EM 2020

Joachim Löw geht beim DFB ohne Happy End

30. Juni 2021, 11:55 Uhr
Die Ära von Joachim Löw als deutscher Nationaltrainer endet mit einer Enttäuschung im Wembley-Stadion. Die deutsche Expertise würdigt seine Erfolge, kritisiert aber auch den verspäteten Abgang.
In den letzten drei Jahren seiner Amtszeit kamen die Anweisungen von Joachim Löw nicht mehr so gut an wie in den zwölf davor
© KEYSTONE/AP/Frank Augstein

Zum letzten Mal stand Jogi Löw am Dienstag in London mit aufgeknöpftem dunkelblauem Hemd und schwarzer Hose an der Seitenlinie der DFB-Elf. Ein letztes Mal kratzte er sich als deutscher Nationaltrainer in seiner typischen Art an der Nase und fuhr er sich mit der Hand durch seine Frisur, die sich in 15 Jahren kaum verändert hat.

Nach 81 Minuten scheiterte Thomas Müller alleine vor Englands Goalie Jordan Pickford. Fünf Minuten später erzielte Harry Kane das 2:0. Löws Ende, das sich schon im letzten Gruppenspiel gegen Ungarn bis kurz vor Schluss angebahnt hatte, war damit besiegelt, zwölf Tage vor dem erhofften Wunschtermin, dem Finaltag. Nach dem Schlusspfiff verschwand Löw für einige Minuten in den Katakomben, in seinen Worten schwang danach auch Leere mit: «Die Enttäuschung ist enorm gross. Wir haben uns natürlich was anderes erhofft. Viel mehr Gedanken sind nicht möglich.»

Es habe die letzte Konsequenz gefehlt, die Abgebrühtheit und Kaltschnäuzigkeit in einigen Momenten, sagte Löw schliesslich und verwies auf die vergebenen Chancen von Timo Werner und Thomas Müller. «Die Mannschaft muss noch ein Stück reifen.»

Der Knick im letzten Fünftel

Nicht unerwartet verlässt Löw den DFB nach komplizierten letzten Jahren ohne Happy End. Seine Verdienste für den deutschen Fussball sind indes unbestritten. Nachdem er nach dem Sommermärchen 2006 an der Heim-WM (3. Platz) vom Assistenten zum Chef befördert wurde, erreichte die Nationalmannschaft an den Endrunden acht Jahre lang ausnahmslos mindestens die Halbfinals. 2014 gewann sie in Brasilien den WM-Titel.

Löws Ansehen in der Mannschaft war gross, vor allem bei den gestandenen Führungsspielern, die schon vor der komplett missratenen WM 2018 unter Löw spielten. «Es war ein sehr trauriges Gefühl, als ich den Jogi an der Seitenlinie gesehen habe. Er ist einfach ein klasse Mensch, der eine klasse Ära geprägt hat. Dass es so zu Ende geht, ist schade und auch sehr traurig», sagte Captain Manuel Neuer, der alle seine 104 Länderspiele unter Löw absolvierte.

2018 kam es an der WM in Russland mit dem Aus in der Gruppenphase zum Knick, von dem sich die Mannschaft bislang nicht erholt hat. Im unglücklich verlaufenen letzten Fünftel seiner Amtszeit verbirgt sich deshalb die Kritik, die sich Löw gefallen lassen muss: «Der verdienstvolle Bundestrainer Joachim Löw muss mit dem Urteil leben, den Zeitpunkt zum Aufhören verpasst zu haben», kommentierte die «Süddeutsche Zeitung».

Thomas Hitzlsperger, einst selbst Nationalspieler unter Löw und heute Vorstandsvorsitzender beim VfB Stuttgart und als Experte beim ARD tätig, fand treffende Worte: «Die letzten zwei Turniere kann man abhaken, das war nicht gut genug. Das war einfach schwach. Aber es war ein so langer Zeitraum, er hat ein paar Rekorde gebrochen.» Das 7:1 im Halbfinal gegen Gastgeber Brasilien an der WM 2014 werde immer bleiben, so Hitzlsperger. «Da waren echte Schmankerl dabei. Das muss man heute auch sagen: Er hat tolle 15 Jahre hingelegt und nicht nur das Spiel heute verloren.»

Flick plant wohl mit Müller

Auf Löw folgt beim DFB dessen einstiger Assistent Hansi Flick. Der ehemalige Bayern-Trainer wird den benötigten frischen Wind ins Team bringen, die Mannschaft aber wohl kaum von Grund auf umbauen. Zum Langzeitprojekt mit der Heim-EM 2024 dürfte vorerst auch Thomas Müller gehören, davon ist Experte Lothar Matthäus überzeugt: «In eineinhalb Jahren startet die WM in Katar, dort muss er eine schlagkräftige Mannschaft haben. Zu dieser wird Thomas gehören. Denn Hansi will nicht alles auf ein Langzeitprojekt und die EM 2024 in Deutschland ausrichten, er will schon im Winter 2022 in Katar Erfolge feiern, Weltmeister werden.»

Löw selbst weiss noch nicht, wie es für ihn weitergehen wird. Er freue sich zuerst einmal auf eine Auszeit, sagte der 61-Jährige. Ans Karriereende denkt er noch nicht. «Von Ruhestand habe ich noch nie gesprochen. Mit Sicherheit gibt es neue Aufgaben für mich, die interessant sind.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 30. Juni 2021 11:55
aktualisiert: 30. Juni 2021 11:55
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