Anzeige
Deutschland

Schalkes Peter Knäbel: «Es gibt hier keine One-Man-Show!»

10. März 2021, 18:37 Uhr
Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA schildert Schalkes neuer Chefstratege Peter Knäbel die Dimension der Herausforderung und ist erstaunt über das Tempo des Zerfalls bei S04.
Peter Knäbel und Schalke: Der Blick in die Zukunft ist nicht einfach.
© KEYSTONE/DPA/CHRISTIAN CHARISIUS

Nach dem personellen Kahlschlag auf Schalke vor zehn Tagen (unter anderem mit der Entlassung von Trainer Christian Gross) machte der Vorstand des Bundesliga-Tabellenletzten den 54-jährigen Deutschen Peter Knäbel zum Chefstrategen.

Der frühere Technische Direktor des SFV und Entwicklungs-Direktor von Schalke soll den abgestürzten Ruhrpott-Giganten vor einem Totalschaden bewahren und die komplizierte Zukunft aufgleisen. Knäbel spricht auch über die Ängste und Emotionen, mit denen Hunderte von Mitarbeitern in Gelsenkirchen seit Monaten zu kämpfen haben.

Wie intensiv verlief der Express-Einstieg? Beispiellos bewegend?

«Nein! Es gab den WM-Final mit der U17, die Olympia-Qualifikation mit der Schweiz oder das Entscheidungsspiel mit dem HSV in Karlsruhe – das waren Momente, in denen ich den Sport stark spürte. Aber klar, ganz alltägliches Business waren die letzten Tage auf Schalke natürlich nicht.»

Sie arbeiten seit 2018 für Königsblau. Den Niedergang der Knappen haben Sie hautnah miterlebt. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

«Die Dynamik des Abwärtstrends hat mich dann doch erstaunt. Das Tempo der Spirale gegen unten habe ich in dieser Form selten erlebt. Und dann kommt natürlich auch irgendwann die Frage auf: Wie kann man den Absturz überhaupt noch stoppen? Das Vorher und Nachher war krass. Ich erinnere mich an das tolle Spiel gegen Mönchengladbach (2:0, im Januar 2020) – etwas vom Besten, was ich von Schalke gesehen habe; dann setzte der Zerfall ein, rasend schnell.»

Sie managen nun einen schwer schlingernden Giganten. Gab es Ihrerseits ein kurzes Zögern, diese Herausforderung anzunehmen? War der Respekt vor dem geschichtsträchtigen Ausmass gross?

«Für mich ist es unzweifelhaft, dass man in einer solchen schwierigen Lage sofort anpackt mit den anderen Betroffenen. Intern brachte ich hingegen auch zum Ausdruck, die Rettung nicht als Einzelmaske vorantreiben zu wollen. Eine solche Mission funktioniert nur im Kollektiv. Es gibt hier keine One-Man-Show! Die Installation der Task-Force zur Kaderplanung war vorgängig der entscheidende Schritt - mir war klar, dass es ohne flankierende Massnahmen nicht klappen würde.»

Wie hilfreich sind Ihre Erfahrungen, die Sie in Hamburg machten? Das HSV-Umfeld war ähnlich aufgewühlt.

«Mein Erfahrungsschatz hilft mir sehr, obwohl ich die Situation hier deutlich besser kennen gelernt habe. Ich weiss, dass in schwierigen Momenten nicht einfach alles per se schlecht ist, sondern viele wertvolle Mitarbeiter fokussiert Lösungen anstreben. Seit Hamburg weiss ich, wie es sich anfühlt, wenn Menschen von Ängsten und Emotionen getrieben werden, wenn der eigene Arbeitsplatz in Gefahr gerät.»

Schalke droht bei einem Fall in die zweite Klasse auf diversen Ebenen eine lange Tortur. Was wird auf den klammen und sportlich schwer angeschlagenen Verein zurollen?

«In erster Linie geht es mal um 600 Arbeitsplätze. Auf dem Spiel steht ein Identifikationsmagnet für die gesamte Region. Wer Gelsenkirchen kennt, weiss, wie wichtig nur schon der lokale Aspekt ist. Die Bedeutung hingegen ist international – Schalker sind auf der ganzen Welt zu finden. Das Selbstverständnis von 153'000 Mitgliedern ist spürbar; im Namen derer zu handeln und zu agieren, ist eine gewaltige Herausforderung.»

Keiner wird ultimativ die sofortige Bundesliga-Rückkehr einfordern. Andere Ex-Liga-Schwergewichte stecken seit Jahren in der Zweitklassigkeit fest.

«Es ist bekannt, welche Problemfelder sich auftun können. Aus meiner Zeit als Spieler kenne ich verschiedene Klassenwechsel. Wir müssen eine gewisse Demut entwickeln, wir müssen die neue Umgebung annehmen, uns seriös darauf vorbereiten. Dann ist es aufgrund unserer Qualitäten auch möglich, wieder aufzusteigen. So selbstbewusst müssen wir schon sein.»

Sie stehen unter medialer Beobachtung. Täglich kursieren Spekulationen, ob Sie künftig als Gesamtverantwortlicher der Sportabteilung installiert werden. Welches Wunschszenario verfolgen Sie? Wie ist der Wasserstand?

«Status quo. Es ist logisch, dass die Journalisten etwas entlocken wollen. Aber es gibt aktuell nichts. Ich kenne meinen Auftrag, das genügt zur Zeit. Für mich steht die Stabilisierung der aktuellen Situation im Vordergrund, das Erarbeiten von Perspektiven hat für mich Priorität. Alles Übrige wird sich regeln.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 10. März 2021 17:45
aktualisiert: 10. März 2021 18:37