Formel 1

Der siebente Streich des Besonderen

16. November 2020, 05:42 Uhr
Er ist und bleibt der Grösste: Lewis Hamilton (hier mit Teamchef Toto Wolff)
© KEYSTONE/EPA/Murad Sezer / Pool
Der Besondere ist auch in dieser besonderen Saison der Beste. Der siebenfache Weltmeister Lewis Hamilton hebt sich nicht nur durch den sportlichen Erfolg ab. Er ist auch an anderen Fronten Vorreiter.

Er ist nach wie vor mit ganzer Hingabe Formel-1-Fahrer. Den Drang nach Siegen und Titeln und die Lust auf weitere Schritte in seinem beruflichen Reifeprozess verspürt er weiterhin. Doch das Rasen auf den Rennstrecken ist Hamilton schon lange zu wenig. In früheren Jahren hat er in einem ausschweifenden Lebensstil Abwechslung gefunden. Dann haben es ihm die Musik-, Film- und Mode-Branche angetan. Mittlerweile nutzt er seine Sonderstellung primär, um seinen Sorgen und Anliegen Ausdruck zu verleihen und auf die Missstände in der Welt aufmerksam zu machen. Es ist eine Mischung aus Wut und Ohnmacht, die ihn antreibt.

Hamilton nimmt sich die Freiheit, anders zu sein. Für ihn als Farbigen in einem von den Weissen gestalteten Sport ist der Blickwinkel ein anderer. Mit steigendem Einfluss hat er sich immer mehr dagegen gewehrt, sich in das Schema des pflegeleichten Fahrers zwängen zu lassen. Die Jugendzeit hat ihm sozusagen seine Gesinnung mit auf den Weg gegeben. Als Legastheniker kennt er das Gefühl des Benachteiligten. Als Spross einer in den Fünfzigerjahren aus dem Karibik-Staat Grenada eingewanderten Familie hat er den Kampf gegen Ungerechtigkeit früh gelernt.

Der breit gefächerte Kampf

Hamilton führt einen breit gefächerten Kampf. Er verurteilt den Rassismus und die Ausgrenzung, er befasst sich mit Gesellschaftspolitik und Ökologie. Dass sein Aktivismus keine flächendeckende Akzeptanz findet, nimmt er in Kauf. Für seine Kritiker ist der Spagat zwischen Formel 1 und grüner Gesinnung Scheinheiligkeit und Heuchelei. Ihnen begegnet er mit Taten. Als Klimaaktivist hat er seinen Privatjet verkauft und seinen Fuhrpark mit Elektro-Autos erweitert, als Umweltschützer verzichtet er auf den Gebrauch von Plastik, und als Tierschützer hat er auf vegane Ernährung umgestellt.

Wichtiger als die Nörgler ist Hamilton die Unterstützung, die ihm im innersten Zirkel seiner Arbeitswelt zuteil wird. Die im Sommer von den Verantwortlichen der Formel 1 lancierte Initiative «WeRaceAsOne» (Wir fahren als Einheit) mit dem gleichnamigen Hashtag in den sozialen Medien ist ein deutliches Votum, für die Fahrer-Kollegen gehören das Tragen von schwarzen T-Shirts mit relevantem Aufdruck «Black Lives Matter» (Schwarze Leben zählen) und das Niederknien mittlerweile zum gewohnten Ritual vor dem Rennstart.

Die neuen Gepflogenheiten untermauern Hamiltons Ausnahmestellung als Wortführer der Formel 1. Diese Strahlkraft hat er sich mit Leistung auf den Rennpisten erarbeitet. Mit einer beeindruckenden Konstanz ist er zum erfolgreichsten Fahrer der Geschichte aufgestiegen. Mit den sieben Titeln und den 94 Grand-Prix-Siegen hat er Grenzen erreicht und übertroffen, die Michael Schumacher einst scheinbar für die Ewigkeit abgesteckt hatte.

Das perfekte Umfeld

Hamilton beansprucht den Erfolg nicht für sich allein. Er nennt sich Teil eines Teams, das seine Arbeit wie er selber unablässig mit Akribie und Detailbesessenheit verrichtet. In der Equipe von Mercedes führt die jahrelange Dominanz nicht zur Sättigung, sondern dient als Motivation für stete Optimierung und Perfektionierung.

Dieses Umfeld bietet Hamilton die ideale Grundlage zur eigenen Weiterentwicklung und für weitere Kapitel in seiner Erfolgsgeschichte. Die Parameter zeigen in die richtige Richtung. Für Hamilton ist angerichtet, die Stellung des Primus zu wahren. Oder: Es wäre angerichtet.

Den Konjunktiv hat der Brite selber ins Spiel gebracht. Mit seiner Andeutung, dass es nicht sicher sei, dass er auch im nächsten Jahr dabei sein werde, hat er Unsicherheit gesät. «Ich würde gerne weitermachen, aber dafür gibt es keine Garantie. Es gibt vieles, was mich am Leben nach meiner Zeit als Rennfahrer reizt. Also wird es die Zeit zeigen.»

Die rosige Zukunft

Fakt ist, dass die Verlängerung des Vertrages mit Arbeitgeber Mercedes noch nicht vollzogen ist. Fakt ist aber auch, dass sich die unmittelbare sportliche Zukunft für Hamilton rosig präsentiert. Der Beschluss, dass an den Formel-1-Autos im Hinblick auf die nächste Saison nur geringfügige Änderungen vorgenommen werden dürfen, spielt dem Weltmeister in die Karten. Er kann davon ausgehen, dass die Vorteile im technischen Bereich nach wie vor auf Seiten von Mercedes liegen werden, das Auto mit dem Stern also weiterhin Gewähr bietet, um nach den Sternen zu greifen.

Es ist schwer vorstellbar, dass Hamilton nicht versuchen wird, von dieser günstigen Konstellation zu profitieren. 23 Grands Prix sind im Kalender fürs kommende Jahr aufgeführt. 23 Gelegenheiten für den Engländer, um sein Palmares weiter zu veredeln. Teamchef Toto Wolff, Hamiltons engster Vertrauter im sportlichen Umfeld, hat die nächste Verhandlungsrunde über eine Fortsetzung der Zusammenarbeit für die Zeit nach der Titelentscheidung angekündigt.

Die Prognose ist deshalb nicht allzu gewagt: Hamilton bleibt der Formel 1 erhalten. Sein Drang nach Erfolg wird auch nach dieser Saison gross genug sein.

Quelle: sda
veröffentlicht: 16. November 2020 05:05
aktualisiert: 16. November 2020 05:42