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Tino Krause

Facebook-Schweiz-Chef: Das ändert sich in den nächsten Monaten

Laurien Inauen, 29. Juni 2021, 10:23 Uhr
Facebook hat durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen, gleichzeitig verkommt das Netzwerk zu einer Plattform für Ältere. Im Interview spricht Regionalchef Tino Krause über die grössten Baustellen – und die ungewisse Zukunft.
Tino Krause ist bei Facebook unter anderem für die Schweiz verantwortlich.
© pd

Tino Krause, Sie sind seit gut zweieinhalb Jahren Country Director Deutschland, Österreich und Schweiz (DACH) bei Facebook. Inwieweit hat sich Ihr Job in der Zwischenzeit verändert?

Die letzten zwei Jahre haben natürlich sehr viele Veränderungen in der Gesellschaft und Arbeitswelt mit sich gebracht. In meinem ersten Jahr im Amt bin ich ständig zwischen meinem Wohnort München und den Facebook-Standorten Hamburg, Berlin und Zürich umhergereist. Dann kam Corona und seit über 15 Monaten arbeiten wir im Homeoffice. Die Büros sind geschlossen. Das ist mitunter die grösste Veränderung.

Hinzu kommt, dass sich auf den Plattformen unglaublich viel getan hat. Wir haben gelernt, dass wir in der Vergangenheit nicht immer gut darin waren, unser Geschäftsmodell zu erklären und Massnahmen zu ergreifen, um Facebook sicher zu gestalten. Heute haben Privatsphäre und Datenschutz immer mehr den Stellenwert, den sie verdienen. Ich bin stolz, diese Entwicklung zu sehen. Gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat dieses Thema eine enorme Wichtigkeit bei den Nutzerinnen und Nutzern. Weltweit zählt Facebook inzwischen 3,4 Milliarden Nutzerinnen und Nutzer, mit denen wir verantwortungsvoll umgehen müssen.

Plattformen wie Facebook wurden während der Pandemie rege genutzt, um sich zu organisieren. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Es entstand ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl. In Facebook-Gruppen oder Whatsapp-Chats haben sich Nachbarschaftshilfen gebildet, das haben wir auch bei uns unter den Mieterinnen und Mietern so gemacht. So konnten wir tägliche Erledigungen für Nachbarinnen und Nachbarn aus den Risikogruppen übernehmen. Die Entwicklung schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Alleine letztes Jahr sind zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer einer Gruppe auf Facebook beigetreten. Insgesamt drei Millionen Nutzerinnen und Nutzer in der Schweiz sind Mitglied einer Facebook-Gruppe. Zudem wurden 50 Prozent mehr Nachrichten verschickt als noch im Jahr zuvor, Leute verbrachten – privat und beruflich – doppelt so viel Zeit in Videoanrufen. Das mediale Nutzungsverhalten in Richtung digitale Angebote hat sich deutlich intensiviert.

Flacht dieser Trend, mit dem langsamen Abklingen der Pandemie, wieder ab?

Das Konzept von Social Media hat sich insgesamt gewandelt. Noch bis vor zwei Jahren war Social Media wie ein Marktplatz, auf dem man alles geteilt hat und laut und quirlig war. Das Angebot wurde um ein digitales Wohnzimmer erweitert: Die Leute nutzen private Räume und teilen Inhalte in Storys und Gruppen, weil sie nicht mehr wollen, dass alles unendlich lange im Internet bleibt. Auch der Whatsapp-Status, der 24 Stunden online bleibt, wird gerne genutzt.

Die letzten Monate waren auch die Zeit der Skeptikerinnen und Skeptiker, die Facebook nutzten, um die Corona-Politik anzuzweifeln. Auch mithilfe ungeprüfter Informationen.

Das ist so, aber es ist kein spezifisches Facebook-Problem. Durch das Internet wurde die Meinungsäusserung demokratisiert. Während früher die klassischen Medien mit ihren starken Filtern die Meinungshoheit hatten und nicht jeder eine Zeitung gründen konnte, kann heute jeder einen Post absetzen. Daraus ergeben sich für uns grosse Herausforderungen, denen wir mit dem Dreiklang «informieren, reduzieren, löschen» entgegnen.

Uns ist wichtig, dass die Nutzerinnen und Nutzer einen Zugang zu wissenschaftlich erwiesenen Informationen bekommen, deshalb arbeiten wir unter anderem mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen. Weltweit arbeiten 80 unabhängige Faktencheck-Organisationen für Facebook, die Beiträge in 60 Sprachen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Dies geschieht, wenn jemand einen Beitrag meldet, aber auch, wenn wir proaktiv darauf aufmerksam werden, etwa durch künstliche Intelligenz. Solche Beiträge, bei denen der Wahrheitsgehalt angezweifelt wird, werden gekennzeichnet – und 95 von 100 Leuten klicken sie gar nicht mehr an. Eine sehr effektive Massnahme. Beiträge, die klar gegen die Gemeinschaftsstandards verstossen und beispielsweise gesundheitsschädigend wirken können, etwa wenn der Konsum eines gewissen Mittelchens angepriesen wird, werden gelöscht. Eine hundertprozentige Garantie gibt es aber auch beim besten System nicht. Aber wir verbessern uns stetig: 97 Prozent der Beiträge, die Hassrede enthalten, löschen wir, noch bevor sie eine Nutzerin oder ein Nutzer sieht. Vor drei Jahren lag dieser Wert noch bei 24 Prozent.

