Darum sind Game-Werbungen oft gefälscht

Christoph Thurnherr, 20. April 2019, 10:46 Uhr
Eine Spielwerbung auf Instagram.
Eine Spielwerbung auf Instagram.
© Instagram/FM1Today/Christoph Thurnherr
Werbung Hui, Game Pfui: Online-Games werden auf Plattformen wie Instagram meist toll beworben, die Spiele selbst sind enttäuschend. Ist das überhaupt erlaubt? Und was hat das mit Walfang zu tun?

Ein Familienvater mit auffällig grossem Kinn ist mit Frau und Kind in der Wüste unterwegs. Die Sonne knallt erbarmungslos auf den Sand. Es ist so heiss, dass dem Sohnemann schon die Zunge aus dem Mund hängt, kurze Zeit später kippt er um. Dieses Problem kann der «Spieler» noch einfach lösen: Am unteren Bildschirmrand gibt es die Auswahlmöglichkeiten Limonade, Öl und Suppe. Nach der richtigen Wahl geht es weiter, es folgen neue Probleme, die der Spieler lösen muss. Die Werbung für das Handy-Game «The Big Capitalist 3» verspricht ein recht lustiges Spielerlebnis.

Und, hättest du gleich gehandelt wie der Spieler im Video? Leider kannst du es nicht ausprobieren, denn das Spiel gibt es gar nicht. Zumindest nicht mit diesem Inhalt. Tatsächlich geht es beim Spiel darum, mittels Druck auf den Touchscreen möglichst viel Geld zu scheffeln. «The Big Capitalist 3» eben. Der Name passt dann immerhin.

Das ist mehr als irreführend, aber kein Einzelfall. Die selbe Masche nutzen Spiele wie «Game of Sultans», «Hero Wars Mobile», «Hustle Castle» und «Evony – The King's Return», um nur einige zu nennen. Falsche Game-Werbungen gibt es auf Instagram zuhauf. Die Werbevideos von «Idle Heroes» weisen zumindest auf Twitter noch darauf hin, dass sich das Gezeigte vom tatsächlichen Spielerlebnis unterscheiden kann. Auf Instagram fehlt dieser Hinweis komplett.

«Seriös ist das nicht»

Laut Rechtsanwalt Martin Steiger, Spezialist für Recht im digitalen Raum, geht es dabei um das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Falsche Werbung ist nicht erlaubt, sie muss klar und wahr sein. Soweit zumindest die Theorie, die Umsetzung in der Praxis ist komplizierter. «Seriös ist das nicht, aber Plattformen wie Instagram oder Facebook haben ein finanzielles Interesse an der Werbung. Sie schieben die Verantwortung daher gern den Werbetreibenden zu.» Darüber hinaus hat das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb einen schweren Stand. Da es kein Offizialdelikt ist, muss jemand Strafantrag stellen. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Walfang im Internet

Die Inhalte auf den Plattformen zu melden, bringe fast nichts, sagt Steiger. «In der Regel verschwindet zwar die spezifische Werbung, aber die Art der Werbung bleibt.» Und diese irreführenden Werbungen sind wichtige Köder beim Internet-Walfang. Die «Wale» sind gemäss Steiger zwar nur eine relativ kleine Gruppe, dafür geben sie viel Geld aus. Ein Wal lädt sich wegen der irreführenden Werbung ein Spiel herunter, bleibt dabei und gibt darin Geld aus, um sich einen Vorteil zu verschaffen. In einem Gratisspiel, versteht sich. So funktioniert «Free 2 Play».

So soll das Handy-Spiel «Art of Conquest» aussehen (Original-Instagram-Werbung):

Werbung

Quelle: Instagram / Fm1today.ch

Leider ist fast alles daran gefälscht. So lahm ist das Spiel wirklich:

«Die Werbungen sind Käse»

Ein gutes Licht auf die Game-Branche werfen solche Methoden nicht. Jeremy Spillmann, Lead Game Designer der Zürcher Blindflug Studios, sagt gegenüber FM1Today: «Die Branche ist mittlerweile so vielseitig, dass ich nicht von einem einheitlichen Berufsethos reden würde. Ich finde die Werbungen ziemlichen Käse.» So etwas funktioniere nur bei Gratis-Inhalten. Bei Games, bei denen man im Voraus bezahlt, seien die Käufer kritischer.

Laut Rechtsanwalt Steiger entkräftet die falsche Werbung paradoxerweise zum Teil den Gesetzesverstoss: «Wenn etwas so offensichtlich falsch ist, kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass es gar nicht in die Irre führt – weil es eben so offensichtlich ist.»

Christoph Thurnherr
veröffentlicht: 20. April 2019 06:37
aktualisiert: 20. April 2019 10:46