Award-Season

In der Filmwelt läuft gerade einiges falsch

René Rödiger, 12. Januar 2020, 14:58 Uhr
«Joker» mit Joaquin Phoenix führt die Liste der Bafta-Nominierungen an.
© Keystone
Die Golden Globes liegen hinter uns, die Bafta-Nominierten sind draussen und die Academy gibt am Montag bekannt, wer sich Hoffnungen auf einen Oscar machen darf. Was sich jetzt schon zeigt: Die Award-Industrie ist in einer Krise.

Die ersten Monate des Jahres sind für die Filmindustrie die wichtigsten. Alle grossen Preise werden vergeben, die Gewinner können sich über lukrative Angebote freuen, die Filmverleiher und Studios über viel Geld an den Kinokassen.

Doch schon kurz nach dem Start in die sogenannte «Award-Season» zeigt sich: Die Filmwelt hat ein Problem. Ein massives Problem. Mit Frauen und Minderheiten.

Besserung lässt auf sich warten

Bei den Golden Globes anfangs Januar wurden in der Regie-Kategorie lediglich Männer nominiert. Dabei hätte es mehrere Regisseurinnen gegeben, die es verdient gehabt hätten – zum Beispiel Greta Gerwig mit «Little Women», Lorene Scafaria mit «Hustlers» oder Céline Sciamma mit «Portrait de la jeune fille en feu». Diese krasse Marginalisierung der Frauen in der Filmindustrie ist nicht neu. Seit Jahren gibt es daran Kritik. Und immer wieder geloben die Jurys Besserung.

Bleiben wir beim Beispiel der Golden Globes: Seit dem Jahr 2000 wurden über 100 Männer in der Regie-Kategorie nominiert. Und gerade einmal vier Frauen. Bei den Oscars ist das Bild nicht gerade besser: Hier stehen drei Frauen 87 Männern gegenüber.

Dass aus der Vergangenheit auch die britische Filmindustrie nichts gelernt hat, zeigte sich dann am Dienstag bei der Bekanntgabe der Nominierten für die Baftas, dem wichtigsten europäischen Filmpreis. Frauen in der Regie-Kategorie? Fehlanzeige.

Minderheiten gehen leer aus

Dabei leiden nicht nur Frauen unter den männlich dominierten Jurys der verschiedenen Filmpreise. Aktuellstes Beispiel: Bei den Baftas sind alle Nominierten für schauspielerische Leistungen weiss. Margot Robbie wurde in der Kategorie «Beste Nebendarstellerin» sogar zweimal nominiert. Wo bleiben Jennifer Lopez, Marianne Jean-Baptiste, Cynthia Erivo, Lupita Nyong'o oder Eddie Murphy? Bei den Golden Globes ging der Preis für die beste Hauptdarstellerin in einer Komödie oder einem Musical immerhin mit Awkwafina erstmals an eine Frau mit asiatischen Wurzeln.

Schuld an dieser Misere sind nicht in erster Linie die Veranstalter dieser Preise, auch wenn sie ein grosses Wörtchen bei der Auswahl der Jury mitreden können. So gibt es zum Beispiel bei den Baftas auch Komitees, die Nominierungen vornehmen. Bei den besten Kurzfilmen sind deshalb vier der fünf Filme von Frauen gemacht worden. Hier zeigt sich, dass eine besser zusammengesetzte Jury andere Schwerpunkte setzt.

Wird es bei den Oscars besser?

Am Montag gibt die Academy bekannt, wer sich Hoffnungen auf einen Oscar machen darf. Es wird sich ein ähnliches Bild zeigen wie bei den Baftas, viele Jurymitglieder dürfen in beiden Wettbewerben ihre Stimme abgeben. Schuld daran haben aber auch die Studios, die aus Angst, übergangen zu werden, gewisse Filme schon gar nicht mehr einreichen. Prominentes Beispiel aus diesem Jahr: «The Souvenir» von Joanna Hogg.

Allerdings ist man bei den Oscars langsam auf dem Weg aus der Krise. Dort hat man für mehr Vielfalt im Jahr 2018 gleich über 900 neue Mitglieder in die Jury eingeladen. Bei anderen Wettbewerben wartet man noch auf einen solchen Schritt.

Das sind die Nominierten der wichtigsten Kategorien bei den Baftas:

Bester Film:
«1917»
«The Irishman»
«Joker»
«Once Upon a Time ... in Hollywood»
«Parasite»

Bester britischer Film:
«1917»
«Bait»
«For Sama»
«Rocketman»
«Sorry We Missed You»
«The Two Popes»

Beste Regie:
Sam Mendes, «1917»
Martin Scorsese, «The Irishman»
Todd Philipps, «Joker»
Quentin Tarantino, «Once Upon a Time ... in Hollywood»
Bong Joon-ho, «Parasite»

Beste Schauspielerin:
Jessie Buckley, «Wild Rose»
Scarlett Johansson, «Marriage Story»
Saoirse Ronan, «Little Women»
Charlize Theron, «Bombshell»
Renée Zellweger, «Judy»

Bester Schauspieler:
Leonardo DiCaprio, «Once Upon a Time ... in Hollywood»
Adam Driver, «Marriage Story»
Taron Egerton, «Rocketman»
Joaquin Phoenix, «Joker»
Jonathan Pryce, «The Two Popes»

Beste Nebendarstellerin:
Laura Dern, «Marriage Story»
Scarlett Johansson, «Jojo Rabbit»
Florence Pugh, «Little Women»
Margot Robbie, «Bombshell»
Margot Robbie, «Once Upon a Time ... in Hollywood»

Bester Nebendarsteller:
Tom Hanks, «A Beautiful Day in the Neighborhood»
Anthony Hopkins, «The Two Popes»
Al Pacino, «The Irishman»
Joe Pesci, «The Irishman»
Brad Pitt, «Once Upon a Time ... in Hollywood»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 12. Januar 2020 06:41
aktualisiert: 12. Januar 2020 14:58