Rechenkapazität

Gamer helfen, ein Mittel gegen das Coronavirus zu finden

Christoph Thurnherr, 22. März 2020, 21:42 Uhr
Es beteiligen sich so viele Gamer, dass sogar neue Server angeschafft werden müssen
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Abstand halten, soziale Kontakte vermeiden. Es gibt vieles, das man zurzeit unterlassen muss. Es gibt aber auch eine Möglichkeit, das Coronavirus zu bekämpfen. Gamer machen es vor und unterstützen mit ihren Rechnern die Wissenschaft.

Im fleckigen Unterhemd sitzt er in einem schlecht gelüfteten Zimmer und stopft sich Chips in den Rachen. Nur ein fahler Lichtschein findet den Weg durch die geschlossenen Fensterläden. Der übergewichtige Mann ist ein Gamer. Seine sozialen Fähigkeiten sind verkümmert, er interessiert sich nur für sich und seinen Punktestand. 

So oder so ähnlich stellen sich viele immer noch den durchschnittlichen Gamer-Typen vor. Das ist natürlich Quatsch. Gamer sind so vielseitig wie die Gesellschaft: Ärztinnen gamen, genauso wie Gärtner, Bankerinnen, Coiffeusen, Ministranten und Online-Journalisten. 

Und spätestens seit der Medienkonferenz des Bundesrates vom Montag ist der geschlossene Kampf gegen das Coronavirus in eben dieser Gesellschaft angekommen. Bei einer Untergruppe des Gamers wird der Kampf gegen das Virus besonders konkret.

Computergamer erforschen Impfstoff

Der Anteil an Virologen unter den Computergamern ist nicht höher als bei den Konsolengamern. Das ist auch gar nicht nötig. Um mitzuhelfen, braucht man lediglich einen leistungsfähigen Rechner. Mit Hilfe des Programms Folding@Home der Stanford University stellt man den Wissenschaftlern Kapazitäten des eigenen Rechners zur Verfügung.

Das funktioniert so: Man lädt das Programm herunter und legt fest, wie viel Leistung der PC für die Forschung verwenden soll. Das Programm benötigt Teile der CPU und der Grafikkarte, um komplexe Simulationen durchzuführen. Dabei wird analysiert, wie sich die Virusproteine in verschiedenen Situationen verhalten.

Die Forscher erhalten so wichtige Informationen über die Viren und bekommen ein besseres Bild, wie Medikamente dagegen funktionieren müssen. In der Vergangenheit wurde mit Folding@Home, das im Hintergrund läuft, bereits an Krankheiten wie Ebola, Alzheimer und Krebs geforscht. 

Es machen so viele mit, dass die Server abstürzen

Eine so hohe Beteiligung an den Forschungsarbeiten dürfte es noch nie gegeben haben. Wie der Grafikkartenhersteller Nvidia mitteilt, müssen sogar neue Server angeschafft werden, um die riesige Menge an Daten zu verarbeiten.

Nvidia hat Gamer auf der ganzen Welt dazu aufgerufen, sich am Projekt zu beteiligen. Angesichts der Krise scheint es den Gamern völlig egal zu sein, dass die eigene Spielerfahrung dadurch beeinträchtigt werden kann. Weil unter Umständen ein beträchtlicher Teil der Leistung für die Forschung verwendet wird, können Spiele zum Teil nur mit reduzierter Auflösung gespielt werden. 

Das Projekt Folding@home wurde bereits im Jahr 2000 von der Stanford University ins Leben gerufen. Damit wird die Rechenleistung der renommierten Stanford Universität vervielfacht. Obwohl die Universität starke Rechner zur Verfügung hat, hätten diese für bereits abgeschlossene Simulationen mehrere Jahrhunderte gebraucht.

Die Gesamtrechenleistung von Folding@home kann sich mit den besten Supercomputern der Welt messen. Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt nutzen die daraus gewonnenen Erkenntnisse. Die Forschungsresultate werden nicht kommerziell genutzt.

In den USA wurden die grossen Pharma-Firmen von der Regierung dazu verpflichtet, an einem Impfstoff gegen den Coronavirus zu forschen. Wenn sich weiterhin so viele bei Folding@home beteiligen, könnte dieser möglicherweise schon früher als gedacht eingesetzt werden. 

 

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 22. März 2020 15:02
aktualisiert: 22. März 2020 21:42