Saibene über den FCSG, Bielefeld und die Fans

Michael Ulmann, 14. Oktober 2017, 10:36 Uhr
Er ist und war einer der beliebtesten Trainer des FC St.Gallen: Jeff Saibene. Seit März dieses Jahres trainiert der Luxemburger die Mannschaft von Arminia Bielefeld aus der zweiten deutschen Bundesliga. Und das ziemlich erfolgreich. Wir haben mit ihm gesprochen.

1639 Tage oder rund viereinhalb Jahre - so lange war Jeff Saibene Trainer des FC St.Gallen. Damit belegt er Platz zwei der dienstältesten FCSG-Trainer. Nur Willy Sommer (01.07.1975 - 30.06.1981) war mit 2191 Tagen oder sechs Jahren noch länger Trainer. Nach seinem freiwilligen Abgang bei St.Gallen im September 2015, was ihm viele Fans hoch anrechneten, war Saibene noch rund eineinhalb Jahre Trainer beim FC Thun, bevor es ihn zu Arminia Bielefeld zog.

Jeff Saibene, zuerst einmal, wie geht es Ihnen in Bielefeld? Haben Sie sich gut eingelebt?

Ja sehr. Es geht mir gut und es macht Spass hier. Mir gefällt halt auch die Fussballkultur hier in Deutschland. Alles ist ein bisschen grösser als in der Schweiz. Bielefeld hat fast 400'000 Einwohner und auch das Interesse am Fussball ist hier noch ein bisschen grösser als in der Schweiz. Der Zuschauerschnitt in der zweiten Liga liegt teilweise bei 25'000 Zuschauern. Das zeigt schon auch die Begeisterungsfähigkeit der Leute. Es gefällt mir sehr gut hier.

Seit rund einem halben Jahr sind sie nun in Bielefeld, haben in der letzten Saison den Abstieg in extremis verhindert und sind aktuell mit Platz vier nach neun Spielen sehr gut unterwegs. Wie haben Sie diese ereignisreichen letzten Monate erlebt?

Das waren sehr turbulente Monate. Es ging praktisch Schlag auf Schlag. Vor allem in der letzten Saison hatten wir in jedem Spiel das Messer am Hals. Das war schon eine Extrem-Situation. Aus dem Ligaerhalt haben wir aber viel Vertrauen geschöpft und dieses Vertrauen nun in die neue Saison mitgenommen. Jetzt freuen wir uns auf das Spitzenspiel am Samstag gegen Fortuna Düsseldorf. Also im Moment läuft's ziemlich gut.


Weshalb läuft es denn im Moment so gut bei der Arminia?

Die Mannschaft setzt meine Philosophie gut um. Die Spieler spielen, seit ich gekommen bin, mutig nach vorne. Und wenn man dann halt erfolgreich ist, macht das nicht nur mir, sondern auch der Mannschaft Spass.

Ich nehme an, Sie kommen zurzeit nicht nur bei der Mannschaft gut an, sondern auch bei den Fans.

Wenn man als neuer Trainer kommt, eine schwer angeschlagene Mannschaft in einer schwierigen Situation übernimmt und sie dann vor dem Abstieg bewahrt, dann sind natürlich alle zufrieden, ist doch klar. Und dass es jetzt so erfolgreich weitergeht, stört im Umfeld des Vereins natürlich auch niemanden. Im Fussball muss man aber aufpassen. Es geht schnell rauf aber auch schnell wieder runter. So gesehen geniesse ich zwar den Moment, kann das Ganze aber richtig einschätzen. Deshalb verfalle ich nun auch nicht in Euphorie.

Im Umfeld des Vereins herrscht aber schon eine Euphorie? Oder ist dieses Wort zu hoch gegriffen?

Ob es eine Euphorie ist, das weiss ich nicht. Aber es herrscht schon eine grosse Begeisterung. Das zeigt auch, dass schon jetzt über 17'000 Tickets für das Spitzenspiel am Samstag gegen Düsseldorf verkauft wurden. Das ist nicht selbstverständlich. In Bielefeld ist praktisch jeder Arminia-Fan. Der Club ist seit Jahren wieder einmal vorne dabei und das bereitet natürlich nicht nur den Fans grosse Freude, sondern auch clubintern.

Am 20. März 2017 wurde Jeff Saibene als neuer Arminia-Coach vorgestellt:

Reden wir über den FC St.Gallen. Verfolgen Sie noch regelmässig, was beim FCSG abgeht?

Weniger als früher (schmunzelt). Kurz nach dem Abgang hat es mich schon noch interessiert, was beim FCSG geschieht. Aber unterdessen ist so viel passiert, dass mein Interesse am FC St.Gallen schon stark nachgelassen hat.

Sie sprechen die Rücktritts-Welle der letzten Wochen und Monate an. Was halten Sie davon?

Ich finde es sehr schade und extrem traurig. Viele Kollegen von mir, wie zum Beispiel der langjährige Physio Simon Storm, mussten auf einmal gehen. Da sind so viele Sachen passiert, die ich nicht verstehen kann. Und da tut es dann halt schon weh, wenn ich an meine wunderschöne Zeit beim FC St.Gallen mit Europa League etc. zurück denke und was wir alles aufgebaut haben. Deswegen, wenn ich ehrlich bin, habe ich auch nicht mehr so grosses Interesse am FC St.Gallen.

Aber haben Sie noch mit jemanden aus gemeinsamen FCSG-Zeiten Kontakt?

Die sind ja praktisch alle nicht mehr beim FCSG. Heinz Peischl, Dani Tarrone, Franz Malara, das waren aus meiner Sicht die Superzeiten beim FCSG. Weil diese Personen nicht mehr bei St.Gallen sind, habe ich auch keinen Kontakt mehr zu ihnen. Aber ich behalte meine Zeit beim FCSG in bester Erinnerung, das ist klar.

Im Fussball weiss man ja nie was passiert. Könnten Sie sich eine Rückkehr zum FC St.Gallen vorstellen?

(Überlegt lange) Klar, im Fussball ist alles möglich. Aber die Leute, die mich damals zu St.Gallen geholt haben, die sind ja alle nicht mehr am Ruder. Von daher ist dies zurzeit utopisch und steht auch gar nicht zur Diskussion. Und Giorgio Contini macht ja eh einen super Job und St.Gallen ist auch vorne mit dabei. Aber wie gesagt, im Fussball kann es schnell gehen, deshalb darf man auch nie etwas ausschliessen. Stand jetzt aber bin ich sehr weit davon entfernt, zu St.Gallen zurückzukehren.

Schlussfrage: Sie sind zurzeit 49 Jahre alt, feiern nächstes Jahr ihren 50. Geburtstag. Wo sieht sich Jeff Saibene in zehn Jahren?

(Überlegt erneut lange) Das ist schwierig zu sagen. Das liegt zu weit in der Zukunft. Jetzt bin ich erst mal in Deutschland und glücklich hier. Mein Ziel ist es schon, nochmals einen Schritt vorwärts zu machen, eventuell mal einen Bundesligisten zu trainieren. Das wäre ein Traum und fantastisch. Aber vorerst will ich jetzt mal in Bielefeld das Maximum herausholen.

Das Interview führte Michael Ulmann

Michael Ulmann
veröffentlicht: 14. Oktober 2017 10:36
aktualisiert: 14. Oktober 2017 10:36