Positive Rückmeldungen für «Retro-Text»

28. Juni 2019, 16:48 Uhr
Der Berner Schriftsteller Tom Kummer hat sich an den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur wacker geschlagen: Sein Text wurde trotz 90er-Jahre-Ästhetik und sehr viel Pathos hauptsächlich positiv aufgenommen. (ORF/ORF K/Johannes Puch)
Der Berner Schriftsteller Tom Kummer hat sich an den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur wacker geschlagen: Sein Text wurde trotz 90er-Jahre-Ästhetik und sehr viel Pathos hauptsächlich positiv aufgenommen. (ORF/ORF K/Johannes Puch)
© ORF/ORF K/Johannes Puch
Mit dem Text «Von schlechten Eltern» hat der Berner Autor Tom Kummer Tag zwei an den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur beendet. Er nahm seine Zuhörer darin auf eine zunächst philosophische und später bedrohliche Taxifahrt durch die nächtliche Schweiz mit.

Dabei tischt der Ich-Erzähler seinen Fahrgästen allerlei Lügen auf und verstrickt sich in seinen eigenen Gedankenspielen. So erfährt man von seinem elfjährigen Sohn, zu dem er sich nach der Rückkehr aus seiner Schicht legt, und seiner Rückkehr in die Schweiz, nachdem er mehrere Jahre im Ausland gelebt hat, und schliesslich von seiner verstorbenen Frau. Am Ende löst sich die Bedrohlichkeit dessen, was sich im Kopf des Fahrers zusammengebraut hat, in der dunklen Nacht auf.

Und so urteilte die Jury: Stefan Gmünder räumte ein, dass es für den Text «ein gewisses Verständnis für Pathos braucht». Er lobte das Operieren mit Gegensätzen wie Geschwindigkeit und Langsamkeit, Dunkelheit und Helligkeit. Für Hildegard Keller handelt es sich um ein Roadmovie durch die «Seele eines Verlierers und vielleicht auch Täters».

Genau die mögliche Täterschaft war es, die Insa Wilke gefangen nahm: «Es ist eine Inszenierung des Unangenehmen, ein Balancieren auf dem schmalen Grat zwischen dem Zulässigen und Unzulässigen». Klaus Kastberger freute sich vor allem über «das poetologische Bild, dass ein Autor mit dem Auto durch die Landschaft fährt». Den Text empfand er als «absoluten Retro-Text». Sein Kollege Hubert Winkels mahnte ein, dass es in dem Text weniger um das Autofahren sondern mehr um das Erzählen eines Verlusts gehe. Michael Wiederstein, von dem Tom Kummer eingeladen worden war, betitelte «Von schlechten Eltern» als «Lob und Abgesang auf den letzten Grossstadtcowboy».

Vor Tom Kummer hatte der mit Spannung erwartete Daniel Heitzler seinen Text «Der Fluch» mit grosser Ruhe vorgestellt. Der 1996 geborene und in Berlin lebende Student hat bisher noch nie einen Text veröffentlicht. Auch sein Beitrag ist von der Jury vorwiegend gelobt worden.

Am morgigen Samstag stehen die Texte der Österreicher Ines Birkhan, Leander Fischer und Lukas Meschik auf dem Programm, den Abschluss macht Martin Beyer. Wer den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnt, wird am Sonntag bekanntgegeben.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 28. Juni 2019 16:34
aktualisiert: 28. Juni 2019 16:48