Alle Jahre wieder...

Weshalb Silvester scheisse ist

Sarah Lippuner, 6. September 2019, 10:25 Uhr
In der klirrenden Kälte rumstehen, bis die Uhr endlich Mitternacht schlägt, nur um dann den paar Leuten um den Hals zu fallen, denen man sowieso um jede beliebige Zeit um den Hals fallen könnte. Gebt es zu, Silvester sucks!

Um eines vorneweg klarzustellen: Ich fand Silvester mal gut. Als ich noch ein Kind war und ich ausnahmsweise bis Mitternacht aufbleiben durfte. Da hatte die Nacht tatsächlich etwas Magisches, denn da sah ich die Zeiger überhaupt mal auf Mitternacht stehen. Doch jetzt bin ich kein Kind mehr und Silvester ist das überbewerteste Event des Jahres.

Eigentlich ist es ja nicht mal ein Event. Die Uhr und der Kalender laufen einfach ganz normal weiter. «Ja, aber es ist ein neues Jahr!», schreit mir meine Schwester dann ins Ohr, wenn ich ihr sage, wie behämmert ich es finde, in der Kälte unter einer Kirchenuhr zu stehen und zu warten, bis sie schlägt. Na und? Dann ist die Jahreszahl halt um eine Nummer höher - was ändert das für mein Leben?

Billigen Champagner trinken kann ich jeden Tag

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich noch nie in einer Silvesternacht etwas Spezielles erlebt. Ich habe noch nie meinen Mann fürs Leben an Silvester kennengelernt, Johnny Depp getroffen oder eine Erleuchtung für meinen weiteren Lebensweg bekommen. Billigen Champagner trinken und meine Liebsten umarmen kann ich während des ganzen Jahres, an jedem Tag, um jede Uhrzeit. Aber es muss ja unbedingt am 31. Dezember (oder 1. Januar?) um 00.00 Uhr sein und keine Sekunde früher! Wehe, man stösst die Gläser zusammen, bevor der letzte Glockenton der Uhr verstummt ist.

An Silvester behandeln wir sowieso jede Uhr, als wäre sie das spannendste Objekt, das es in unserem Universum gibt. Auf sie wird gebannt gestarrt, noch fixierter, als wenn Roger Federer einen Matchball gegen Novak Djokovic an einem Grand-Slam-Turnier hat. Stellt euch mal vor, was die Uhr dabei denkt. «Boah, sind die Menschen doof - mich gibt es schon seit Jahrhunderten und die checken immer noch nicht, wie man mich liest.»

Das schlimmste sind jeweils die Clowns, die Tischbomben organisieren. Nochmals, ja, Tischbomben sind vielleicht lustig, wenn man ein Kind ist. Aber danach NICHT mehr. Hihi, ich hab einen Fake-Schnauz und einen bescheuerten Hut, die ganze Wohnung stinkt nach Rauch und diese runden Papierkügelchen rollen unter das Sofa und die Katze verschluckt sie und kriegt dann Durchfall: Wie witzig!

Vorsätze sind Müll

Mein grösstes Problem mit Silvester ist der Erwartungsdruck. Wir alle wissen, dass die Nächte, bei denen wir sagen «Alter, das wird die geilste Nacht unseres Lebens, wir gehen so steil, mann!» total langweilig werden. Aber das schlimmste ist; diese Langeweile darf man dann nie zugeben, man muss immer so tun, als hätte man gerade die legendärste Nacht ever.

Genau das ist Silvester. Sobald der ganze Weihnachtsstress vorbei ist, kommt's: Und, was machst DU an Silvester? Was ist, wenn ich an Silvester gerade keine Lust auf Party habe? In jeder anderen von den 365 Nächten wird das akzeptiert, aber nicht in der Silvesternacht! Da darf man nicht zuhause bleiben, da muss man die tollste Nacht des Jahres haben. Ist doch logisch, dass die Nacht ein Flop wird!

Über die Vorsätze fangen wir gar nicht an zu reden. Da wisst ihr ja schon selbst, dass das Müll ist. Übrigens: Man kann sich auch am 27. April einen Vorsatz nehmen. Oder am 2. Juni. Oder an einem x-beliebigen Tag. Die Quote, dass ihr die Vorsätze dann haltet, ist auf jeden Fall höher, als wenn ihr sie im Suff am 31. Dezember macht.

Das beste, was man aus Silvester machen kann, ist, die freien Tage zu nutzen, wie man sonst Feiertage nützt: Wegfahren, ausschlafen, mit der Familie und den Liebsten Zeit verbringen. Aber nicht in der Kälte rumstehen und Uhren angaffen. Denkt mal darüber nach: Wir starten in jedes neue Jahr, indem wir Uhren angaffen. Wenn das nicht langweilig ist?

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 31. Dezember 2018 08:08
aktualisiert: 6. September 2019 10:25