GC-Trainer über Blauäugigkeit und Sesselkleber

1. Februar 2019, 05:47 Uhr
Thorsten Fink trotzt dem eisigen Wind auf dem GC-Campus
Thorsten Fink trotzt dem eisigen Wind auf dem GC-Campus
© KEYSTONE/ENNIO LEANZA
Thorsten Fink, der Unverwüstliche: Während bei den Grasshoppers auf Führungsebene das nächste Beben wütet, gibt sich der Trainer vor dem Rückrunden-Auftakt enthusiastisch wie eh.

Die Lage ist prekär, finanziell wie sportlich. Von Tabellenplatz 9 aus und mit einem kolportierten Millionen-Loch in der Kasse starten die Grasshoppers am Sonntag gegen Basel zur Rückrunde in der Super League. An Thorsten Fink scheinen die Probleme abzuperlen. Während auf Führungsebene gerade die nächste Umwälzung vollzogen wird und Gerüchte über den drohenden Konkurs die Runde machen, versprüht der Trainer am Mittwochnachmittag Zuversicht und Enthusiasmus. Er wolle nicht alles schönreden, sagte der 51-jährige Deutsche, er sei aber überzeugt, dass die Saat für eine rosige Zukunft in der Mannschaft gelegt sei. Was es dafür braucht - «Zeit, Ruhe und Geduld» -, steht allerdings gerade wieder auf wackligem Fundament.

Thorsten Fink, am Sonntag startet GC gegen Basel in die Rückrunde. Als Neunter, aber immer noch mit der Ambition, sich für den Europacup zu qualifizieren?

«Man könnte tiefstapeln und sagen, wir konzentrieren uns nur noch auf den Abstiegskampf. Wir haben aber beides im Blick und wissen, dass wir noch nach oben kommen können. Dass in dieser Liga alles möglich ist, hat Luzern in der letzten Saison mit dem Vorstoss vom 9. auf den 3. Platz nach der Winterpause gezeigt. Wir haben jetzt Anpassungen am Kader vorgenommen und werden noch ein, zwei weitere Dinge tun. Von daher können wir nicht einfach rausgehen und sagen, wir wollen nicht absteigen. Blauäugig sind wir aber nicht. Die Richtung hängt auch davon ab, wie wir aus den Startlöchern kommen.»

Warum glauben Sie, ist GC besser als die Hälfte der Liga?

«Ich glaube an mein Kader. Wir verfügen über viel Schnelligkeit und technisch gute Spieler. Ich glaube, meine Mannschaft kann den Unterschied ausmachen, zumal noch die eine oder andere Verstärkung dazustossen dürfte. Sie hat Charakter, ist voller Emotionen, Leidenschaft und Visionen. Sie hat eine gute Zukunft vor sich. Im Sommer sind viele neue Spieler dazugekommen, die Mannschaft brauchte deshalb Zeit, um zusammenzuwachsen. Nun hat sie sich gut auf die Rückrunde eingeschworen. Keiner will noch einmal erleben, was im letzten Jahr passiert ist. Um mehr zu punkten, sind wir bereit, noch einmal zehn Prozent draufzulegen.»

Die Tabellenplätze der letzten zwei Saisons und in dieser Hinrunde sprechen eine andere Sprache. 2016/17 war GC Achter, dann Neunter, und jetzt liegt der Klub erneut an vorletzter Stelle. Auf Aussenstehende wirkt es, als ob man die Abstiegsgefahr verkennt.

«Bei uns verkennt keiner die Abstiegsgefahr. Das behaupten die Leute, aber gesagt hat von uns keiner etwas in diese Richtung. Wie gesagt, wir schauen nicht blindlings nach oben, sondern auch nach unten. Wir haben vor der Saison unsere Ziele ausgegeben und sind dann da reingerutscht, wo wir jetzt sind. Zum Teil lag das an den Verletzungen, es gab aber auch andere Gründe. Viele Spieler stiessen erst spät zur Mannschaft, andere kamen aus Verletzungen zurück. Einigen jungen Spielern fehlte die Erfahrung, andere brachten nicht das, was wir uns erhofft hatten. Folglich brauchte das Team Zeit, um zusammenzuwachsen - was allerdings erschwert wurde, weil ich wegen den Verletzungen ständig wechseln musste. Dass die Fitness teilweise ein Grund für die Verletzungen war, bestreite ich nicht. Daran haben wir gearbeitet und arbeiten wir weiterhin.»

