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Rorschach-Goldach

«Hatte die Fussballschuhe zu Hause noch an» – eine Liebeserklärung an den Cup

Christoph Thurnherr, 20. September 2021, 16:23 Uhr
Das Cupspiel zwischen Rorschach-Goldach und dem FC Basel war für die Amateurfussballer und die ganze Region ein besonderes Erlebnis. Die Begegnung ist ein Paradebeispiel dafür, wieso der Cup den Schweizer Fussball bereichert.

Ein paar tausend Hände fassten sich an Kopf und ein kollektiver Aufschrei brandete durch die Sportanlage Kellen, als Arbnor Morina für Rorschach-Goldach nach 7 Minuten die Latte traf. Dieser Schuss war der Beginn einer besonderen halben Stunde, in der das Wunder von Tübach irgendwie möglich schien – zumindest für die Zuschauer auf den Steinstufen der Westtribüne.

Rorschach-Goldach spielte in dieser Zeit stellenweise gross auf, jede Aktion wurde von den mehr als dreitausend Heimfans bejubelt. Gefühlt jeder, der in der Region jemals gegen einen Fussball getreten hat, war am Sonntagnachmittag im strömenden Regen in der Kellen dabei. Bekannte Gesichter am Bierstand, auf den Rängen – und eben auch auf dem Platz.

Zu sehen, wie ein Mark Schumacher einem Taulant Xhaka an der Mittellinie den Ball mopst, oder noch geiler, wie Amateurfussballer Morina dem Profi Liam Millar einen Tunnel schiebt, liess die die Herzen der Anwesenden höher schlagen. Das kriegst du halt nur im Cup, und das kriegst du als regionaler Verein vielleicht auch niemals wieder.

Basler Fans lieben Rorschach-Goldach

«So ein Spiel gab es hier noch nie», sagte der überglückliche Speaker Dani Niederer nach dem Spiel im Festzelt. Zu einem Zeitpunkt, als das Wunder von Tübach vergessen und der unvermeidliche Basler Sieg Tatsache war.

Spass hatten an diesem Sonntag trotzdem alle. Das lag zum einen an der guten Leistung, die 0-3 Niederlage ist absolut respektabel, dem grossen Event an sich und der Klasse des Gästeanhangs. Die Basler Fans haben verstanden, dass für die Region das Fest im Vordergrund stand, sie zeigten sich respektvoll – und vor dem Spiel eine durchdachte Choreo mit einem Rorschachtest und einem Pokal.

Zu Ehren des Gastgebers zündeten die mitgereisten Fans auch Blau-Gelbe Rauchtöpfe an. Eine Reaktion auf das berühmte Jubelvideo der Amateurfussballer, als der FC Basel als Cupgegner ausgelost wurde. «Dafür lieben die Basler Fans Rorschach-Goldach», soll ein übriggebliebener Basler nach dem Spiel gesagt haben.

Die Basel-Fans zeigten sich von ihrer besten Seite.

© Tagblatt/Tobias Garcia

Das zeigte sich auch beim Verhalten während des Spiels. Die Basler machten Stimmung, waren niemals beleidigend oder herablassend gegenüber dem unterklassigen Gegner.

Dementsprechend wohlwollend wurden die Gäste auch verabschiedet und beim Abmarsch aus der Kellen sogar beklatscht. Wo gibts denn sowas? Wenn man dann noch sieht, wie sich Spieler beider Vereine an den Händen nehmen und im Regen mit dem Publikum feiern, kann man nur noch sagen: Die Basler verstehen den Cup. Die Fans, wie auch die Spieler.

Krönung des gesamten Vereinslebens

Selbstredend wurde danach im Festzelt wild Party gemacht, auf Tischen getanzt und ein Tag gefeiert, der vielleicht nie mehr kommt. Für viele Anwesende war es nicht nur ein Fussballspiel, sondern die Krönung des gesamten Vereinslebens.

Aufgrund des Eidgenössischen Bettags dauerte die Party in der Kellen allerdings nicht sehr lange, bereits um 19.30 Uhr musste die Musik verstummen.

Die Mannschaft und einige Hartgesottene gingen danach trotzdem noch weiter. «Ich hatte die Fussballschuhe zu Hause immer noch an», sagt Flügelspieler Julian Haag am Montag nach dem Spiel. Katerstimmung? Denkste. «Ich habe immer noch ein super Gefühl, das war so ein geiler Anlass», sagt Haag. Auch, wenn ihm Joelson Fernandes eine Stunde lang Knöpfe in die Beine gespielt hatte.

Man würde sich wünschen, dass es nicht wieder 30 Jahre dauert, bis ein Superligist in die Region Rorschach kommt. Hier, wo es auch auf dem Platz nach Bratwurst riecht, wie Eray Cömert im SRF-Interview anmerkte. Hier, wo Gästefans beklatscht und Pyrotechnik in den Farben des Gegners gezündet wird.

Aber alle paar Jahre wäre es wohl auch nicht mehr dasselbe. Darum warten wir doch gerne.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 20. September 2021 14:52
aktualisiert: 20. September 2021 16:23