National League

Der HC Davos findet sich im Aufwind

21. November 2019, 06:34 Uhr
Raeto Raffainer bringt neuen Schwung in den HC Davos.
© KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER
Nach einem Jahr zum Vergessen spielt Davos wieder ganz oben mit. Der Rekordmeister befindet sich im Jahr 1 nach Arno Del Curto im Prozess der Identitätsfindung. Noch ist nicht alles Gold, was glänzt.

Im Landwassertal herrscht Aufbruchstimmung. Der HC Davos, das sportliche Aushängeschild der Region, bereitet wieder Freude. Nach einer schwierigen letzten Saison mit dem erstmaligen Verpassen der Playoffs seit dem Wiederaufstieg 1993 gehört der HCD zu den positiven Überraschungen in diesem Herbst.

Unter dem neuen Coaching-Staff um Cheftrainer Christian Wohlwend resultierten für die Bündner aus den letzten neun Spielen acht Siege und Platz 4. Hochgerechnet nach Punkten pro Spiel führt der HCD mit 2,06 Zählern die Tabelle der National League sogar an. Noch vor einem Jahr präsentierte sich die Lage wesentlich ungemütlicher. Bei gleicher Anzahl Spielen hatte das Team 21 Punkte weniger auf dem Konto, das Torverhältnis (31:68) war klar negativ.

Sportchef Raeto Raffainer warnt jedoch vor Genugtuung: «Wenn wir jetzt denken, wir sind wieder an der Spitze, dann geht es zwei Wochen und wir sind wieder am Strich.» Der HCD hat einige Partien knapp gewonnen, die auch anders hätten ausgehen können. Für das Projekt sei es zwar gut, dass sie resultatmässig gut gestartet seien, so Raffainer. «Wir sind jedoch weit davon entfernt, sehr gutes Hockey zu spielen.»

Del Curto Geist omnipräsent

Raffainer hat im Frühjahr beim Verband seinen Job als Nationalmannschaftsdirektor aufgegeben, um in Davos gemeinsam mit der neuen sportlichen Führungscrew das schwere Erbe von Arno Del Curto anzutreten. Seit dem Rücktritt des Tausendsassas ist bald ein Jahr vergangen. «Arno ist hier noch in allen Wänden und Decken», bestätigt Raffainer. «Wir sind sehr froh, dürfen wir auf seinen guten Grundlagen aufbauen. Die Leidenschaft, die er über all die Jahre vorgelebt und gefordert hat, ist deutlich spürbar.»

Auf der Suche nach der neuen Davoser Identität ist Raffainer vor allem am Prozess interessiert, in dem sich das Team befindet. Er spricht von «Tempohockey», das denn HCD über all die Jahre ausgezeichnet hat, und von «Puckbesitz», den sie weiter steigern wollen. «Wir werden nie eine grosse, böse Mannschaft sein, sondern eine mit spielerischen Qualitäten.» Besonders angetan war er vom Auftritt des HCD beim 7:1-Sieg Ende September in Lausanne. «Ich war überrascht, wie weit die Mannschaft war.»

Beeindruckt ist Raffainer auch von den Qualitäten der Führungsspieler. «Als ich am 22. Februar in Davos unterschrieben habe, hiess es von allen Seiten, dem Team fehle es an Leadership.» Davon sei aber nichts zu spüren. «Die Gruppe rund um Captain Andres Ambühl, Félicien Du Bois, den Wieser-Brüdern, Magnus Nygren und Perttu Lindgren macht einen hervorragenden Job und übernimmt nicht nur auf, sondern vor allem auch neben dem Eis Verantwortung.»

Glücklich schätzen darf sich Raffainer auch mit der Verpflichtung der drei neuen Ausländer, die derzeit «über den Erwartungen performen». Aaron Palushaj, Matthias Tedenby und Otso Rantakari gehören zu den effizientesten Import-Spielern der Liga. Dazu würden sie auch charakterlich sehr gut zum Team passen, so Raffainer. Auch Perttu Lindgren blühte in den letzten Wochen wieder auf. Der Finne bewegt sich derzeit auf einem ähnlich hohen Niveau wie in der Saison 2015/16, als er zum wertvollsten Spieler der Liga ausgezeichnet wurde.

Nygren vor Saisondebüt

Bald kann der HCD auch wieder auf die Dienste von Magnus Nygren zählen. Der Schwede, der sich während der Saisonvorbereitung im August am Knie verletzt hat, steht kurz vor seinem Saisondebüt. Mittlerweile kann Nygren wieder am Mannschaftstraining teilnehmen. Sportchef Raffainer rechnet damit, dass er noch vor dem Spengler Cup wieder einsatzbereit ist. «Wir müssen schauen, wie sein Körper mit der Belastung klarkommt.»

Otsa Rantakari, Nygrens im September verpflichteter Ersatz, besitzt noch einen Vertrag bis Ende Jahr. Gut möglich, dass die Zusammenarbeit mit dem Finnen aber bis zum Saisonende verlängert wird. «Wir suchen an einer finanziellen Lösung, um einen fünften Ausländer zu verpflichten. Der ist bei uns nicht im Budget», bestätigt Raffainer.

Der Klub ist froh um jeden gesunden Spieler, steht doch eine intensive Zeit bevor. Wegen des Umbaus des Stadions konnten die Bündner bis Mitte Oktober keine Heimspiele austragen und sind deshalb mit dem Programm im Rückstand. Bis zum Spengler Cup hat der HCD in den nächsten viereinhalb Wochen deshalb 13 Spiele auszutragen, im Januar ist die Belastung ähnlich hoch. Raffainer hat «grossen Respekt» vor der Zusatzbelastung, ist aber überzeugt, dass es machbar ist. «Dafür haben wir im Sommertraining sehr viel in die Physis und Athletik der Spieler investiert.»

Die hohe Belastung gehört gewissermassen zur Identität des Traditionsklubs, der 2021 sein 100-jähriges Bestehen feiert. Spätestens dann, möchte der HCD wieder «sehr gutes Hockey» spielen.

Quelle: sda
veröffentlicht: 21. November 2019 06:05
aktualisiert: 21. November 2019 06:34