«Sie weiss alles über Tennis»

25. Januar 2019, 07:29 Uhr
Freude über den Erfolg ihres neuen Schützlings: Amélie Mauresmo
Freude über den Erfolg ihres neuen Schützlings: Amélie Mauresmo
© KEYSTONE/AP/AARON FAVILA
Lucas Pouille verdankt seine überraschende Halbfinal-Qualifikation am Australian Open einer Frau: Amélie Mauresmo. Sie ist auf der Männertour die grosse Ausnahme.

Als Andy Murray mit Amélie Mauresmo eine Frau als Coach engagierte und nicht gleich durchstartete, liessen die Kommentare nicht lange auf sich warten. Das könne ja nicht gut kommen mit einer Frau als Trainer. «Als ich von Männern trainiert wurde, hat keiner den Coach in Frage gestellt, wenn ich mal ein, zwei Turniere nicht gewonnen habe», wunderte sich der Schotte. An den Qualitäten Mauresmos konnte es kaum liegen. Ihre Erfahrung als Tennisprofi und ihre Spielintelligenz stehen ausser Frage.

Nach zwei Jahren trennte sich Murray wieder von Mauresmo und feierte mit Ivan Lendl als Coach seine grössten Erfolge und den Aufstieg zur Nummer 1. Dennoch verteidigte er die Arbeit der 39-jährigen Französin engagiert und mit Überzeugung. Murray war ein Pionier, als er als bislang prominentester männlicher Profi eine Frau in sein Team holte. Doch nun hat er einen Nachfolger gefunden.

Lucas Pouille war im letzten Jahr verzweifelt. «Ich hatte zum ersten Mal die Freude auf dem Platz und im Training verloren», erinnert sich der 24-Jährige aus dem äussersten Norden Frankreichs. Fast zwei Jahre lang war es für ihn steil nach oben gegangen. 2016 stand er in Wimbledon und am US Open (nach einem begeisternden Fünfsatz-Sieg gegen Rafael Nadal) in den Viertelfinals. 2017 entschied er im fünften Einzel den Davis-Cup-Final gegen Belgien für Frankreich. 2018 gewann er hingegen ab April bei 15 Turnieren nur noch 11 Spiele und rutschte in der Weltrangliste von Platz 10 auf 32 ab.

"Nach jeder Niederlage sagte ich zu Clémence (seine Freundin): Ich kann nicht mehr. Ich habe es satt, ich höre auf", erzählt Pouille aus dieser Zeit. «Burnout trifft es wohl am besten.» Er trennte sich von seinem langjährigen Coach Emmanuel Planque und sprach lange mit der designierten Davis-Cup-Chefin Amélie Mauresmo. «Sie hat mich gefragt, wie ich die Dinge sehe. Und ich habe geantwortet: Ich will alles machen, um so konkurrenzfähig wie möglich zu sein. Sei das in Sachen Ernährung, Schlaf, Mentaltrainerin.» Es gehe nun wieder aufwärts, weil er selber zu diesem Schluss gekommen sei.

Mauresmo gefiel, was sie hörte, Pouille ebenso. Sie verzichtete auf das in Frankreich besonders prestigeträchtige Amt als Nachfolgerin von Yannick Noah und wurde Coach von Pouille. Der Start hätte allerdings schlechter nicht sein können. Der Franzose begann das Jahr mit drei Niederlagen beim Hopman Cup in Perth und verlor anschliessend auch in Sydney in der 1. Runde. «Aber wir haben in Perth gut gearbeitet», betont er. Und in Melbourne kam nun die grosse Wende. Ausgerechnet am Australian Open, wo er zuvor noch nie ein Einzel gewonnen hatte.

Pouille lobt Mauresmo als wichtigsten Faktor für seine Wandlung. Im Training sei sie bei jedem Ball konzentriert, aber dennoch entspannt. «Sie ist ein Champion und eine Supertrainerin.» Es sei hier auch gar nicht darum gegangen, in die Halbfinals zu kommen, sondern «mein Tennis zu verbessern und in den Match zu übertragen, was wir im Training üben.» Das gelang so gut, dass Pouille nun am Freitag (09.30 Uhr Schweizer Zeit) in den Halbfinals die Weltnummer 1 Novak Djokovic herausfordern kann.

Die Geschlechterfrage interessiert ihn dabei nicht. «Es geht nicht um Mann oder Frau», streicht Pouille heraus, der sich in der Weltrangliste mindestens auf Platz 17 verbessern wird. «Du musst einfach wissen, was du tust. Amélie hat die richtige Einstellung. Und sie weiss alles über Tennis.»

Quelle: SDA
veröffentlicht: 25. Januar 2019 07:15
aktualisiert: 25. Januar 2019 07:29