Mein Untergang ist eingeläutet

Sandro Zulian, 1. Mai 2017, 14:29 Uhr
Bruno «Brunisco» Bardelas (vorne) FM1Today-Redaktor Sandro «Zuliño» (rechts) und Roy Gelmi (hinten) in der FCSG-Game-Höhle.
Bruno «Brunisco» Bardelas (vorne) FM1Today-Redaktor Sandro «Zuliño» (rechts) und Roy Gelmi (hinten) in der FCSG-Game-Höhle.
© Pascal Signer / FC St.Gallen
Grosse Töne spuckte ich vor einer Woche. Nur 0:1 habe ich gegen den eSport-Trainer des FC St.Gallen im FIFA verloren. Meine anfängliche Euphorie ist spätestens seit Mittwochabend gründlich verflogen.

«Nächsten Mittwoch heult einer. Wer es sein wird, weiss ich noch nicht. Ich muss jetzt trainieren.» Diese Worte habe ich vor einer Woche geschrieben. Und bereue sie mittlerweile bitterlich. Im Rahmen des ersten eSport-Turniers des FC St.Gallen, darf ich mich als Amateur mit den Profis messen. Inklusive Trainingseinheiten. Am Mittwoch fand das zweite Training statt und es war für mich ein Desaster. Mein Auftritt glich dem eines 1. Liga-Vereins in einer Partie gegen den FC Barcelona.

Tadelnde Worte vorab

Aber von vorne: Vor dem Training hält Pascal Signer, Leiter Informatik und verantwortlich für den eSport beim FC St.Gallen, eine kurze Ansprache. Gegenstand des Anstosses ist dabei das Livestreaming: «Ich sage euch seit sieben Wochen, dass ihr endlich anfangen müsst, Livestreams auf Facebook und dergleichen zu schalten», sagt der leicht enervierte Chef gegenüber seinen Schützlingen. eSports-Profis Sandro «Neysk1LL» Poschinger und Bruno «Brunisco» Bardelas hören aufmerksam und ein wenig beschämt zu. Livestreams auf twitch und Facebook sind wichtig für den Aufbau einer Online-Community und damit auch eines lukrativen Werbemarktes, erklärt Signer. «Eigentlich ist es Pflicht für die Beiden», sagt der Chef und schaut die zwei Profis tadelnd an. Das ist kein Spass hier, merke ich. Das ist Ernst. Dahinter steckt nicht nur Ruhm und Ehre im FIFA-Tempel, sondern auch ein Haufen Geld. Dann geht der Abend los. Ich sende meiner Freundin noch schnell ein Selfie, mit der Bildunterschrift: «Zeit, jemanden fertig zu machen.»

Ich, voller Selbstvertrauen, vor meiner Niederlagenserie.

Eine Tracht Prügel

Dann beginnt der spassige Teil des Abends. So denke ich auf jeden Fall. Doch was mir als gelegentlicher FIFA-Spieler fehlt, ist die hohe Bereitschaft und die unglaubliche Konzentration, mit der die beiden Profis ihre Spieler auf der Playstation 4 steuern. Und doch beginnt meine erste Partie gegen Bruno «Brunisco» Bardelas vielversprechend: Nach gut 30 digitalen Minuten mit meinem BVB schlage ich mit Reus eine weite Flanke in den Strafraum. Aubameyang köpft den Ball an die Latte, doch dann kommt Götze angerannt und versenkt den Abstauber zum 1:0. Ich kann es kaum glauben, während mein Gegenspieler frustriert die Hände verwirft. Ich lecke Blut, doch «Brunisco» dreht auf und wendet die Partie innert Minuten. Mit «wenden» meine ich, er macht mich nach Strich und Faden fertig. 1:6 verliere ich mein erstes Spiel.

Wer am Boden liegt, wird nicht getreten

Minuten nach meiner desaströsen Niederlage nimmt Sandro «Neysk1LL» Poschinger neben mir Platz. «Bist du bereit für eine Niederlage?», frage ich den 17-Jährigen nervös. Psychologische Kriegsführung ist meine letzte Bastion. Doch Poschinger lacht nur und prügelt weiter auf mich ein. 0:8 macht mich der Profi-FIFA-Spieler zur Schnecke. Wäre FIFA eine Religion - ich würde jetzt austreten.

Eigentlich bräuchte ich nach der zweiten Niederlage eine Zigarette, oder mindestens einen «Angst-Bisi», doch eSports-Leiter Signer bleibt hart: «Du musst noch gegen Roy Gelmi ran.» Auch dieses Spiel verliere ich hochaus mit 0:6. «Bin ich scheisse?» frage ich Roy Gelmi nach dem fünften Gegentreffer. «Soll ich ehrlich sein? -  Ja», entgegnet dieser. Wenigstens bleibt mir in diesem Spiel ein kleiner Lichtblick. Um ein Haar hätte ich dem FC-St.Gallen-Verteidiger einen Fallrückzieher reingeballert. Die Kugel fliegt nur knapp über das Gehäuse. Zu meiner Zufriedenheit sagt Gelmi: «Hättest du den reingemacht, hätte ich aufgehört zu spielen.» Wenigstens ein kleiner Trost.

Das nächste Training findet in einer Woche statt, das eSports-Turnier am Wochenende darauf. Vielleicht bin ich dann krank.

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Sandro Zulian
Quelle: saz
veröffentlicht: 1. Mai 2017 14:29
aktualisiert: 1. Mai 2017 14:29