Mein Untergang ist besiegelt

Sandro Zulian, 7. Mai 2017, 16:15 Uhr
Versprochen: Das ist mein letzter Artikel über FIFA. Ich mag nicht mehr. Am Samstag lud der «FC St.Gallen eSports» zum FIFA-Turnier im Kybunpark. Ich durfte in der Pro-Liga gegen Lausanne, Luzern und St.Gallen antreten.

Mit gut 30 Minuten Verspätung finde ich mich im Kybunpark ein. Pascal Signer, Leiter eSports beim FC St.Gallen, ruft mich bereits an: «Wo bist du?» Ich antworte, dass ich ja erst in einer halben Stunde mein erstes Spiel bestreite. Signer lässt das nicht gelten: «Dein Trainer ist bereits nervös! Mach, dass du hierhin kommst!» Das ist ernste Materie. Ich beeile mich.

Der Pro-Raum

In den VIP-Logen des FC St.Gallen stehen dutzende Fernsehgeräte. Überall tummeln sich bereits die Amateur-Spieler des Turniers. Ich zähle bestimmt an die 40 digitale Fussballhelden. «Du kannst dich im Pro-Raum vorbereiten. Dort hat es Kaffee, Tee und Verpflegung, es ist ein Rückzugsort für die Profis», instruiert mich Signer. «Uh, ein Pro-Raum. Wahrscheinlich mit Massagesesseln und Mental-Coaches», schiesst es mir zynisch durch den Kopf. Doch dieser Pro-Raum ist durchaus ernst gemeint. An der Tür hängt nämlich eine rote Verbotstafel mit dem Schriftzug: «Zutritt nur für Teilnehmer des Pro-Turniers.» Hoppla.

Mit von der Partie sind auch die FIFA-Profis aus den Niederlanden. PSV Eindhoven und Ajax Amsterdam haben Delegationen nach St.Gallen entsendet. Gegen diese Profis vom internationalen Parkett kann oder darf ich nicht antreten. Sie sind in Gruppe B, ich in Gruppe A. Ausserdem habe ich mir von einem Insider sagen lassen, dass es die FIFA-Stars nicht goutieren würden, wenn sie gegen einen Laien von FM1 antreten müssten. Das sind Vollzeit-Profis. Sie machen nichts anderes, als FIFA zu spielen.

Mein erstes Spiel

Dazu will ich gar nicht viel schreiben. Sandro «Neysk1LL» Poschinger vom FC St.Gallen «butzt» mich mit meinem 1. FC Köln (geile Wahl, gell) 7:0 vom Rasen. Mir gelingt kaum eine Offensivaktion, hinten wirbelt Poschinger meine Verteidigung durcheinander. Jeder Schuss ein Treffer. Dieser Typ ist ein absoluter Profi. Ich bin baff. Wir sitzen uns auf einem Podest gegenüber, ein grosser Fernseher überträgt unser Spiel für die Zuschauer. Ja, die Zuschauer. Vor dem Fernseher sind nämlich 30 Stühle in Bühnen-Formation aufgereiht. Jeder und jede kann mir bei meinem desolaten Auftritt zuschauen. Ich fühle mich ein wenig wie Joe Zinnbauer.

Der FC Luzern ist ja auch nervös

Nach diesem ersten Wachmacher muss ich sofort zum «Caster». Er ist für den Livestream sowie für den Kommentar der Spiele zuständig. Er will sich mit mir über mein erstes Spiel unterhalten. Auch das noch. Ich gebe kurz und knapp zu, dass ich keine Chance hatte. Dann kommentieren wir zusammen das Spiel zwischen dem FC Lausanne und dem FC St.Gallen.

Nach einer kurzen Unterbrechung beginnt mein zweites Spiel. Gegenüber nimmt Philipp Platz. Ein aufgestellter eSports-Spieler des FC Luzern. Er trägt Adiletten. «Der muss sich hier ja wohl fühlen», denke ich. Tut er aber nicht, wie er sagt: «Ich habe erst am Mittwoch erfahren, dass ich heute hier spielen muss. Ich bin total nervös!»

