Patron Hans-Ulrich Lehmann über Klotens Risiken und Nebenwirkungen

7. Januar 2017, 04:10 Uhr
Der neue EHC-Kloten-Besitzer Hans-Ulrich Lehmann hat einen neuen Trainer verpflichtet
Der neue EHC-Kloten-Besitzer Hans-Ulrich Lehmann hat einen neuen Trainer verpflichtet
© KEYSTONE/ENNIO LEANZA
Im weniger relevanten Cup spielt Finalist Kloten um die Trophäe, im Liga-Kerngeschäft hingegen akzentuieren sich die Probleme. Patron Hans-Ulrich Lehmann äussert sich über Risiken und Nebenwirkungen. Seit dem letzten Frühling ist Hans-Ulrich Lehmann Klubchef und Hauptaktionär beim EHC Kloten.

Vor dem Derby-Heimspiel am Samstag gegen die ZSC Lions spricht der Unternehmer im Interview mit der Nachrichtenagentur sda über seinen rigiden Sparkurs und steckt den begrenzten Spielraum der Zürcher klar ab. Die sportlichen Risiken sind dem Unternehmer bewusst, seinen kompromisslosen Weg hält der Präsident gleichwohl für alternativlos.

Sie sagten unlängst in der NZZ, Siege würden dem Team gehören, für (Meisterschafts-)Niederlagen müssten die Entscheidungsträger ihren Kopf hinhalten.

«So ist es! Wenn die Ergebnisse in der Meisterschaft nicht so ausfallen, wie man sich das wünscht, muss man als Chef Stellung beziehen. Das ist bekannter Part of the Game.»

Halten Sie es denn inzwischen für angebracht, etwas zu unternehmen? In der Liga hat die Mannschaft achtmal in Folge verloren und ist auf einen Playout-Platz abgesackt.

«Es gibt keinen Grund für überstürzte Handlungen. Das Team ist intakt, das Engagement stimmte. Der Alltag wird von einem unglaublichen Verletzungspech beeinträchtigt. Aber so funktioniert nun mal der Sport - steuerbar ist in diesem Bereich nichts. Zurzeit machen wir eine Baisse durch. Es gehört dazu, solche Probleme gemeinsam auszuhalten.»

Aber Sie schauen kaum tatenlos zu?

«Natürlich sind wir permanent daran, dem Team auf irgendeine Weise zu helfen. Selbstverständlich nur im Rahmen unserer Möglichkeiten.»

Die Kostenkontrolle steht bei Ihrer Strategie über allem.

«Ich habe immer wieder betont, dass die wirtschaftliche Zukunft des Vereins Priorität hat. Die sportliche Entwicklung haben wir so zu akzeptieren, wie sie ist. Von diesem Prinzip rücken wir in Kloten unter meiner Führung nicht mehr ab.»

Sie sind nicht angetreten, um am Ende des Geschäftsjahres weitere finanzielle Unebenheiten zu begleichen?

«Als Hauptaktionär bin ich ja gezwungen, die Rechnung zu übernehmen. Eine Punktlandung ist schwierig. Aber klar ist, dass ich nicht Millionen einschiessen werde.»

Goutieren die Anhänger Ihre strikte Haltung?

"Fans wollen Sieger sehen, keine Frage. Und Kloten hat jahrelang um Titel gespielt. Dem ist nicht mehr so. Erreichen wir die Playoffs, haben wir die Zielvorgaben erfüllt, weil unser Budget schlicht und einfach begrenzt ist. Es braucht womöglich eine gewisse Zeit, bis die Leute realisieren, dass der Klub seine Linie kompromisslos durchzieht. Ob die Zuschauer diese Haltung goutieren? Wir haben gar keine andere Möglichkeit. Würden wir wieder die alten Schuldenlöcher aufreissen, gäbe es hier bald kein NLA-Hockey mehr zu sehen."

Ihre Meinung ist nicht vom Tabellenstand abhängig?

"Es gibt gar keinen Spielraum. Klar investieren wir das Geld, das durch den Transfer von Santala (der Finne wechselte vor der Weihnachtspause zu Magnitogorsk) frei geworden ist - aber keinen Franken mehr, Punkt. Jeder in Kloten kennt meinen Ansatz."

Welche Bilanz ziehen Sie acht Monate nach Ihrem Einstieg in finanzieller Hinsicht? Wie stabil ist der EHC?

«Wir haben die Kosten im Griff. Das Budget von 20 Millionen innerhalb einer Saison um 30 Prozent zu kürzen, ohne dabei die ganze Mannschaft zu verlieren, war eine Herkulesleistung. Bei den Zuschauerzahlen stehen wir besser da als im Vorjahr, aber noch immer weniger gut als budgetiert.»

