«Stärkster Sturm seit Lothar»

«Vaia» hat zahlreiche Bäume umknicken lassen.
«Vaia» hat zahlreiche Bäume umknicken lassen. © FM1Today/Dario Cantieni
Erst heute wird klar, mit welcher Wucht das Sturmtief «Vaia» letzte Nacht vorbeizog. Bäume wurden entwurzelt, Dächer beschädigt und kiloschweres Material durch die Luft geschleudert. Ein Besuch bei den Betroffenen im Appenzellerland.

Emsiges Treiben auf dem Hof von Martin Rechsteiner in Enggenhütten AI. Ein Dachdecker steht neben einem Anhänger mit Ziegeln und telefoniert mit seinem Chef. Man hört ab und zu die Worte «Sturm» und «Schäden». Ein paar Meter weiter oben hämmern drei Männer Löcher zu, die der Sturm ins Dach gerissen hat. Und keine fünf Minuten später fährt bereits der Versicherungsvertreter vor, um sich die Schäden anzusehen.

Die wortwörtliche Ruhe vor dem Sturm

«Zum grossen Glück kam kein Regen», sagt Bauer Rechsteiner, während er seinen Kopf aus dem ramponierten Stall streckt. Durch die Löcher im Dach wäre das Heu nass und somit unbrauchbar geworden. Sein Bruder Sepp gibt sich positiv und meint: «Immerhin wurde niemand verletzt.» Aber was sie letzte Nacht erlebt haben, sei unglaublich gewesen. «Bevor es losging, war es für eine Weile mucksmäuschenstill. Und dann wummmmm – wie ein Orkan ist der Sturm über uns hinweggefegt.» Es habe ihn an Lothar erinnert, den Sturm, der 1999 grosse Teile der Schweiz verwüstet hat.

Martin Rechsteiner hat nach dem Sturm jede Menge Arbeit. (Bild: FM1Today/Dario Cantieni)

«Konnten die Kühe nicht melken»

Die entwurzelten Bäume und der kaputte Hühnerstall zeigen auf den ersten Blick, wie heftig die letzte Nacht auf dem Hof von Martin Rechsteiner gewesen sein muss. Er war wie viele andere rund um Appenzell und im Toggenburg von einem Stromausfall betroffen. «Wir konnten heute Morgen zwei Stunden nicht melken.»

So erging es auch Hansueli Inauen vom benachbarten Hof. Wenn er seine Kühe fünf oder sechs Stunden nicht melken kann, wird es «richtig schlimm», sagt der Landwirt. «Es war heavy. Wir hatten von 1 Uhr nachts bis 8 Uhr morgens keinen Strom. Es war horrormässig. Solche Stürme kennen wir hier bei uns nicht.»

Schweres Iglu weggeweht

Bis kurz vor 10 Uhr konnte Inauen das Gröbste wieder aufräumen. «Überall lagen Ziegel herum, die vom Dach auf den Sitzplatz gefallen waren.» Zudem sei ein Iglu für die Tiere durch die immense Kraft von «Vaia» weggeweht worden. «Das Iglu ist so schwer, dass man es zu fünft fast nicht tragen kann. Es ist mit Eisenteilen am Boden angemacht.»

Manuela und Hansueli Inauen räumen ihren Hof auf.

Manuela und Hansueli Inauen räumen ihren Hof auf. (Bild: FM1Today/Dario Cantieni)

Bäume knickten um wie Zahnstocher

Wer am Dienstagmorgen auf der Hauptstrasse von Enggenhütten Richtung St.Gallen unterwegs war, sah am Strassenrand immer wieder Leute, die Fotos machten. Drehte man dann den Kopf, sah man auch wovon: Ein ganzes Waldstück wurde völlig zerstört. Umgeknickte Bäume, als hätte jemand eine riesige, schwere Bowlingkugel einmal quer durchgerollt.

Ein Bild der Verwüstung (Bild: FM1Today/Dario Cantieni)

Mit grossen Maschinen und Laubbläsern wurden die umgeknickten Bäume und Äste auf der Strasse in Niederteufen weggeräumt.

Böen bis zu 130 km/h

In der Nacht auf Dienstag zog «Vaia» von Süden nach Norden über die Schweiz (FM1Today berichtete). Die Orkanböen erreichten im Flachland bis zu 130 Stundenkilometer. Von Sturmschäden und Stromausfällen betroffen waren im FM1-Land vor allem das Toggenburg und das Appenzellerland. Von Verletzten haben die Polizeien bislang keine Kenntnis.

(dac/lag)


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