Trinkgeld in der Schweiz ist kein Muss

Schweizer geben nach wie vor gerne Trinkgeld.
Schweizer geben nach wie vor gerne Trinkgeld. © iStock
Es sind Fragen, die immer wieder beschäftigen: Wie viel Trinkgeld ist angemessen und muss ich es überhaupt bezahlen? In der Schweiz ist der Fall klar.

Das Essen hat geschmeckt, der Wein war süffig, die Bedienung freundlich. Stimmen all diese Punkte, fällt der Griff in die Kleingeldtasche des Portemonnaies deutlich leichter. Aber dann kommt die grosse Unsicherheit: Gebe ich zu wenig Trinkgeld, wirke ich geizig, gebe ich zu viel, wirke ich protzig. Doch wie viel ist denn nun zu viel und wie viel zu wenig?

Im Preis inbegriffen

Rein rechtlich muss in der Schweiz seit der Einführung des Landes-Gesamtarbeitsvertrags des Gastgewerbes (L-GAV) 1974 niemand mehr Trinkgeld geben. «Dieses ist im Preis bereits inbegriffen», sagt Astrid Haida von Gastrosuisse. «Die Abgabe eines sogenannten Overtip ist eine freiwillige Angelegenheit zwischen dem Gast und dem Mitarbeitenden.» Wie man Herrn und Frau Schweizer kennt, wollen sich diese aber keine Blösse geben und würden sich ohne einen kleinen Zustupf hinterlassen zu haben, noch lange hintersinnen.

Arbeitgeber entscheidet

Dass das Trinkgeld ausschliesslich in die Tasche des bedienenden Service-Angestellten fliesst, ist allerdings nicht sicher. Der Arbeitgeber darf anhand eines Reglements bestimmen, dass das Trinkgeld unter allen Mitarbeitern aufgeteilt wird. Wie dieses Geld schlussendlich eingesetzt wird, dürfen die Angestellten selber entscheiden. «Allgemein gültige Regelungen gibt es dabei nicht», sagt Haida.

Ältere Generation am sparsamsten

Aufgeteilt wird das Trinkgeld auch in der Bar, in der Olivia aus Winterthur arbeitet. Allerdings nur unter den Mitarbeitern, die an den jeweiligen Tagen auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Die Beträge können dabei stark variieren: «Von 30 bis zu 100 Franken war schon alles dabei.» Am grosszügigsten zeige sich dabei vor allem ein Kundensegment: «Es sind klar die Leute, die selber in der Gastronomie arbeiten. Diese geben oft mehr als 10 Prozent Trinkgeld.» Am sparsamsten ist laut Jann, Barchef und Mitinhaber einer Churer Bar, die ältere Generation: «Diese mögen sich oft noch daran erinnern, dass der L-GAV eingeführt wurde. Da dieser besagt, dass das Trinkgeld bereits im Preis inbegriffen ist, sind sie eher zurückhaltend.»

USA hui, Asien pfui

Im Ausland sieht die Situation etwas anders aus. In vielen asiatischen Ländern ist die Annahme von Trinkgeld verpönt. Der gute Service gehört dort zum guten Ton und eine zusätzliche Honorierung wird fast schon als Beleidigung angesehen. Ganz anders in den USA. Da das Service-Personal meist sehr schlecht bezahlt wird, ist es auf das Trinkgeld angewiesen. Erwartet wird ein «tip» zwischen 15 und 20 Prozent des Rechnungsbetrags. In unserem näheren Ausland wie Italien, Frankreich, Deutschland oder Österreich wird in der Regel ein Trinkgeld in der Höhe von 5 bis 15 Prozent erwartet. Allerdings empfiehlt es sich, die Rechnung jeweils genau zu lesen, da das Trinkgeld teilweise direkt verrechnet wird.

Ermessenssache

Schlussendlich sollte man sich aber nicht genötigt fühlen, Trinkgeld zu geben, wenn der Service unbefriedigend war. Denn am Ende, so Astrid Haida, entscheidet der Gast selbst, ob er etwas geben möchte, und wenn ja, wie viel. «In der Praxis wird der Overtip als Geste der Wertschätzung vor allem dann gewährt, wenn damit eine besondere Aufmerksamkeit oder zusätzliche Dienstleistung anerkannt werden soll.»

(dab)


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