Drama statt Fakten

Das Dilemma mit den Netflix-Dokus

Mario Trlaja, 25. April 2021, 19:00 Uhr
Netflix versorgt uns mit immer mehr Dokumentationen – und verstösst dabei immer wieder gegen journalistische Grundsätze.
© Pixabay
Netflix will mehr können als nur Serien und Filme. Für die eigenen Dokumentationen wird zwar das dicke Portemonnaie in die Hand genommen, dafür nimmt man es mit den Fakten nicht immer so genau. Wie seriös sind Netflix-Dokus?

Wer behauptet, kein Netflix Konto zu haben, lügt. Oder klaut zumindest den Account der Freundin. Das Streaming-Unternehmen, das erst 2014 in die Schweiz kam, ist so dermassen erfolgreich, dass «Netflixen» zum Synonym für «TV gucken» geworden ist.

Bausteine des Erfolgs sind die Netflix-Originale: eigene Filme und Serien, die inzwischen auch in der Lage sind, Preise abzuräumen. Mit Eigenproduktionen mischt Netflix schon länger erfolgreich den Doku-Markt auf. Kritik gibt es selten, dabei wäre diese durchaus angebracht. Vor allem wenn Netflix mit seinen aufwändigen Dokus den Anspruch erhebt, die Wahrheit zu sagen und zu zeigen.

Die Netflix-Doku «Seaspiracy» thematisiert den internationalen Fischfang im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

© Netflix

«Seaspiracy»

Der neuste Doku-Überflieger musste neben viel Lob für das Aufzeigen problematischen Fischkonsums auch viel Kritik einstecken. Gegenstimmen kämen zu wenig zu Wort und Aussagen von Protagonisten seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, so dass sie den Thesen der Filmemacher entsprechen. Auch wurde etwa eine Aussage mit Bezug auf eine Studie aus dem Jahr 2006, wonach die Weltmeere bis 2048 komplett leergefischt werden könnten, vom Verfasser der Studie widerlegt. Hätten die Produzenten journalistisch sauber gearbeitet, hätten sie den Forscher angefragt oder ihre Aussagen zumindest mit einer Fussnote versehen. Stattdessen setzt man auf dramatische Effekte, die einem das Gefühl geben, einen Thriller zu schauen.

Seaspiracy ist nicht das einzige Doku-Beispiel, bei dem Drama vor Fakten steht. 

© Netflix

Seifenoper statt Recherche, Esoterik statt Wissenschaft

Protagonist Joe Exotic hat uns in «Grosskatzen und ihre Raubtiere»  mit seinen bizarren Geschichten aus seinem Tigerzoo in Oklahoma mental durch den ersten Lockdown geholfen. Insbesondere Joes «Gegenspielerin» Carole Baskin kam in der Doku schlecht weg. Die Macher legten einen grossen Fokus auf das Verschwinden ihres ersten Ehemannes und implizierten, sie könnte damit in Verbindung stehen, obwohl es dafür keine Beweise gibt. Berichte kritisierten zudem, dass die Serie zu wenig auf die miserablen Lebensumstände der Grosskatzen in den privaten Zoos eingeht. Stattdessen zeichne «Tiger King» ein Bild, in dem Zucht und Handel mit Raubtieren einen ernsthaften Beitrag zu deren Konservierung leistet. Seifenoper statt Recherche.

Die Serie «Making a Murderer» über den Fall von Steven Avery, der 18 Jahre unschuldig im Gefängnis sass, nur um kurz nach seiner Freilassung wieder wegen Mordes verurteilt zu werden, war Netflix' erster Exploit im Doku-Geschäft. Die 20-teilige Serie zeigt dabei massives Fehlverhalten der US-Justiz auf und lässt massive Zweifel an Averys Schuld aufkommen. Viele Zweifel scheinen durchaus berechtigt, dennoch werfen Kritikerinnen den Machern vor, die Fakten einseitig darzustellen und Beweismittel herauszupicken. So sei laut dem leitenden Staatsanwalt unterschlagen worden, dass Averys DNA im Auto des Mordopfers gefunden wurde.

Kritisch wird es auch, wenn eine Doku-Serie Esoterik und Quacksalberei als legitime Wissenschaft darstellt. Noch kritischer wird es, wenn dies getan wird, um die Firma der Protagonistin zu vermarkten. Genau dies gelang Netflix mit der Show von Gwyneth Paltrow, «The Goop Lab». Die Serie lädt verschiedene Gäste aus der «alternativen Medizin» ein, darunter «Energie-Heiler» John Amaral, Extremsportler und Kälte-Freak Wim Hof oder das Medium Laura Lynne Jackson, die von sich behauptet, mit Toten kommunizieren zu können. Mehrere Medien, darunter «Business Insider», «BBC News» und «Variety» nannten die Sendung unwissenschaftlich und die Behauptungen gewisser Gäste purer «Nonsens».

Soll ich überhaupt noch Netflix-Dokus schauen?

Wer immer noch überzeugt ist, sich mit Netflix-Dokus tiefes Faktenwissen aneignen zu können, sollte sich das Geschäftsmodell von Netflix bewusst machen. Netflix lebt davon, seine Zuschauer in stundenlange Serien-Marathons zu verwickeln. Deshalb setzt das Unternehmen auch bei Dokumentationen auf mehrere Folgen, wobei der Inhalt entsprechend gestreckt werden muss. Dies bedeutet weniger Substanz und mehr Füllmaterial. Untermalt wird das ganze mit dramatischen Bildern, Musik und Schnitten sowie Episoden, welche in schockierenden Cliffhangern enden. Dadurch leidet die ausgewogene Berichterstattung. Dass dies nicht immer der Fall sein muss zeigen positive Beispiele aus dem Netflix Sortiment, wie «David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten» oder «Mein Lehrer, der Krake».

Wem bewusst ist, dass es sich bei Netflix vor allem um Entertainment handelt, wird auf der Plattform bestens unterhalten und lernt durchaus etwas Neues dabei. Wichtig ist, dass man sich anschliessend die Ausgewogenheit, die Netflix nicht immer bietet, selbstständig woanders holt.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 25. April 2021 18:34
aktualisiert: 25. April 2021 19:00