Interview

Autor Helge Timmerberg: «Bin der Jäger der verlorenen Geschichten»

Krisztina Scherrer, 13. März 2022, 08:43 Uhr
Er ist Bestseller-Autor und Reisejournalist. Er ist Einzelgänger und immer auf der Suche nach der Geschichte. Er ist siebzig, aber das stört ihn nicht weiter. Er veröffentlichte vor kurzem sein neustes Buch «Lecko Mio – Siebzig werden». Ein Interview mit Helge Timmerberg.
In St.Gallen und Wien zuhause: Helge Timmerberg ist noch immer viel unterwegs.
© PD/Frederico Balboa
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Sein Handy liegt neben ihm auf dem Tisch. Der Bildschirm schwarz. «Ich habe vor unserem Termin ein E-Mail vom Steueramt erhalten. Dort drin steht wie viel ich für das Jahr 2020 nachbezahlen muss. Aber, ich habe mir vorgenommen, die Nachricht erst nach unserem Gespräch zu öffnen, sonst müssen Sie mich vielleicht trösten», sagt Helge Timmerberg. 2020 sei für ihn ein gutes Jahr gewesen.

Seit Wochen versuchen wir uns in St.Gallen zu Treffen. Jetzt hat es geklappt. Helge Timmerberg wohnt seit 2004 in der Kantonshauptstadt. «Durch einen guten Freund bin ich zu einer Wohnung in einer wunderschönen Jugendstilvilla gekommen.» Wir treffen uns in einer Bar in St.Gallen. Timmerberg kommt rein. Seine langen grauen Haare sind zerzaust, er trägt eine Brille, sein Gesicht ist mager und faltig. «Hier drinnen ist es ganz schön laut», sagt er. «Ich bin hungrig, Sie auch? Sollen wir Indisch essen gehen?»

Helge Timmerberg wohnt und lebt in Wien und St.Gallen.

© Tagblatt/Reto Martin

Timmerberg geht zielstrebig über den Marktplatz. Sein Lieblings-Inder ist nicht weit. «Die Atmosphäre dort gefällt mir.» Wer das kleine Restaurant betritt, weiss, was er damit meint. Von aussen unauffällig, doch im Innern: Die Wände sind mit warmen Farben gestrichen, es stehen massive Holztische – höchstens zehn – im kleinen Raum. Man sieht direkt in die Küche, wo der Autor sofort hinsteuert. «Hallo, wie geht es dir?», fragt er den Besitzer des Restaurants. Wir haben Glück, es wird gerade ein Tisch frei.

Ob er einen Lieblingsplatz hat in St.Gallen? «Der Inder hier. Oder wenn es sonnig und warm ist, sitze ich gerne vor dem Starbucks und trinke einen Kaffee, beobachte die Leute. Ich gehe auch oft in den Wald, der ist nicht weit von meinem Daheim. Ich empfinde den Wald hier als besonders und sage immer: Schweizer Qualitätswald.» Auch sein Zuhause gehört zu seinen Lieblingsplätzen.

«Soll ich mir jetzt die Steuerrechnung anschauen? Es nimmt mich so Wunder. Mein Steuerberater hat mich gefragt, ob ich in Raten zahlen will oder nicht. Was empfehlen Sie mir?», fragt er. «Nein, ich warte bis nach dem Interview.»

Sie haben vor ein paar Wochen ihren 70. Geburtstag gefeiert. Wie haben Sie ihren Ehrentag verbracht?
Geburtstage bedeuten mir nicht viel. Die letzten sind an mir vorbeigegangen. Ich war irgendwo auf der Welt und habe es nur am Rande bemerkt. Das habe ich immer sehr genossen. Mein Verlag hat mir dieses Jahr eine Party in München organisiert..

In Ihrem Buch «Lecko Mio – Siebzig werden» geht es für einmal nicht um lebensgefährliche Abenteuer, sondern um die Suche nach dem richtigen Zahnarzt. Wie haben Sie sich in den letzten Jahren verändert?
Die Veränderung kommt schleichend. Ich träume manchmal von Amazonas-Abenteuer, doch dann fällt mir sofort wieder ein, dass ich das nicht mehr schaffen würde.

Ich werde ruhiger. Seit ein paar Jahren reise ich mit dem Auto meines Vaters umher und fahre ins Tirol oder nach Sizilien. Die Magie des Reisens, die da war, als ich jung war, ist weg. Ich glaube nicht mehr, dass ich an einem Ort Wunder erlebe oder ewig dort leben werde. Ich war früher in so viel verschiedenen Ländern und sagte mir: Hier bleibe ich, aber ich kam immer wieder zurück. Jetzt wo ich mit Ihnen spreche, denke ich: Duzen wir uns?

Wir stossen an. Mittlerweile ist der Wein gekommen. Das E-Mail mit der Steuerrechnung scheint Timmerberg vergessen zu haben.

