Geplatzte Super League

Darf man jetzt noch Fan einer abtrünnigen Mannschaft sein?

René Rödiger, 21. April 2021, 13:20 Uhr
Fans demonstrieren gegen die Pläne einer europäischen Super League.
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Die geplante europäische Super League wird wohl nicht zustande kommen. Doch was bedeutet es für einen Fan, wenn seine Mannschaft nur schon Interesse an einem solchen Konstrukt gezeigt hatte? Ein paar Überlegungen.

Also doch nicht. Die meisten Vereine haben sich vom Projekt «Europäische Super League» zurückgezogen. Der Druck war wohl doch zu gross. Doch welcher Druck? Jener der Fifa und der Uefa? Jener der Spieler und Trainer, die sich dagegen ausgesprochen haben? Oder jener der Fans?

Das wird sich wohl nie ganz eruieren lassen. Fakt ist: Nur schon die Drohkulisse der «dirty Dozend», also jener zwölf Vereine, die sich von der Uefa lossagen wollten, hat gewirkt. Bereits wenige Stunden nach Ankündigung der neuen Liga hat der Verband die Champions-League-Reform durchgewunken. Mehr gesicherte Startplätze für genau jene grossen Vereine, die sich abspalten wollten.

Die Reform blieb mehr oder weniger unkommentiert, fast schon unbemerkt von der Öffentlichkeit, über die Bühne. Somit kann die Uefa sich bei den Abtrünnigen bedanken, denn jetzt steht sie sogar als Retterin des Fussballs da, obwohl sie am Montag einen weiteren Nagel in den Sarg des fairen Spiels gedonnert hat.

Ab wann ist die Linie überschritten?

Kann man jetzt noch Fan eines solchen abtrünnigen Vereins sein? Ab wann ist eine Linie überschritten? Das muss wohl jeder Zuschauer für sich entscheiden. Ich bin seit etwa 1988 Fan von Tottenham Hotspur. Ja, einer dieser Vereine, die den Fussball vernichten wollten.

Einige meiner Spurs-Fanartikel.

© René Rödiger/FM1Today

Als Kind interessiert man sich nicht für die Politik und Geldspiele hinter den Kulissen. Ich sah Spieler wie Glenn Waddle, Gary Lineker, Paul Gascoigne, Teddy Sheringham, Jürgen Klinsmann und David Ginola. Mit einigen Ausnahmen waren die Saisons trotzdem nie wirklich erfolgreich. Fan blieb ich trotzdem, trug auf der Wiese im Quartier stolz das Trikot mit dem «Holsten»-Schriftzug.

Erfolg ist nicht immer nur gut

Erst in den letzten Jahren wurden die Spurs immer grösser, stellten den Torschützenkönig, spielten attraktiven Fussball, standen im Champions-League-Final. Trotz aller Freude entfernte sich in dieser Zeit der Club immer mehr von mir. Klar: Ich blieb Fan. Ich drückte die Daumen. Ich freute mich über Siege. Doch etwas war anders. Das mag für Aussenstehende komisch klingen, aber als Fan weiss man: Gemeinsam bewältigte Krisen schweissen mehr zusammen als Siege.

Die weitere Entfremdung kam mit der Entlassung von Trainer Mauricio Pochettino und der Verpflichtung José Mourinhos. Spätestens ab diesem Zeitpunkt musste allen Spurs-Fans klar sein: Besitzer Daniel Levy ordnet nun alles dem Erfolg unter.

Daniel Levy: Besitzer der Tottenham Hotspur.

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Die einfache Fan-Rechnung

Dass deshalb Levy Tottenham auch für die europäische Super League anmeldete, erstaunt nur wenig, enttäuscht aber umso mehr. Das Prinzip ist simpel: Zehn neue Fans aus den Emiraten, Asien oder den USA zahlen mehr für Merchandising als ein alter Fan aus Europa. Für mich war es eine Enttäuschung mit Ankündigung. Das ist das Problem der Fans: Sie glauben bis zum Schlusspfiff ans Happy End. Auch wenn das Desaster für alle anderen bereits sichtbar ist.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Kann ich jetzt weiterhin Fan von Tottenham Hotspur sein? Mit einem solchen Präsidenten im Hintergrund? Mit einer solchen Fussball-Philosophie? Vielleicht. Aber es wird Zeit brauchen, bis diese Enttäuschung verarbeitet ist. Ein bisschen Hoffnung bleibt: Irgendwann wird es einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin geben. Eine neue Führung. Vielleicht auch eine neue Philosophie im Verein. Denn die Spurs sind schlicht grösser als eine saudumme Entscheidung einer Person. Diese Hoffnung stirbt bei mir zuletzt, da bleibe ich ganz Fussball-Träumer.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 21. April 2021 13:20
aktualisiert: 21. April 2021 13:20