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EM 2021

Das beste Turnier, das wir kriegen können

Christoph Thurnherr, 10. Juni 2021, 16:48 Uhr
Die Fussball-EM geht los. Und wir sollten sie geniessen.
© keystone
Beschränkte Anzahl Zuschauer, verschiedene Länder, keine riesigen Public Viewings: Die EM 2020 im Jahr 2021 ist ein seltsames Fussballturnier, das niemand so richtig haben will. Das ist aber falsch. Denn es ist die beste EM, die wir jetzt kriegen können.

Es war toll, dass wir während der Corona-Pandemie Fussball im Fernsehen schauen konnten – immerhin etwas. Trotzdem war es nach einer Weile zum Kotzen. Die Totenstille im Stadion offenbarte jeden Aufschrei der Spieler und jedes hysterische Kreischen von der Seitenlinie.

Vereinzelte Gesprächsfetzen gab es auch zu hören. Das war anfangs spannend, später nur noch nervig.

Gegen Ende dieser Saison zeichnete sich jedoch – gerade noch rechtzeitig – Besserung ab. Was Fans im Stadion ausmachen können, zeigte beispielsweise der spektakuläre FA-Cup-Sieg von Leicester gegen Chelsea, als einige tausend Anhänger das riesige Wembley Stadium in einen Hexenkessel verwandelten. Die Stimmung war mitreissend, die Szenen danach emotional, herzerwärmend.

Wir haben es mit all den sterilen Pandemiespielen zwar fast vergessen, aber genau dafür schauen wir Fussball. Für Freude, Tränen und Trauer. Und wir kriegen gleich ganz viel davon.

68'000 Zuschauer in Budapest

An einem grossen Fussballturnier darf man stolz auf seine Nation sein, ohne in eine politische Ecke gedrängt zu werden. Die Schweizer Fans und Spieler gehen damit vergleichsweise eher zurückhaltend um – aber es gibt ja auch noch andere.

Zum Beispiel die Franzosen. Die spielen am 19. Juni in Budapest gegen Ungarn. Dank der günstigen Pandemiesituation in Ungarn dürfen dort 68'000 Personen ins Stadion – und Reisebeschränkungen gibt es auch kaum.

Das heisst also: Zehntausende Franzosen, die sich den Corona-Frust mit der Marseillaise von der Seele singen. Gänsehaut garantiert. Das Fussballfest auch.

Die irischen Fans, die sich bei der EM 2016 durch ihr sympathisches Auftreten beliebt gemacht haben, sind dieses mal leider nicht dabei. Dafür die Engländer, Italiener und Schotten, und die singen ja auch gern mal eins.

Und dem ausgehungerten Fussballfan wird erst dann wieder bewusst werden, dass in den letzten 18 Monaten eigentlich gar kein Fussball gespielt wurde. Zumindest nicht so richtig.

Lass mal gut sein 

Der Rahmen, den die EM 2020 vorgibt, ist natürlich weit weg von perfekt. Man erzählt sich einfach gern von der Euro 96 in England, oder von der Euro 04 in Portugal und suhlt sich in Nostalgie. Nun ist es halt die Euro in Europa. Das ist nicht gleich romantisch, es lässt sich nicht gleich gut schubladisieren. Es fehlt auch die elektrisierende Anspannung, die das Gastgeberland durchfährt.

Und ohne Pandemie wäre das auch schade. So trifft der Modus aber den Zeitgeist: Alles ein bisschen weiter auseinander, weniger Ballungszentren, weniger Ansteckungen.

Und auch wenn wir uns volle Stadien und Fans vor Ort wünschen: Die Meisten sehen die Spiele ohnehin zu Hause oder beim Public Viewing (und da dürfte es ja doch noch das eine oder andere geben).

Wo die Spiele stattfinden, kann uns also Wurst sein. Es geht schon jemand hin, der Stimmung macht.

Diese EM ist seltsam und es ist gut, dass die nächste dann in Deutschland ist. Aber für jetzt ist es die beste EM, die wir kriegen können. Eine, die uns den Fussball und das ganze Drumherum sanft wieder zurückbringt.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 10. Juni 2021 16:29
aktualisiert: 10. Juni 2021 16:48