«Ich muss nicht jeden Rekord haben»

4. März 2019, 06:17 Uhr
Roger Federer macht beim Turnier in Dubai mit dem Finalsieg gegen Stefanos Tsitsipas die 100 voll. Es ist eine Marke, die kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Roger Federer gehört nicht zu den Kannibalen des Sports, die keinen Platz neben sich lassen. Es stört ihn deshalb nicht, dass mit 109 Turniersiegen noch einer, der unverwüstliche Jimmy Connors, vor ihm liegt. «Wir leben in einer Zeit, in der anscheinend jeder Rekord gebrochen werden muss», sagt er an der Siegerehrung. «Für mich gilt das nicht, ich muss nicht jeden Rekord haben.» Er freue sich über seine Erfolge, und Connors solle noch lange Freude an seinen haben. Die 100, die bedeute Federer aber sehr viel. Zurecht, denn er wird damit eine kleine Last los, die ihn noch ein paar Monate hätte begleiten können.

Bereit sein, wenn es zählt

An den Swiss Indoors im vergangenen Oktober holte der Basler in der Heimat Titel Nummer 99. Es scheint eine Ewigkeit her, bei jedem der folgenden Turniere stand die Frage - oder fast schon Forderung - nach dem Jubiläumssieg im Raum. Was dabei vergessen ging: Es waren nur gerade drei offizielle Turniere, die Federer in der Zwischenzeit spielte - und eben nicht gewann. Dennoch räumte er nun die Fragen aus dem Weg, bevor es in Indian Wells, Miami und auf Sand noch schwieriger wird. In Dubai zeigte er aber eindrücklich seine nach wie vor beeindruckende Fähigkeit, dann bereit zu sein, wenn es zählt. Nach einem wackligen Start ins Turnier lief er am Ende gegen die hoch einzuschätzenden Jungstars Borna Coric und Stefanos Tsitsipas, der bis zum Final acht Matches in Folge gewonnen hatte und neu in den Top Ten steht, zur Bestform auf.

Gratulationen kamen auch von Jimmy Connors, der nicht gerade als grosszügig mit Lob gilt. «Willkommen im dreistelligen Sieger-Klub», schrieb der mittlerweile 66-jährige Amerikaner auf Twitter. «Es war ein wenig einsam, ich bin froh, jetzt Gesellschaft zu haben.» Noch neun Titel fehlen Federer also zu einem weiteren Rekord. «Das tönt nach wenig, ist es aber nicht», betonte der 37-jährige Basler im Interview mit dem Fernsehen SRF. «Letztes Jahr hatte ich eine gute Saison und gewann vier Titel. Es würde also nochmals zweieinhalb solche Jahre brauchen.» Und: Er werde jetzt nicht anfangen, kleinere, schlechter besetzte Turniere zu spielen, um den Rekord anzugreifen.

Federer spricht damit einen wichtigen Punkt an. Seine 100 Titel sind wesentlich höher einzustufen als die 109 von Connors. 20 hat der «Swiss Maestro» bei den Grand Slams errungen (Connors 8), sechs beim Masters respektive den ATP Finals (Connors 1), bei den Turnieren also, bei denen die Weltelite lückenlos vertreten ist. Die Kategorie Masters-1000 gab es zu Connors' Zeiten noch nicht, doch bei vergleichbaren Turnieren holte der Amerikaner 19 Titel (Federer 27). Mehr als die Hälfte seiner Turniersiege hat der Schweizer also bei Events der drei höchsten Kategorien errungen.

«Der Weg war jedes Opfer wert»

Mit 37 Jahren ist Federer in der Lage einzuschätzen und zu geniessen, was er erreicht hat. «Es ist ein langer und wunderbarer Weg und ich liebe jede Minute davon», sagt er. «Es war auch hart, aber es war jedes Opfer wert.» Man werde sehen, wie viel er noch im Tank habe. «Aber die 100 Titel sind ein Traum, der wahr geworden ist.»

Ein Traum, der erst in den letzten zwei Jahren auf einmal realistisch erschien. «Ich habe erst vor ein paar Titeln angefangen zu glauben, dass es möglich sein könnte», gibt Federer zu. «In der Zeit mit den Knieproblemen sowieso nicht.» Es war im Juli 2016, als er die Saison abbrach. Es ist das einzige Jahr seit 2001, in dem Federer keinen Titel gewann. Er stand da bei 88.

Ursprünglich war er bereits mit einem Titel überglücklich. Seine ersten beiden Finals hatte der ehemalige Junioren-Weltmeister in Marseille (im Tiebreak des dritten Satzes gegen Marc Rosset) und Basel (in fünf Sätzen gegen Thomas Enqvist) verloren. Der Titel im Februar 2001 in Mailand gegen den kaum bekannten Franzosen Julien Boutter war deshalb eine Erlösung. «Ich war so nervös und dachte: Oh Gott, hoffentlich gewinne ich wenigstens einen Titel», erinnert sich Federer, der damals 19 Jahre alt war. «Ich bin noch immer völlig perplex, dass ich jetzt bei 100 angelangt bin.» Vielleicht mehr als die Öffentlichkeit, die sich an die vielen Siege gewöhnt hat.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 4. März 2019 05:00
aktualisiert: 4. März 2019 06:17