Magglingen

Turnerinnen: «Jeden Tag hat jemand geweint bei uns, jeden Tag»

2. November 2020, 12:25 Uhr
Mit einer grossangelegten Recherche sammelte der «Tages-Anzeiger» Aussagen von Turnerinnen, die in Magglingen zu Spitzensportlerinnen wurden. Dass sie gedemütigt und gebrochen wurden, ihr Gewicht wichtiger war als ihre Persönlichkeit, erzählen die Turnerinnen.
Das Zentrum für den Schweizer Leistungs- und Breitensport: Magglingen oberhalb von Biel.
© KEYSTONE/Alessandro Della Bella

Die "Magglingen-Protokolle", wie sie der «Tages-Anzeiger» nennt, setzen eine Reihe fort, die Missstände an Sportzentren für Rhythmische Gymnastik und Kunstturnen zu Tage bringt. Mädchen im Alter von elf Jahren wurden von Trainern und Trainerinnen manipuliert, sie wurden geschlagen, verbal und körperlich gedemütigt.

«Turnerinnen wurden zusammengeschissen, bis sie ein Häufchen Elend waren»

«Turnerinnen, die nicht gut trainierten, wurden zusammengeschissen, bis sie ein Häufchen Elend waren und nur noch weinten. Jeden Tag hat jemand geweint bei uns, jeden Tag», sagt die ehemalige Gymnastik-Schülerin Lynn Genhart im «Tages-Anzeiger».

Trotzdem wollte niemand aufhören, die Turnerinnen hatten alle diesen grossen Traum: Eine Medaille an Olympischen Spielen. Das Abhängigkeitsverhältnis der Turnerinnen zu ihren Trainern war entsprechend gross und wurde durch verschiedene Tricks und eine vertragliche Verbindlichkeit noch verstärkt.

«Bis heute stelle ich mich nicht freiwillig auf eine Waage»

Essstörungen verfolgen die Turnerinnen bis heute in ihrem Alltag. Viele von ihnen assen täglich nicht mehr als ein Brötchen, einen Müsliriegel und ein halbes Joghurt, trinken war während der Trainings nicht erlaubt.

Im Kunstturnen und in der Rhythmischen Gymnastik sind Mädchenkörper das Schönheitsideal, sie sind beweglicher, schlanker, ohne Wölbung. Die Turnerinnen hungern, um die Pubertät zu kontrollieren oder hinauszuzögern. Diesen Verzicht sei eine Turnerin gewillt zu leisten, um ihre sportlichen Ziele zu erreichen, sagten die Turnerinnen.

«Es ging immer ums Gewicht, vor wichtigen Wettkämpfen stellten sie uns täglich auf die Waage. Ich atmete nicht mal, wenn ich auf der Waage stand. Bis heute bin ich nie mehr auf eine gestanden, und wenn ich beim Arzt doch mal muss, schaue ich nicht hin», sagt Stephanie Kälin im Tagesanzeiger.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 2. November 2020 12:00
aktualisiert: 2. November 2020 12:25
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