den Grossen das Fürchten lehrt? Mit genau dieser Mischung stiess Ajax Amsterdam letzte Saison bis ins Halbfinale der Champions League vor, mit ihrem jugendlich furchtlosen Stil flogen die Herzen der Fussballfans den Niederländern in Scharen zu.

In seiner Jugend und seinem Auftreten ähnelt der FC St.Gallen der Heldentruppe aus Amsterdam, von einem Vergleich will Trainer Peter Zeidler gleichwohl nichts wissen: «Wir müssen auf dem Boden bleiben, die Mannschaft ist über weite Strecken neu und es wird eine Weile dauern, um zu erkennen, was möglich ist.»

In der Tat mussten die Espen in der Sommerpause auf fast allen Positionen wichtige Abgänge verkraften, sei es Andreas Wittwer in der Verteidigung, Majeed Ashimeru und Vincent Sierro im Mittelfeld oder Tranquillo Barnetta im Angriff. Hinzu kommen die Verletzungen von Milan Vilotic und Musah Nuhu, die Zeidler eine Verjüngung seines Teams quasi aufzwingen.

Zeidler: «Das überrascht mich nicht»

Umso erstaunlicher ist, wie forsch, mutig und selbstbewusst die jungen Grün-Weissen am Samstagabend den FC Basel niederrangen. Der 17-jährige Leonidas Stergiou harmoniert bereits bestens mit der französischen Neuerwerbung Yannis Letard (20). Doppeltorschütze Cedric Itten spielte beim ersten Startelfeinsatz seit seiner schweren Knieverletzung, als wäre er nie weg gewesen.

Und Spieler wie Miro Muheim oder Victor Ruiz, die sich in der vergangenen Saison kaum Hoffnungen auf Einsatzminuten machen durften, sind plötzlich gesetzt. Mit insgesamt elf Balleroberungen war Ruiz der Erfolgreichste im Spiel gegen den Ball. Ihn hatte Sportchef Alain Sutter auf dem Ramschtisch der vierten spanischen Liga entdeckt, nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint Ruiz im Mittelfeld gesetzt. «Diese Entwicklungen überraschen mich nicht», sagt Zeidler. «Spieler wie Muheim oder Ruiz sind nun ein Weilchen bei uns und haben begriffen, wie unser System umzusetzen ist.»

Der FC St.Gallen versprüht Lust den Gegner früh anzugreifen und sein Pressing über 90 Minuten durchzuziehen. Für diesen kräfteraubenden Stil sind junge Spieler keine erfrischende Abwechslung – sondern Voraussetzung. «Diese Jungs können richtig attackieren», sagt Zeidler und ergänzt: «Wenn wir das durchziehen, können wir den Grossen Angst machen.»

Aus der Region

Des Trainers Mut, jungen Spielern das Vertrauen zu schenken, manifestiert sich auch am Beispiel von Jordi Quintilla (25), der vor dem Basel-Spiel über starke Zahnschmerzen klagte. Ihn ersetzte Zeidler nicht etwa mit dem routinierten Rückkehrer Moreno Costanzo (31), sondern mit Betim Fazliji (20), einem robusten Talent aus Rebstein. Fazliji mag bei seinem Super-League-Debüt bis auf Zeidler alle überrascht haben, sein Trainer aber sagt: «Wir haben in der Vorbereitung immer mit Betim als Alternative zu Jordi Quintilla im defensiven Mittelfeld gespielt und waren sehr zufrieden mit ihm – warum also sollte ich ihn nicht ins kalte Wasser werfen?»

Neben Stergiou und Fazliji verfügt der FCSG mit Fabio Solimando (17), Tim Staubli (19) oder Angelo Campos (19) über weitere Rohdiamanten aus der Region, die noch von sich reden machen werden.

Ein Projekt, das Zeit braucht

Dieser FC St.Gallen macht Lust auf mehr. Und doch liegen Welten zwischen ihm und Ajax Amsterdam. Captain Silvan Hefti (21) wurde über den Sommer von YB und Werder Bremen beobachtet, hinter seinem Ajax-Pendant Mathijs de Ligt (19) waren hingegen Barcelona und Juventus Turin her, das letztlich für fast 90 Millionen Franken den Zuschlag erhielt. Und Mittelfeldmotor Lukas Görtler (25), gegen Basel zweitältester FCSG-Feldspieler, wechselte in die Ostschweiz, weil er hier seine Chancen auf einen Stammplatz höher einschätzt als beim FC Utrecht, der letzte Saison 33 Punkte hinter Meister Ajax auf Platz 6 der Eredivisie landete.

Nein, der FC St.Gallen lässt sich definitiv nicht mit Ajax vergleichen. Trotzdem ist es «hochinteressant», wie Zeidler sagt, der neuen, grün-weissen Generation bei einem Projekt zuzuschauen, das gewiss noch Zeit braucht.

«Entscheidend wird sein, ob unsere Stürmer die Effizienz an den Tag legen können, die mit dem Rücktritt von Tranquillo Barnetta verloren ging. Wir müssen nicht jeden Gegner in Grund und Boden laufen, sondern punkten», sagt Peter Zeidler. Auch wenn Resultate nicht immer die ganze Geschichte erzählen, so sind sie am Ende doch alles, was zählt.

Dominic Ledergerber
veröffentlicht: 30. Juli 2019 07:41
aktualisiert: 30. Juli 2019 07:55