Wie wichtig ist die Rolle der Community Manager selbst?

Diese Gruppenadministratoren übernehmen eine sehr wichtige Funktion. In regelmässigen Schulungen werden ihnen neue Möglichkeiten aufgezeigt, wie sie mit Nutzerinnen und Nutzern und den Kommentaren umgehen können. Sie leisten eine enorme Arbeit, um unsere Plattformen rücksichtsvoll zu halten.

Es scheint, als würde in den Kommentarspalten gerade negativer kommentiert denn je. Woran liegt das?

Das hat sicher mit der Anspannung der Leute zu tun, das spiegelt sich in den Kommentaren wider. Die mentale Gesundheit vieler hat in den letzten Monaten gelitten, insbesondere in der Zeit, in der Restaurants und Geschäfte geschlossen waren. Viele hatten Angst um ihre Zukunft, um ihren Job. Und natürlich spielen Dinge wie Neid eine Rolle, unter anderem, was die Impfkampagne betrifft. Nicht jeder freute sich anfangs für jene, die bereits früh geimpft wurden. Ziel ist aber, dass Facebook längerfristig ein positiver Ort ist, an dem die Leute gerne Zeit verbringen. Daran arbeiten wir weltweit.

Welche sind derzeit Ihre grössten Baustellen?

Das sind weitere Verbesserung beim Datenschutz und der Privatsphäre, die wirtschaftliche Erholung – mit der Unterstützung von Unternehmen auf Facebook – und die Wahlen. Dieses Jahr ist Bundestagswahl in Deutschland, letztes Jahr wurde die Präsidentschaftswahl in den USA sehr hitzig geführt. Ein elementarer Punkt ist, sicherzustellen, dass es zu keinen Angriffen aus dem Ausland kommt, auch nicht von Bots. Zudem wollen wir den Nutzerinnen und Nutzern faktenbasierte Infos zur Verfügung stellen, von der Funktionsweise der Briefwahl bis zum Datum des Wahltags.

Welche grossen Änderungen wird es in den kommenden Jahren geben?

Das Unternehmen gibt es nun seit 17 Jahren, wir sind ein Teenager, der kurz vor dem Erwachsenwerden steht. Die Erfolge der letzten Jahre sind keine Garantie, dass wir auch in zwei Jahren noch erfolgreich sein werden. Man sieht es am Clubhouse-Phänomen Anfang des Jahres oder auch an Mitbewerbern wie Tiktok oder Snapchat. Innovationen sind wichtiger denn je.

Audio spielt eine Rolle, aber auch Augmented und Virtual Reality. Mithilfe dieser Technologie gelingt es uns, mehr Bewusstsein fürs Reisen zu schaffen. Es stellen sich Fragen wie: «Muss ich einmal im Jahr nach Lateinamerika fliegen und CO2 ausstossen, wenn ich auch virtuell dahin reisen kann?» Auch in Autohäusern wird man künftig mit Virtual Reality jedes beliebige Modell in jeder beliebigen Ausstattung und Farbe ansehen können. Man kann sich zudem mit Verwandten an einen virtuellen Tisch setzen, auch wenn man sich auf unterschiedlichen Kontinenten befindet. Oculus Quest, unser Virtual-Reality-Headset, macht extreme Sprünge. In einem Drittel der Zeit wurden letztes Jahr dreimal mehr Oculus Quest abgesetzt in den USA. Der Trend schwappt nun auf Europa über.

Jüngere sind kaum noch auf Facebook anzutreffen, dafür unsere Eltern und Grosseltern. Wie lange wird es Facebook noch geben – und wird es zunehmend eine Plattform für Alte?

Die Gruppe der Nutzerinnen und Nutzer hat sich erweitert. Das fortgeschrittene Alterssegment hat im letzten Jahr auf der Plattform für einen Wachstumsschub gesorgt. Es ist auch so, dass die Nutzung stärker differenziert wird: Früher hat man alles auf Facebook gemacht, heute nutzt man Instagram für visuelle Inhalte und die Interaktion mit Marken, Tiktok für Kurzvideos und Snapchat für wieder andere Dinge. Unseren Fokus setzen wir klar auf Information, News, den Austausch mit Freunden und Interessensgruppen. Wir versuchen permanent, zu verstehen, was unsere Leute wollen und sie interessiert. Dadurch, dass wir Trends rasch erkennen, können wir auch schnell reagieren.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 28. Juni 2021 08:03
aktualisiert: 29. Juni 2021 10:23