Sie sind überzeugt, dass es nun aufwärts gehen wird.

«Diese Mannschaft hat sehr gute Perspektiven. 2012 ist GC mit einer ebenfalls sehr jungen Mannschaft fast abgestiegen, nur dank dem Rückzug von Xamax und dem Punktabzug von Sion nicht. In der darauffolgenden Saison hat sie in nur leicht veränderter Zusammensetzung Platz 2 erreicht. Das Problem in jüngster Vergangenheit war, dass die Spieler und Führungskräfte immer wieder ausgetauscht wurden. In den letzten drei Jahren waren es 64 Spieler. So konnte nichts wachsen.»

Wie beeinflusst die Unruhe auf Führungsebene Sie und die Mannschaft?

«Gewisse Dinge sind noch nicht genau geklärt da oben. Aber mich und die Mannschaft lässt man damit in Ruhe. In einem guten Betrieb arbeiten kreative Leute, in schlechten entscheidet die Politik. Ich glaube, bei uns sind kompetente Leute am Werk, die das regeln.»

Sie sind seit April letzten Jahres bei GC im Amt. An der Tabellensituation hat sich nichts geändert. Wie lautet ihre Zwischenbilanz nach gut neun Monaten?

«Ich spreche hier als Tabellenneunter, da lässt sich nicht alles schönreden. Wir haben vieles entwickelt, hinzugeholt und angestossen für eine gute Zukunft. Von heute auf morgen geht das aber nicht. Was wir jetzt brauchen, ist Zeit und etwas mehr Glück bei den Verletzungen, weniger verletzte Leistungsträger. Ich habe hier einen tollen Verein vorgefunden und spüre, dass alle etwas erreichen und nicht gleich wieder alles über den Haufen werfen wollen. Ich habe ein super Team um mich herum, von der Mannschaft bis zum Präsidenten, dazu professionelle Strukturen, die sich manch anderer Super-League-Verein auch wünschte. Gemeinsam haben wir eine Basis geschaffen, auf der sich aufbauen lässt. Es macht mir richtig Spass, mit den Jungen zu arbeiten, diese weiter- und mitzuentwickeln. Eine junge Saat muss aber Zeit bekommen, um zu reifen.»

Sie sprechen von einer Mannschaft, der die Zukunft gehört, und davon, dass Sie die Saat auch ernten möchten. Ob Sie den Reifeprozess auch nächste Saison begleiten, ist indes offen. Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Wie ist der Stand der Dinge?

«Wir werden sehen, in welche Richtung es gehen wird. Ich bin gerne hier, klammere mich aber nicht an meinen Job. Wenn man mich gerne hält, dann mache ich auch gerne und voller Euphorie weiter. Die tolle Nachwuchsarbeit, die hier mit jungen Spielern aus der Region geleistet wird, sagt mir zu, und damit können sich auch die Fans identifizieren. Die Vorstellung, dass ein Anderer die Früchte meiner Arbeit ernten wird, gefällt mir nicht.»

Wie weit ist die Mannschaft noch von dem Spiel entfernt, das Sie sich vorstellen?

«Weit, weit... Wir reagieren zurzeit nur, können nicht selbst agieren. Im Trainingslager machten wir aber gute Fortschritte, und bis zum Ende der Transferperiode werden wir noch nachlegen und im Sommer noch einmal. Dann haben wir wirklich ein Topteam beisammen. Im Moment fehlt uns im Offensivbereich noch die Durchschlagskraft und die Möglichkeit, auf Verletzungen zu reagieren. Auf den Aussenbahnen wurden zu wenig Flanken geschlagen und zu viele Gegentore zugelassen. Wir machten generell zu viele leichte Fehler, weil eben die Automatismen fehlten.»

Quelle: SDA
veröffentlicht: 1. Februar 2019 05:00
aktualisiert: 1. Februar 2019 05:47