Jean-Luc Godard

Dieser legendäre Schweizer hat sogar Tarantino inspiriert

René Rödiger, 3. Dezember 2020, 09:13 Uhr
Jean-Luc Godard wird am Donnerstag 90 Jahre alt. Der französisch-schweizerische Filmemacher ist noch immer aktiv. Seine Filme haben Regisseuren wie Quentin Tarantino den Weg geebnet, Godard hat das Kino mehrmals neu erfunden.
Jean-Luc Godard lebt seit den 1980er-Jahren zurückgezogen in Rolle am Genfersee.
© Keystone/Archiv

«Um einen Film zu machen, genügen Mädchen und eine Pistole.» Auch wenn Jean-Luc Godard das so gesagt hat, gibt er sich nie damit zufrieden. Godard macht Filme, die andere Filme und Filmemacher inspirieren. Er erfindet das Kino mit jedem Streifen neu.

Jean-Luc Godard, am 3. Dezember 1930 in Paris geboren und im Kanton Waadt aufgewachsen, entdeckte früh seine Liebe zum Kino. In seiner Studienzeit in Frankreich schloss er sich einer Gruppe Filmenthusiasten um François Truffaut, Jacques Rivette und Eric Rohmer an, der Grundstein zur «Nouvelle Vague» war gelegt.

Der Durchbruch gelang Godard 1960 mit «À bout de souffle» («Ausser Atem»). Damals galt der Film als revolutionär, Godard liess seinen Hauptdarsteller, den damals noch unbekannten Jean-Paul Belmondo, durch die Strassen von Paris laufen, filmte nur mit einer Handkamera, missachtete sämtliche Schnittregeln des Films. Der Film ist ein Meisterwerk, natürlich gibt es davon auch eine eher schwache Hollywood-Verfilmung mit Richard Gere («Breathless», dt. «Atemlos», 1983).

Das Vorbild Tarantinos

Godard liebt die Zitate und die Selbst-Reflexion, immer wieder bricht er mit den Konventionen des Films. Seine frühen Filme sind, nebst all der Komplexität, immer auch Hommagen an die frühen B-Movies und Schundromane der USA. Eine Eigenheit, die auch Kult-Regisseur Quentin Tarantino zu seinen glühendsten Verehrern zählen lässt. Tarantino lässt keine Gelegenheit aus, um von Godard zu schwärmen, er bezeichnet ihn immer wieder als Inspiration für seine Filmkarriere.

Nicht umsonst heisst Tarantinos Produktionsfirma «A Band Apart», benannt nach Godards Klassiker «Bande à part» von 1964 («Die Aussenseiterbande»). In «Pulp Fiction» (1994) zitiert Tarantino – ganz in der Tradition von Godard – über weite Strecken verschiedene Filme des Schweizers. Und natürlich hat Mia Wallace, gespielt von Uma Thurman, dabei die Frisur von Nana Kleinfrankheim (Anna Karina) aus «Vivre sa vie» («Die Geschichte der Nana S.», 1962).

Von Scorsese bis Hopper

Godard hat mit seinen Filmen und seiner Filmsprache den Independent-Film nachhaltig beeinflusst. Sei es Dennis Hopper mit «Easy Rider» (1969) oder Peter Bogdanovich mit «Paper Moon» (1973). Doch auch andere grosse Regisseure wie Martin Scorsese beziehen sich regelmässig auf das Werk Godards. Die Eröffnungssequenz aus «Mean Streets» («Hexenkessel», 1973) ist eine Hommage an «À bout de souffle». Steven Soderbergh («Traffic», «Ocean's Eleven») sagte mal: «Immer wenn ich mich frage, was beim Filmemachen überhaupt möglich ist, schaue ich mir Jean-Luc Godard an.»

Jean-Luc Godard widmete sich später dem experimentellen Film, wurde immer politischer und deshalb zuerst zensuriert und später kaum mehr in den grossen Kinosälen gezeigt. Von der Arbeit hat ihn das nie abgehalten. Godard mischt Bilder und Töne (er spricht heute nicht mehr von Filmen) wie ein DJ, bemerkte einst die «New York Times».

Bereits alle Preise gewonnen

Dabei könnte der Schweizer schon lange kürzertreten. Mit seinem Werk hat er alle Preise gewonnen, die es in der Filmwelt zu gewinnen gibt, er staubte die Preise in Berlin, Venedig, New York und vielen weiteren Festivals ab. Für sein Lebenswerk wurde er mit dem Europäischen Filmpreis (2007), dem Oscar (2010) und dem Schweizer Filmpreis (2015) geehrt.

Aus den Preisen macht er sich jedoch nichts. 2010 auf den Ehren-Oscar angesprochen, antwortete er der «NZZ am Sonntag» auf die Frage, was ihm die Auszeichnung bedeute: «Nichts. Wenn das der Academy gefällt, soll sie es tun. Aber ich finde es seltsam. Welche Filme von mir haben die gesehen? Kennen die meine Filme überhaupt?»

Es ist das Schicksals des wohl grössten Regisseurs, den die Schweiz je hervorgebracht hat. Sein Werk ist über die Jahre in Vergessenheit geraten, seine Filme finden nur noch selten den Weg in die Kinos. Und trotzdem wird er laufend von den Grössten der Industrie kopiert. Vielleicht wäre ja der 90. Geburtstag Jean-Luc Godards ein guter Zeitpunkt, mal wieder einige seiner Werke zu schauen.

Unsere Filmtipps für Godard-Neulinge:

Die Filme Jean-Luc Godards sind sperrig. Zumindest nach heutigem Standard. Deshalb sollte ein Godard-Neuling vielleicht nicht gerade mit seinem neusten Film «Le livre d'image» («Bildbuch», 2018) beginnen.

Ein guter Start ist «À bout de souffle» (1960). Danach wird es mit «Le petit soldat» («Der kleine Soldat», 1963) etwas politischer. Aus dem gleichen Jahr ist «Le mépris» («Die Verachtung», 1963) mit einem Film über den Film. Und ja: Man sieht darin Brigitte Bardot nackt. Selbstverständlich darf auch «Bande à part» (1964) nicht fehlen.

Danach empfehlen wir einen Abstecher in die Science-Fiction. Mit «Alphaville» («Lemmy Caution gegen Alpha 60», 1965) gab Godard die Vorlage zu Stanley Kubricks Meisterwerk «2001: A Space Odyssey» («2001: Odyssee im Weltraum», 1968). Wer lieber Splatter-Filme mag, wird bei «Week End» («Weekend», 1967) bedient, Karl Marx inklusive.

Die Weihnachtsgeschichte, passend zur Jahreszeit, hat Godard übrigens auch in einer Neuzeit-Version verfilmt, «Je vous salue, Marie» («Maria und Joseph», 1985) löste einen kleineren Skandal in Kirchenkreisen aus. Musikfans werden bei «Sympathy for the Devil» («Eins plus eins», 1968) glücklich, dort begleitet Godard die Rolling Stones bei ihren Proben. Natürlich wird es auch hier sehr politisch.

Als sein grosses Meisterwerk gilt schliesslich die Mini-Serie «Histoire(s) du cinéma» (1989-1999). Ein krönender Abschluss für einen wunderbaren Godard-Marathon. Selbstverständlich gibt es dazwischen noch fast hundert weitere Filme, deren Zugang sich aber nicht gerade jeder Person erschliesst. Das ist Godard egal. Er sagt selbst, dass jeder das in einem Film sehen soll, was er will. Erklärungen gibt es nicht.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 3. Dezember 2020 09:13
aktualisiert: 3. Dezember 2020 09:13
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