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«Interessen: Ficken» – so verstörend sind Pick-up-Foren

Lara Abderhalden, 19. März 2021, 11:16 Uhr
Sie wollen sich gegenseitig helfen, darin bestärken und motivieren, Frauen zum Sex zu bringen. Dabei wird ein völlig veraltetes Männerbild verwendet: Nur als Alphatier und Bad Boy, so glauben die «Artisten», können Frauen «gefickt» werden. So erlebte ich das Pick-up-Forum.
Das Ziel von Pick-up-Artisten ist es, möglichst viele Frauen ins Bett zu kriegen.
© GettyImages

Tom (19)* ist im Clinch: Er hat zwei HBs (Hot Babes) getroffen und weiss nicht, ob er es auf einen Dreier anlegen soll oder auf Sex mit einer der beiden Frauen. Antworten auf diese Frage sucht er auf der deutschen Internetplattform Pick-up-Forum. Darin teilen Pick-up-Artisten aus dem deutschsprachigen Raum ihr «Wissen». Pick-up-Artisten sehen sich als Frauenversteher und Flirtcoaches und geben Unerfahrenen online Ratschläge. Dieses Phänomen gibt es schon seit einigen Jahren – Millionen von Nutzern weltweit tauschen sich auf solchen Foren täglich aus.

«Belästigt fühlen ist subjektiv»

Ich habe mich unter einem Pseudonym in einem dieser Foren registriert und lese: «Naja, realistisch gesehen, werden deine Chancen deutlich geringer, wenn du versuchst, beide zu gamen. Wenn du den yolo move machen willst, dann kannst du ja auf einen Dreier gehen. Am meisten Sinn ergibt es aber wohl, die einzeln zu treffen, da hättest du die grössten Chancen auf Sex», schreibt ein unter Marquard bekannter User, der als «Erleuchteter» gilt.

User Pobodo hat ein anderes Problem. Der 35-Jährige ist seit neustem wieder «auf dem Markt» und hat ein Interesse: Ficken. Er sucht nach Frauen zwischen 18 und 30 Jahren – bisher hätten seine Verabredungen aber nicht zum Ziel geführt. Er nervt sich über die vielen Entschuldigungen der Frauen, möchte sie aber nicht belästigen. Darauf antwortet User Danisol: «Belästigt fühlen, ist eben sehr subjektiv. Das ist mitunter auch einfach nur eine Sache der Wahrscheinlichkeit. Du wirst es nicht vermeiden können, wenn du besser werden willst, dass sich manche von dir belästigt fühlen. Auch solltest du dich fragen, nimmst du es lieber in Kauf, einmal eine zu ‹belästigen›, als dass dir eine andere durch die Finger geht, weil du ihr eben deutlich genug gezeigt hast, dass du etwas von ihr willst.» Auch dieser User gilt als «Erleuchteter.»

«Schaue nur auf die äusserlichen Aspekte»

Es gibt verschiedene Auszeichnungen und Ausdrücke in diesem Forum. Den Rang «Erleuchteter» erhält ein User wohl, wenn er ein grosses Ansehen in der Community geniesst. In den Foren werden sehr viele Abkürzungen gebraucht – um nur eine zu nennen: HB. Das steht für Hot Babes. Dafür gibt es sogar eine eigene Skala – User sollen Frauen in dieser Skala beurteilen von HB0 bis HB10. Wobei HB0 bedeutet «unerreichbares Maximum an abstossenden körperlichen Gegebenheiten» und HB10 «unerreichbares Ideal».

In den FAQ – die übrigens für jeden Neuling Grundlagenstoff sind – stehen noch ein paar Worte zur Anwendung der Punkteskala: «Bei einer zufälligen Bekanntschaft gibt es keine Notwendigkeit, Einzelheiten herauszusuchen. Es reicht, zu beurteilen, ob du bereit bist, diese Frau zu vögeln.» Und weiter würden viele Pick-uper den Filter bei 5 von 10 Punkten ansteuern: «Alles, was darunter ist, ist negativ und höchstens zur Übung oder zum Aufwärmen. Bewertet die Frauen ehrlich und schaut erstmal nur auf äusserliche Aspekte.»

«Du sollst sie in die unangenehme Situation bringen, dass ihr langweilig ist»

Es gibt ein ganzes Verzeichnis mit Abkürzungen. AFC steht beispielsweise für Average Frustrated Chump – damit wird ein «nice guy» bezeichnet – ein Mann, der nach dem Männerbild der Foren-Administratoren keine Pick-Up-Skills hat, «viel zu nett ist» und bei Frauen oft in der «Friendzone» landet, dafür steht übrigens die Bezeichnung LJBF «Let's just be friends».

Sehr oft fällt in den Forenbeiträgen die Bezeichnung LMR: «Last Minute Resistance». Wie die meisten Autoren einheitlich befinden, kommt es bei Frauen immer wieder vor, dass sie aus Mangel an Vertrauen oder weil sie nicht genug «heiss» sind, keinen Sex wollen. Die Aufgabe des Mannes sei es in diesem Moment, die Frau mit Tricks zum Sex zu bringen. Eine Variante sei beispielsweise der «Freeze Out» – «Wenn du einen LMR hast, musst du einen Freeze Out machen. Du bist nicht sauer, du sagst ‹es ist okey›, machst das Licht an (checkst deine Emails usw.). Du sollst sie in die unangenehme Situation bringen, dass ihr langweilig ist und sie sich unwohl fühlt, so dass sie wieder etwas Angenehmeres spüren möchte.»