Mit einem Kollateralschaden wie im Vorjahr ist also so oder so nicht mehr zu rechnen?

«Vielleicht machen wir mal eine Million Verlust oder eine halbe Gewinn, rote Zahlen in Millionenhöhe wird und darf es nie mehr geben.»

Nochmals zurück zum Fall Tommi Santala - befürchten Sie angesichts der im Sommer beschlossenen Lohnsenkungen, dass im Frühling weitere Professionals aus ökonomischen Gründen auf einen Klubwechsel pochen werden?

«Bei Santala wäre die Zusammenarbeit ausgelaufen, andere Spieler haben einen rechtsgültigen Vertrag. Ich war bei ihm enttäuscht, weil wir kurz vorher noch verhandelt hatten. Aber wenn ein Spieler einer Verlockung nicht widerstehen kann, ist das bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehbar. Wir bieten nicht mit und legen einem Spieler keine Steine in den Weg, wenn er in Russland drei- bis viermal mehr verdienen kann. In Kloten wird niemand vergoldet.»

Sie befürchten also keine Transferwelle in den nächsten Monaten?

«Nein, die Mannschaft für die nächste Saison steht bis auf die Ausländerpositionen. Dass wir einen Shore und wohl auch Sanguinetti verlieren, zeichnet sich ab. Die beiden haben voll eingeschlagen. Bei uns werden sie zwar fair entschädigt, wenn sie künftig an einem Ort mehr verdienen können, mag ich ihnen die Lohnerhöhung gönnen und werde sie sicher nicht aufhalten.»

Die Geldmenge im Schweizer Eishockey ist ab nächster Saison dank einem neuen lukrativen TV-Deal markant höher. Die einen Klubs senken dank der Finanzspritze ihre Defizite, andere legen den Spielern höher dotierte Lohnofferten vor. Erwarten Sie einen sehr volatilen Markt?

«Es wird mehr TV-Geld im Umlauf sein. Aber die Hälfte der Klubs darbt ohnehin. Nicht nur für Kloten gilt die Devise 'Rückkehr zur Vernunft', auch andere Führungscrews denken ähnlich. Ich glaube nicht, dass plötzlich viel mehr investiert wird.»

Sie versuchen, neue Quellen anzuzapfen. Das Catering ist in Kloten neu eine Inhouse-Angelegenheit. Was versprechen Sie sich davon?

«Eine hohe sechs-, im besten Fall sogar siebenstellige Summe. Für uns ist das Catering ein ganz wichtiges Puzzle-Teil im wirtschaftlichen Gesamtkontext. Es geht auch um die Identifikation. Der Ertrag für Wurst, Brot und Bier soll in die Klubkasse fliessen - wir bringen den Kunden ja schliesslich ins Stadion. Neben dem Sponsoring und den TV-Einnahmen ist der Gastro-Bereich eine wesentliche Säule der Ertragsseite. »

Inzwischen verfügen Sie über ausreichende Detailkenntnisse und Erfahrungswerte und können die Substanz Klotens einschätzen - ist Spitzenhockey unter den aktuellen Bedingungen überhaupt noch langfristig möglich?

«Es ist möglich, ja, allerdings ohne die Ambition, um den Titel mitspielen zu wollen. Wir gehen mit einem relativ schmalen Kader Risiken ein, bieten indes den Junioren eine relativ gute Möglichkeit, auf höchster Ebene einsteigen zu können. Ein solcher Plan braucht Mut, ich hoffe er geht auf. »

Würden Sie sich mit Ihrem heutigen Wissensstand noch einmal auf ein vergleichbares Projekt einlassen? Oder anders gefragt: War es richtig, den maroden Verein zu übernehmen?

«Ich würde es wieder machen, ich erlebe sehr viel positive Emotionen. Und mich hat angenehm überrascht, wie viel menschliche Substanz in diesem Klub steckt. Intern haben alle sehr schnell begriffen, was auf dem Spiel steht, die Solidarität innerhalb des Teams hat mich tief beeindruckt.»

Welche Vision verbinden Sie mit dem redimensionierten Kloten-Modell?

«Eine Vision wäre, in zwei, drei Jahren den Klub für weitere Aktionäre zu öffnen und nachhaltig zu funktionieren. Ein Basis zu schaffen, die es ermöglicht, den Leuten in der Region Top-Hockey anzubieten, muss das pragmatische Ziel sein. »

Quelle: SDA
veröffentlicht: 6. Januar 2017 11:57
aktualisiert: 7. Januar 2017 04:10