Schalke 04: Überraschend früher Nullpunkt

21. September 2018, 09:58 Uhr
Schalkes grosser Hoffnungsträger: Jungtrainer Domenico Tedesco (33)
Schalkes grosser Hoffnungsträger: Jungtrainer Domenico Tedesco (33)
© KEYSTONE/AP/MARTIN MEISSNER
Schalke denkt gross, spielt aber seit Wochen enttäuschend. Verliert der Ruhr-Koloss am Samstag im Heimspiel gegen Bayern München erneut, dürfte bei Königsblau das Krisenkabinett ein erstes Mal tagen.

Von ein «bisschen Comedy» war im Nachgang zum 1:1 in der Champions League gegen den FC Porto im Kreis der Schalker die Rede. Sie meinten nicht ihre bisherige Nullbilanz im Tagesgeschäft, sondern den umstrittenen Foulpenalty des portugiesischen Meisters. Eine Berührung im falschen Moment, ein kleinlicher Pfiff, in Gelsenkirchen geht zurzeit einiges schief.

Dabei haben die Knappen doch eben noch einen rauschenden Schalke-Tag zelebriert. Im August stimmten sie sich zusammen mit über 100'000 Anhängern auf die neuen Ziele ein. Und die Klubführung verkündete mitten in der allgemeinen Volksfestatmosphäre die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Trainer Domenico Tedesco bis 2022.

«Er hat Schalke verstanden und verinnerlicht», trompetete Manager Christian Heidel. Applaus, Zustimmung, Bewunderung. Sein zweiter Taktgeber seit dem eigenen Transfer in den Ruhrpott vor etwas mehr als zwei Jahren soll bei S04 Träume wahr werden lassen. Die Jagd auf Bayern München, Trophäen, Glanz und Gloria - danach sehnt sich der Koloss aus dem Ruhrgebiet.

33 ist Tedesco erst, aber zielstrebig wie ein Grosser. In der öffentlichen Analyse wirkt er wortgewandt. Angriffsflächen sind auch in kritischen Interviews nahezu keine auszumachen. Das Trainer-Talent lässt sich im medialen Diskurs kaum einmal aus der Reserve locken; Tedesco kennt die Unebenheiten im Showgeschäft.

Die Aussendarstellung ist ihm wichtig, der feine Stoff sitzt, das Hemd ist akkurat zugeknöpft. Noch auf dem Rasen spricht er zum Team - Tedesco, der Anpeitscher, der temperamentvolle Dompteur mit Herz, der ehrgeizige Mann mit Zugriff. Für seinen Mentor und Vorgesetzten Heidel bringt Tedesco alle Voraussetzungen mit, Schalke zu prägen: «Er ist mutig, innovativ und kommunikativ.»

Wie viel Wert die Lobeshymnen und das schriftliche Bekenntnis zum Coach sind, wird sich in den kommenden Wochen erhärten. Der Glanz der überragenden letzten Spielzeit ist bereits verblasst. Mit drei Niederlagen in den ersten drei Bundesliga-Runden hat kein S04-Experte gerechnet. Statt die Fortschritte zu bestätigen, sackte der Verein ohne Punkte auf Position 17 ab.

Dass eine derartige Schwächeperiode zu Beginn der Meisterschaft bedeutend mehr Staub aufwirbelt, liegt in der Natur der Sache. Im Fahrplan sind primär Fortschritte vorgesehen. Der Verein hat sich dem Aufbruch verschrieben. Im Trainings- und Geschäftsbereich sind Investitionen in der Höhe von gegen 100 Millionen geplant. Anfang 2019 überweisen die Schalker die letzte Rate für ihre Arena.

«Schalke erneuert sich, wir sind gesund, wir wachsen, und es gibt mir ein gutes Gefühl, was wir in den vergangenen Jahren geschafft haben», erklärte Klubchef Clemens Tönnies im Sommer in einem Interview mit dem Magazin «11Freunde». Sie seien in der Lage, guten Fussball zu bieten, legte er nach und dachte gross: "Wenn wir einen guten Job machen, können wir sie (die Bayern) irgendwann vielleicht auch mal überholen."

Der ranghöchste S04-Vertreter wird seine Einschätzung womöglich schon am kommenden Samstag im grösseren Umfang revidieren müssen. Die Bundesliga-Tabelle bildet eine andere Realität ab, der Champions-League-Teilnehmer ist im nationalen Wettbewerb frühzeitig unter Druck geraten. Sollte er auch das nächste Heimspiel gegen die makellosen Bayern verlieren, ist im Zusammenhang mit der Münchner Leaderposition der Griff zum Fernglas empfehlenswert.

Den kritischen Zeilen der «Süddeutschen Zeitung» ist eine erste Skepsis gegenüber dem Shooting-Star Tedesco zu entnehmen. "Tedescos Schalke pflegt sowohl den Gegner als auch den (neutralen) Beobachter zu strapazieren. Im vorigen Jahr sind die Schalke mit ihrem für jedermann anstrengenden Stil erfolgreich gewesen", schreibt der deutsche Fussball-Experte Philipp Selldorf in seinem Leitartikel zum Schalker Status.

Was der Anhang vom derzeitigen Stillstand hält, liess er die Verantwortlichen am ersten Champions-League-Abend spüren. Im wichtigsten Klubwettbewerb Europas blieben 9000 Plätze frei. Nur mit dem dichten Kalender ist eine solche Einbusse nicht zu erklären. Das Desinteresse war schon eher Ausdruck der kollektiven Verärgerung, eine erste Krise bahnt sich an.

Für einen der zurzeit eher besseren Akteure geht damit eine bislang vor allem schwierige Zeit ungewiss weiter: Breel Embolo. Der 21-jährige Schweizer kommt nach zwei Saisons mit physischen Problemen persönlich auf Touren. Der zuletzt zweifache Torschütze ist aber dennoch Teil einer taumelnden Elf, die um Orientierung ringt.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 21. September 2018 09:33
aktualisiert: 21. September 2018 09:58