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Europa League

Die zittrige Hand: YB wie einst Roger Federer

12. Dezember 2020, 11:10 Uhr
Das Europa-League-Spiel zwischen den Young Boys und Cluj (2:1) war kein Spiel wie jedes andere. Der fussballerische Gehalt war dürftig, aber die tumultuöse Schlussphase macht den Match unvergesslich.
Schrei der Erlösung: Jean-Pierre Nsame beendet die Zitterpartie und befördert YB vom Penaltypunkt aus in die K.o.-Phase der Europa League
© KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Was haben die Young Boys mit Roger Federer zu tun? Auf den ersten Blick kaum etwas, denn der Maestro ist von Kindsbeinen an bekennender Fan des FC Basel. Aber Roger Federer wird sich immer an das French Open 2009 erinnern. Er spielte im Final gegen den Schweden Robin Söderling. Im dritten Satz schlug er zu seinem ersten (und bis heute einzigen) Triumph in Paris auf. Er gewann das Game und den Titel. Aber danach sagte er in einem Interview auf Englisch, dieses letzte Game sei für ihn «almost unplayable» gewesen, so gut wie nicht spielbar. Die Blockade vor dem Erreichen des grossen Ziels.

Fussballprofis sind genau wie Tennisprofis auch nur Menschen. Trainer Gerardo Seoane zog in der Medienkonferenz nach dem erknorzten 2:1-Sieg gegen Cluj den Vergleich mit dem Tennisspieler, dessen Hand beim Matchball zu zittern beginnt. Im Wankdorf zitterte fast die ganze Mannschaft. Was Seoane mit den Spielern des Langen und Breiten besprochen hatte, schien vergessen zu sein, jedenfalls konnten es die Spieler auf dem Platz nicht umsetzen - im Gegensatz zu herkömmlichen Spielen in der Super League. Seoane liess dies vor den Medien ebenfalls durchblicken.

Mit der Leistung war Seoane unzufrieden. Aber er nahm seine Mannen in Schutz, weil es ein Spiel war, in dem es um alles oder nichts ging. Wer jede Partie ausschliesslich nach Ästhetik und spielerischem Gehalt beurteilt, wurde am Mittwochabend bitter enttäuscht. Es ging jedoch weder für die Berner noch für die Rumänen darum zu zaubern und zu brillieren. Es zählte nur das Weiterkommen in einer Nervenschlacht. Und die Berner stehen jetzt in den Sechzehntelfinals. Sie haben das entscheidende Game gewonnen und den Matchball verwertet.

Es war vermutlich kein Zufall, dass die jüngeren Young Boys zum Teil weit hinter ihren normalen Leistungen zurückblieben, während erfahrenere Spieler wie Miralem Sulejmani und der tadellos wehrende David von Ballmoos zu den Besten gehörten.

Die UEFA setzt in der Europa League keinen VAR ein. Mit ihm wäre die Schlussphase im Wankdorf ohne Zweifel nicht so ereignisreich verlaufen. Der Videoassistent hätte sich nach Clujs Führungstor eingeschaltet, weil der abstaubende Torschütze beim vorgängigen Pfostenschuss im Offside stand. Der Penaltyentscheid von Schiedsrichter Benoît Bastien nach 91 Minuten hätte wahrscheinlich auch nicht standgehalten. Clujs Torhüter Cristian Balgradean traf im Luftduell mit Cedric Zesiger in erster Linie den Ball und in zweiter Linie Zesigers Kopf. Ohne die Rote Karte gegen Balgradean hätte wohl auch Jean-Pierre Nsame bis zuletzt auf dem Platz bleiben können. Aber der Goalgetter sah für ein Dutzend-Foul ein vermutlich kompensierendes Rot. Das letzte, korrekte und mit einem Konter von Meschack Elia und Gianluca Gaudino herausgespielte Tor hätte sich auch ohne die vorangegangenen Fehlentscheide so zutragen können. Denn in der Nachspielzeit hätten die Rumänen ohnehin alles nach vorne werfen müssen, da ihnen ja nur ein Sieg weitergeholfen hätte.

Rumänischer Furor

Schiedsrichter Bastien zog mit seinem tatsächlich höchst strittigen Penaltyentscheid augenblicklich den Zorn der Rumänen auf sich. Nach dem Spiel war hier und dort von Betrug und Diebstahl die Rede. Auch eine weit hergeholte Verschwörungstheorie machte die Runde: Der Franzose Bastien habe sich irgendwie am rumänischen Offiziellen für den Rassismus-Vorfall im Champions-League Spiel zwischen Paris Saint-Germain und Basaksehir Istanbul revanchieren wollen.

Quelle: sda
veröffentlicht: 12. Dezember 2020 11:10
aktualisiert: 12. Dezember 2020 11:10