Dann sind wir ja schon zwei. Das Spiel beginnt und ich nehme mir fest vor, dieses Mal nicht in die altbekannte Liederlichkeit zu fallen, die sich einstellt, nachdem ich das erste Tor bekommen habe. Nach 30 soliden FIFA-Minuten fällt dann aber doch noch das 1:0 für den FC Luzern. Ich bleibe konzentriert und komme zu der einen oder anderen vielversprechenden Chance. Doch auch als ich mit Modeste alleine vor dem Goalie aufkreuze, will mein Ball nicht rein. Am Schluss steht es 2:0 für den FC Luzern. Darauf kann ich schon fast stolz sein.

«Ça c'est rouge normalement, hein?»

Meine Ehre ist wiederhergestellt. Ein 0:2 auf diesem Niveau fühlt sich für mich schon fast wie ein Sieg an. Weiter geht's gegen den FC Lausanne-Sport. Meine Konzentration hält sich ziemlich gut. Ich komme gut in's Spiel und muss mich vor dem jungen Westschweizer auf der anderen Seite nicht verstecken. Trotzdem - war ja klar - geht er nach der Pause mit 1:0 in Führung. Kurz darauf fällt auch das 2:0 und sogar das 3:0. Thomas «Janthana» Temperli, mein FIFA-Coach, kommentiert das Spiel. «Wenn ich jetzt Sandro wäre, würde ich meine Mannschaft auf 4-3-4 aufstellen und alles nach vorne werfen, was ich habe.» Der Wink mit dem (riesigen) Zaunpfahl kommt bei mir an. Ich wechsle alle Offensivkräfte ein und stelle mein Team auf «Totaler Angriff».

Und dann geschieht es: Ein langer Kick von meinem Keeper landet zufälligerweise in den Beinen von Modeste. Dieser überläuft einen, zwei, drei Verteidiger und trifft den noch springenden Ball mit Vollspann. Der Ball rast mit einer unglaublichen Geschwindigkeit direkt ins Lattenkreuz. Lausanne-Keeper Castella hat keine Chance. Ich juble, als hätte ich gerade das ganze Turnier gewonnen.

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Als kleines Schmankerl mähe ich von hinten noch einen dribbelnden Lausanne-Spieler von den Beinen. Den Ball habe ich zwar berührt, doch es war ganz klar eine Aktion, die mit einer roten Karte hätte geahndet werden müssen. Ich frage meinen Gegenspieler: «Ça c'est rouge normalement, hein?» Er lacht und sagt: «Definitivement!» Es bleibt dabei. 1:3 verliere ich auch gegen den FC Lausanne-Sport.

Die Resultate der Rückspiele

0:10 gegen den FC St.Gallen eSport 1
0:5 gegen den FC Luzern

1:2 gegen den FC Lausanne eSport 1 (nach Verlängerung)

Mein Fazit

eSport macht Spass. Richtig viel Spass. Sofern man denn gewinnt. Das ist mir verwehrt geblieben, denn die eSport-Profis machen ihrem Namen alle Ehre. Sie arbeiten mit der professionellen Ruhe eines Uhrmachers. Nichts bringt sie aus dem Konzept. Schiessen sie ein Tor, entfährt ihnen ein brüskes «Yeah!». Mehr Emotionen gibt es, genau so wenig wie Bier und Chips, nicht. Ich werde wohl nie ein Profi-FIFA-Spieler werden. Das muss ich auch nicht. Ich bin (wie so oft von den Kommentatoren genannt) ein «Casual-Spieler». Und das darf gerne so bleiben.

Sandro Zulian
veröffentlicht: 7. Mai 2017 12:54
aktualisiert: 7. Mai 2017 16:15