Was ist der Sinn des Lebens?
Der Sinn des Lebens ist zu Leben – alles andere wäre daneben. Ich war früher sehr spirituell – bin es heute immer noch ein bisschen. Ich würde aber nicht mehr nach Indien gehen, um die Wahrheit zu finden. Wieso sollte ich auch ausgerechnet in Indien die Wahrheit finden?

Ist dein neues Buch eine Art «Frieden schliessen»?
Je älter ich werde, desto mehr Frieden habe ich mit verpassten Chancen oder dem verprassten Geld geschlossen. Ich habe mit meinem Leben Frieden geschlossen. Der innere Frieden wird stärker mit dem Alter. Wenn du Frieden mit dir schliesst, heisst das auch, dass du dich magst.

Hast du Angst vor dem Tod?
Nein, ich habe nur Angst vor der Vergreisung.

Bist du früher vor dir selber geflüchtet?
Ich glaube, das Bedürfnis zu fliehen, haben wir alle. Ein Schluck Rotwein ist schon eine Flucht. Ich bin in das Reportertum geflüchtet. Es ging mir immer um Geschichten. Natürlich kannst du sagen «Ich flüchte mich in Arbeit» - aber wieso nennt man das flüchten? Ich gehöre da hin und fühle mich unglaublich wohl. Ich bin im Schreiben zu Hause und der Jäger der verlorenen Geschichten.

Wofür bist du dankbar?
Ich bin dankbar für solche Momente wie dieseb jetzt. Für den schönen Sonnenuntergang, den ich kürzlich beobachtet habe. Neulich fuhr ich von St.Gallen nach Wien. Auf der ganzen Strecke war es neblig. Vier bis fünf Stunden lang nur Nebel. In Vorarlberg: neblig. In Innsbruck: neblig. Auf dem Gerolspass: neblig. Dann, ab einer gewissen Höhe und einer gewissen Kurve, war der Nebel schlagartig weg. Plötzlich waren da die Berge und Sterne – ein glasklarer Moment. Vom Nebel in so eine bombastische Berglandschaft. Dann habe ich gepisst. Und war tierisch dankbar. Ich bin auch dankbar dafür, dass ich mit siebzig noch fit bin, dankbar für das Leben.

Was bereust du?
Kokain. Meine Koks-Phase bereue ich. Das ist die egoistischste und gierigste Droge, die es gibt. Ich wurde sehr kaltherzig und zum Zyniker. Als mir bewusst wurde, dass ich eine Persönlichkeitsveränderung durchgemacht habe, hörte ich auf.

Wofür schämst du dich?
Alle Dinge, wofür ich mich schäme, habe ich dem Alkoholrausch zu verdanken. Die sage ich aber nicht.

In Buch gibt es ein Kapitel: «Traue keinem unter 30». «Es ist die Unerfahrenheit. Die ist dumm. Sie ist das Brett vor dem Kopf der Jungen», schreibst du. Hast du einen Tipp für alle Unter-30-Jährigen?
In diesem Kapitel geht es um die Altersgruppe mit der fehlenden Lebenserfahrung, die aber alle Debatten mitbestimmen will, das ist verkehrt. Aber ich habe einen Tipp: Nase weg vom Koks. Und auch von der Zigarette, die gibt dir eigentlich nichts, ausser die Sucht nach dem Nikotin.

Was würdest du anders machen, wenn du noch einmal unter 30 wärst?
Als Jimmy Hendrix starb, war ich nur ein paar Häuser von seinem Todesort entfernt. Wäre ich nicht auf LSD gewesen, hätte ich ihn gerettet und wie verrückt an seine Türe gehämmert. Ich hätte wahrscheinlich auch Apple oder Microsoft-Aktien gekauft. Und nicht gekokst.

Okay, du rätst vom Koksen ab. Du bist jahrzehntelanger Kiffer, empfiehlst du das?
Wenn man mit dem Kiffen anfangen will, sollte man immer wissen wie das Aufhören wird und ob man das will. Wenn man vorher schon weiss, wie man das ganze wieder beenden kann, ist das super.

Wovon handelt dein nächstes Projekt?
Ich schreibe über das Kiffen. Mein nächstes Buch handelt von der Legalisierung von THC in Deutschland. Dafür reise ich nach Malta, es ist das erste europäische Land, wo der Konsum und Anbau von Cannabis legal ist.

Das Interview ist um. «Jetzt schaue ich mir die Steuerrechnung an. Ich warte schon so lange darauf.» Timmerberg öffnet sein E-Mail. «So jetzt muss ich auf den Anhang – da wäre als Erstes die direkte Bundessteuer. Ooha.» Timmerberg spitzt seinen Mund zusammen und reisst seine Augen auf. Sein Gemüt, so schien es bisher, kann durch nichts aus der Fassung gebracht werden. Die Steuerrechnung kann offenbar doch. Aber auch nur für kurze Zeit. «Na gut, dann die Gemeinde- und Kantonssteuer.» Wieder ist Timmerberg kurz erschrocken, sagt dann aber: «Das hat mir mein Steuerberater prophezeit. Trotzdem gut, habe ich bis nach dem Interview gewartet.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 13. März 2022 08:43
aktualisiert: 13. März 2022 08:43