Gespräch mit Administrator

Ich unterhalte mich mit einem Administrator, frage ihn, ob Frauen sich seiner Meinung nach unterordnen müssen?

Frauen hingegen seien ziemlich interessant, wenn das Gegenteil ausgeprägt ist, da durch den hohen Östrogenspiegel Frauen nicht sehr dominant sind.

Gemäss Administrator gehe es im Forum aber nicht um die soziale und gesellschaftliche Stellung von Männern und Frauen, sondern darum, Wege aufzuzeigen, wie «spielerisch geflirtet und verführt werden kann».

Spielerische Verführung... «Frauen vögelt man eine Weile und macht sich dann vom Acker, bevor es zu emotional wird. Kontakt ohne Vorwarnung einstellen», lautet der Weg, den offenbar der «Erleuchtete» Willian immer einschlägt, wenn er die Frauen dann spielerisch verführt hat.

*Name abgeändert

Gespräch mit dem Fachmann für Männerfragen

Markus Theunert (48) ist einer der bekanntesten Köpfe der Schweizer Männerbewegung. Er tritt als Vertreter für Männer und Geschlechterfragen auf und kennt das Phänomen der Pick-up-Artisten.
Herr Theunert, verkörpern diese Pick-up-Artisten ein Männerbild, hinter dem Sie persönlich stehen können?
Nein. Solche Foren sind hochproblematisch. Diese Männer wissen nicht, was sie dürfen und was nicht. Sie wissen nicht, wie anständiges Flirten geht. Es geht nur darum: Wie kriege ich eine Frau ins Bett. Es schockiert mich und ist total objektiv – als wäre Sexualität nur eine Leistung. Total beziehungslos. Ein Pick-up-Artist ist kein Mann, der sich einlassen will, der will «ficken», sonst gar nichts. Das ist ein despektierliches, unrealistisches Männerbild.

Inwiefern hat das Männerbild, das in Pick-up-Foren vertreten wird, nichts mit der Realität zu tun?
Die Männer dort haben ein völlig altertümliches Bild der Frau. Sie nehmen an, dass Frauen grundsätzlich keine Lust auf Sex haben, ausser sie werden hineingetrickst. Das ist eine kühne Annahme. Dieses eindimensionale Suggerieren, dass Männer Frauen nur flachlegen wollen, ist extrem jugendlich und unreif. Schliesslich sind es aber auch nur einsame Typen, die nicht bindungsfähig sind.

Also haben Sie auch Mitleid?
Es wundert mich nicht, dass es so Plattformen gibt, und das Problematischste in dieser Thematik ist für mich, dass es diese Plattformen braucht. Denn offensichtlich besteht das Bedürfnis von Männern, sich auszutauschen. Es ist inakzeptabel wie es gemacht wird, die Männer brauchen aber Information über Sexualität und rund ums Flirten – leider bekommen sie das oft nicht von Vätern oder Brüdern, sondern suchen Erklärungen im Internet. Was schätzen Sie, wie viel Prozent der Männer haben in den vergangenen Tagen Pornografie konsumiert?

Hmm, 50 Prozent?
91 Prozent – wir haben kürzlich eine Umfrage durchgeführt. Über 90 Prozent der Männer haben, sei es in Chats oder im Internet, eine Form von Pornografie konsumiert. Es gibt ja auch den Ausdruck «oversexed and underfucked».

Markus Theunert ist Präsident des Dachverbands für Männer- und Väterorganisationen männer.ch – der 48-Jährige setzt sich für Gleichstellungsfragen ein.

© KEYSTONE/Lukas Lehmann

Sie sehen die Problematik in einer fehlenden, realitätsnahen Bezugsperson, die als eine Art Mentor fungiert?
Väter nehmen in der Tendenz nicht die Rolle des Aufklärers ein. Dadurch sind junge Männer extrem isoliert, der Erwartungsdruck ist gross, sie haben Null Plan, wie Sexualität geht. Irgendwie ist es rührend, wie sie sich unterstützen – nur eben sollte das nicht auf diese Art und Weise passieren.

Glauben Sie, dass es durch diese Foren zu Übergriffen oder Belästigungen kommt – oder Männer durch Forenbeiträge dazu angestachelt werden?
Nein, das glaube ich nicht. Ich nehme eine gewisse Ethik wahr. Pick-up-Artisten sehen sich als Künstler und wenn sie die Frauen nicht dazu bringen, sie zu mögen, haben sie sich schlecht angestellt. Die Männer müssen sich gemäss ihren Vorstellungen so raffiniert anstellen, dass sie nicht zurückgewiesen werden. Klar akzeptiert ist hingegen, dass Männer dafür emotional manipulativ sein müssen.

Haben Sie schon über ein Angebot mit eigenen Workshops für junge Männer nachgedacht?
Ja, das wäre toll, aber dazu fehlen uns leider die finanziellen Mittel.

Wie unterscheiden sich die Erwartungen an die Sexualität zwischen Männern und Frauen?
Es gibt dieses Bild in der Gesellschaft: Wenn Frauen viele Männer haben, zählen sie als «slutty». Männer hingegen bekommen fast schon Auszeichnungen, wenn sie viele Frauen haben. Diese Performance ohne Gefühle ist völliger Unsinn. Gefühle lassen sich beim Thema Sexualität gar nicht verhindern. Diese Mythen halten sich aber leider.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 19. März 2021 07:10
aktualisiert: 19. März 2021 11:16