Happy Birthday

Die weisse Katze wird 50: Eine Ode an Zinédine Zidane

23. Juni 2022, 13:59 Uhr
«Er ist von einem anderen Planeten. Wenn Zidane den Platz betrat, wurden zehn andere Jungs plötzlich besser. So einfach ist das.» Das sagt einer, der von sich selbst behauptet, der Beste der Welt zu sein: Zlatan Ibrahimovic.
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Quelle: CH Media Video Unit / Katja Jeggli

Messi oder Ronaldo? Pelé oder Maradona? Oder doch Mbappé? Immer wieder höre ich diese Frage, wer denn nun der grösste Fussballer sei. Meine Antwort: Zinédine Zidane. Vielleicht, weil wir den gleichen Jahrgang haben.

Es gibt etliche Spieler, die häufiger die Champions League gewonnen haben als Zidane (1 Mal). Es gibt auch Spieler, die häufiger zum Weltfussballer des Jahres gewählt worden sind als Zidane (3 Mal). Es gibt andere Spieler als Zidane, die wie Zidane Welt- und Europameister geworden sind. Aber es gibt keinen anderen Spieler, der die Fussballwelt derart inspiriert hat. Weil keiner vor und nach ihm Kunst, Technik, Athletik, Effizienz, Übersicht und Strategie in seinem Spiel bis zur Perfektion vereinte.

Zinedine Zidane: Oder der Mann, der mit dem Ball tanzt.

© AP Photo/Dusan Vranic

«Ich gäbe fünf Spieler ab, um Zidane in meiner Mannschaft zu haben», sagte Cesare Maldini als Nationaltrainer Italiens. Liverpool-Legende Kevin Keegan meint: «Du schaust dir Zidane an und denkst: Einen Spieler wie ihn habe ich noch nie gesehen. Diego Maradona war ein toller Spieler. Johan Cruyff war ein toller Spieler. Sie waren verschieden, aber sie hatten doch Ähnlichkeiten. Was Zidane unterscheidet, ist die Art und Weise, mit der er den Fussball manipuliert. Er schafft sich Räume, die es gar nicht gibt. Dazu noch seine Übersicht. Er ist etwas ganz Besonderes.»

Ein Tor für die Ewigkeit: Zidane im Final der Champions League im Jahr 2002.

© AP Photo/Keystone

Zidane, jüngstes von fünf Kindern muslimischer Berber, die vor dem Algerienkrieg nach Frankreich emigriert sind, wächst in einem Problemviertel in Marseille auf. Ein Ort, an dem das Gesetz des Stärkeren gilt. Auch auf den Plätzen, wo Fussball gespielt wird. So lernt «Zizou» (deutsch: weisse Katze) schon früh, sich durchzusetzen. Verbal, physisch, aber vor allem mit den Füssen. «Er ging an ein, zwei, drei, fünf, sechs Gegenspielern vorbei, es war himmlisch. Seine Füsse sprachen mit dem Ball», schwärmt sein Entdecker in Marseille.

Magische Füsse, schneller Kopf

Ja, seine Füsse. Sie streicheln den Ball, sie treten den Ball, sie manipulieren den Ball, sie tanzen mit dem Ball. Es gibt nichts, was diese Füsse mit dem Ball nicht anstellen können. Wobei es weniger die Füsse sind, die ihm Weltruhm bescheren. Zwei Kopfballtore im WM-Final 1998 gegen Brasilien und Frankreich liebt plötzlich Black und Beur und fragt nicht mehr aufgeregt: Wo sind unsere Blancs?

Sowieso sind seine göttlichen Füsse nichts wert, würde das Oberstübchen nicht so raffiniert und schnell arbeiten. In der einen Sekunde denkt er und in der nächsten Sekunde handelt er. Dabei entstehen Tore, Pässe und Spielzüge von unvorstellbarer Vollkommenheit. Mit seiner Handlungsschnelligkeit überfordert er die Gegner, und auch mal sich selbst.

Ein Bild für die Ewigkeit: Im WM-Final 2006, das letzte Spiel von Zidane für die französische Nationalmannschaft, stösst er Materazzi mit dem Kopf zu Boden.

© KEYSTONE/AP Photo/Courtesy of ABC

Es ist WM-Final 2006. Marco Materazzi hat nur ein Ziel: Zidanes Blut zum kochen zu bringen. Von der ersten Minute an peinigt der italienische Haudegen seinen Gegner, physisch und verbal. Zidane steckt es lange weg, bringt Frankreich mittels Penalty 1:0 in Führung. Doch als Materazzi seine Schwester aufs Übelste beleidigt, tickt er in der Verlängerung aus, streckt den Italiener mit einem Kopfstoss nieder und muss bei seinem allerletzten Auftritt als Spieler mit Rot vom Platz.

Als Trainer mindestens so gut wie als Spieler

Zidane taucht ab und zehn Jahre später als Trainer von Real Madrid wieder auf. Und wie: Er gewinnt dreimal in Serie die Champions League, was keinem anderen je gelang. Und jetzt? Kann er seinen 50. Geburtstag feiern, ohne bereits an das nächste Spiel zu denken. Denn das steht wohl erst im nächsten Jahr an. Als Trainer der französischen Nationalmannschaft und Nachfolger von Didier Deschamps. Einer muss ja dafür sorgen, dass Frankreich wieder strahlt. Und dieser jemand kann nur einer sein, der mit seiner Strahlkraft die anderen nicht blendet, sondern sie zum Strahlen bringt.

«Zizou» wird nach dem Sieg der Champions League als Trainer von Real Madrid gefeiert.

© AP Photo/Alessandra Tarantino

(François Schmid-Bechtel/Aargauer Zeitung)

Quelle: Aargauer Zeitung
veröffentlicht: 23. Juni 2022 16:40
aktualisiert: 23. Juni 2022 16:40
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