Abschiedsbrief

Adieu, mein erstes eigenes Daheim

Krisztina Scherrer, 21. Februar 2021, 17:58 Uhr
Tschüss, du schöne Decke.
© FM1Today/Krisztina Scherrer
Meine ersten eigenen vier Wände. Mein Rückzugsort, meine Oase. Alles meins. Niemand, der mir sagt, was ich zu tun habe. Doch jetzt ist es aus, besser gesagt: Ich ziehe aus. Adieu, meine erstes eigenes Daheim.

«Sonnige, ruhige Lage. Parkett- und Plattenbeläge. Sonniger Balkon. Ab dem 1. Mai vermieten wir diese schöne und gemütliche Wohnung...» Es war ein Stich ins Herz, als ich die Anzeige im Internet las. Klar, ich habe den Mietvertrag gekündigt und weiss, dass ich dich bald abgeben muss. Es ist auch Fakt, dass ich mir schon länger überlegt hatte, dich zu verlassen. Nicht weil du mir nicht mehr gefällst. Die Umgebung ist einfach nicht die, die ich uns beiden von Herzen wünsche. Beim Anblick der Anzeige gingen mir noch einmal all die schönen Momente durch den Kopf.

Liebe auf den ersten Blick

Ich weiss noch, wie es war, als ich dich das erste Mal sah. Du strahltest Wärme aus, warst hell, geräumig, der Ausblick über die Stadt – für mich einmalig. Ich verliebte mich sofort, wusste, dass ich mich hier einnisten und glücklich sein kann. Das war ich auch. Ich hatte es mir damals kaum zugetraut, alleine zu wohnen. Ich hatte Angst davor, wenn ich ehrlich bin. Doch du hast mich aufgefangen. Mit dir lernte ich, auf eigenen Beinen zu stehen.

Du bist nicht zu gross, als dass ich mich alleine fühlen könnte, aber auch nicht zu klein, als dass ich keine Luft mehr bekäme. Nicht einmal der vierte Stock – wohlbemerkt ohne Lift – konnte mich davon abhalten, einzuziehen. Es war befreiend. Endlich konnte ich mich so einrichten, wie ich es wollte. Meine Höhle.

Mein Rückzugsort, meine Oase

Mit viel Liebe habe ich dich eingerichtet und gepflegt. Sorgfältig Nagel um Nagel in deine Wände geschlagen, um meine gefühlt tausend Bilder aufzuhängen. Um aus dir meine Wohnung zu machen. Es erfüllte mich immer mit Stolz, wenn dich jemand als gemütlich und «herzig» bezeichnete.

Bei dir suchte ich Schutz, wenn es draussen donnerte, blitzte und der Regen auf den Asphalt peitschte. In dir verkroch ich mich, wenn ich mit der Welt gerade nichts am Hut haben wollte. Wenn ich meine Ruhe brauchte, setzte ich mich auf den Stuhl direkt am Fenster, las, hörte Musik.

Du warst da, als ich Prüfungsresultate erhielt und wichtige Entscheidungen traf. Wie jene, dass ich weiterziehen will. In dir lachte ich, verbrachte viele glückliche Stunden. Du wachtest über mich, wenn ich mich schlafen legte, warst da, wenn ich erwachte. Du hast mich in jeder Situation aufgefangen. Mir nie etwas übel genommen. Doch bald ist das vorbei.

Adieu und auf Nimmerwiedersehen

In dir habe ich mit Freundinnen und Freunden und Familie geweint und gelacht. Geburtstage gefeiert. Getanzt. Du hast alles ausgehalten. Trotzdem fiel mir der Entscheid, auszuziehen, leicht. Ich werde dich wohl kaum vermissen. Bald tanze, lache und weine ich in einer anderen Umgebung, die mich hoffentlich genauso gut auffängt wie du. Die guten Momente, die wir hatten, werde ich in Erinnerung behalten.

Ich weiss jetzt schon, dass es mich noch einmal überkommt, wenn ich vorsichtig die Nägel aus deinen Wänden ziehe. Meine letzten Spure verwische, sodass sich jemand Neues einrichten und einnisten kann. Jemand, der dich hoffentlich genauso zu schätzen weiss wie ich.

Welche Beziehung hast du zu deiner ersten eigenen Wohnung? Hinterlasse uns einen Kommentar.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 21. Februar 2021 17:38
aktualisiert: 21. Februar 2021 17:58