Gleiche Ausgangslage wie 2004, andere Gemütslage

27. August 2019, 12:14 Uhr
Auch die Mienen vom damaligen Trainer Hans-Peter Zaugg und Assitent Erminio Piserchia sprechen Bände
Auch die Mienen vom damaligen Trainer Hans-Peter Zaugg und Assitent Erminio Piserchia sprechen Bände
© KEYSTONE/ALEKSANDAR DJOROVIC
Lange haben sich die Young Boys das Image aufgebaut, dass sie Drucksituationen nicht gewachsen sein sollen. 2004 profitierte Roter Stern Belgrad vom YB-Nervenflattern, 2019 ist dies nicht zu erwarten.

Schaut man sich auf der Video-Plattform «Youtube» die TV-Bilder vom Rückspiel der zweiten Qualifikationsrunde zur Champions League zwischen Roter Stern Belgrad und den Young Boys von 2004 an, sticht einer ins Auge: Marco Wölfli. Das graue Goaliedress des Solothurners, an zweiter Position hinter Captain Stéphane Chapuisat ins Marakana-Stadion einlaufend, steht in krassem Kontrast zu den knallgelben Trikots seiner Teamkollegen. Wölfli bleibt während des Highlight-Videos im Fokus, neben den drei Toren, die er kassiert, schafften es mehrere Paraden von ihm ins Best-of.

Wenn YB an diesem Dienstag in den Champions-League-Playoffs erneut nach einem 2:2 im Hinspiel zum Rückspiel nach Belgrad reist, wird Wölfli wieder dabei sein, wenn auch diesmal in der Nebenrolle als Ersatz von David von Ballmoos. Ein Auswärtsspiel beim serbischen Rekordmeister, das bedeutet fast immer Stimmung, oft aber auch Probleme mit den fanatischen Anhängern des Klubs. Marco Wölfli hat jedoch keine schlechten Erinnerungen an die serbischen Fans, wie er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA erzählt.

Anderes ist dem langjährigen YB-Goalie geblieben. Etwa der Marsch durch den Stadionbauch des Marakana-Stadions, auf dem «man sich fast wie ein Gladiator fühlt». Angst habe ihn auf seinem Weg durch die Betonröhre in Richtung Rasen keine begleitet: «Ich habe solche Emotionen gern», sagt der 37-Jährige in der Retrospektive.

2004 sei nicht etwa der Belgrader Anhang für die 0:3-Auswärtsniederlage von YB verantwortlich gewesen, der Grund finde sich in der Leistung der Vorwoche. «Uns ist damals das 2:2 im Hinspiel in Zürich zum Verhängnis geworden», sagt Wölfli. «Nach der 2:0-Führung und einer Gelb-Roten Karte gegen Roter Stern suchten wir im Hardturm das 3:0 zu euphorisch, und wurden bestraft.»

Roter Stern war vor 15 Jahren im Hinspiel zu einem schmeichelhaften 2:2 gegen YB gekommen, ebenso wäre aus Berner Sicht das 2:2 am vergangenen Mittwoch zu vermeiden gewesen. Doch trotz des identischen Resultats war die Gemütslage beim Remis letzte Woche eine ganz andere. 2004 hatten zwei Tore von Nikola Zigic, Serbiens Fussballer der Jahre 2003, 2005 und 2006, YB beim Hinspiel aus dem Konzept geworfen. Zigics Tore hatten ihren Teil zum Ruf von nervenschwachen Young Boys beigetragen, der für die Bernern nach dem verpassten Meistertitel 2010 gar in der eigens für sie kreierten Wortschaffung «veryoungboysen» den Höhepunkt fand. Wer den Bernern am Mittwoch nach Spielschluss zugehört hat, wird zum Schluss kommen, dass ein ähnliches Szenario heuer nicht zu erwarten ist.

YB wirkt nicht verunsichert, YB wirkt motiviert und entschlossen. In den letzten beiden Jahren haben die Young Boys gezeigt, dass sie an den vergangenen Enttäuschungen nicht zerbrochen sind. Sie sind daran gewachsen. So sorgten sie dafür, dass der Ausdruck «veryoungboysen» an Popularität einbüsste. «Es war ein langer Prozess im gesamten Verein, um dieses Fundament zu schaffen», sagt Wölfli dazu, ohne konkrete Entwicklungen zu nennen.

YB scheint sich Wölfli in den zwanzig gemeinsamen Jahren angenähert zu haben, inspiriert von der Ruhe, die der Solothurner ausstrahlt. Er behielt in Bern die Ruhe, kompliziertere Phasen versuchte er mit Leistung zu quittieren. «Wenn es schwierig wurde, gab ich nur noch mehr Gas, und dachte sicher nicht gleich daran, den Verein zu wechseln», sagt er. «Und heute kann ich stolz darauf sein, so lange in ein- und demselben Klub gespielt zu haben.»

Inwiefern sich das YB von heute mit dem von vor 15 Jahren unterscheidet? «Damals hatten wir international noch nicht dieselbe Erfahrung wie heute. Wir sind in allen Bereichen gewachsen», sagt Wölfli. Und so erstaunt es nicht, dass bei YB nach dem 2:2 von vergangenem Mittwoch nicht das Jahr 2004, sondern eine Erkenntnis thematisiert wurde, die man aus der letztjährigen Champions-League-Qualifikation gegen Dinamo Zagreb gewonnen hatte: Dass auch ein Remis im Hinspiel auswärts noch zu korrigieren ist.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 27. August 2019 11:30
aktualisiert: 27. August 2019 12:14