Schriftstellerin kann nicht mit Porno provozieren

6. Juli 2018, 16:35 Uhr
Die für die Schweiz startende deutsche Bachmannpreis-Bewerberin Corinna T. Sievers versuchte am Freitag, die Jury mit einer Geschichte über eine sexsüchtige Zahnärztin zu provozieren. Das Gremium gab sich abgebrüht. (zVg ORF)
Die für die Schweiz startende deutsche Bachmannpreis-Bewerberin Corinna T. Sievers versuchte am Freitag, die Jury mit einer Geschichte über eine sexsüchtige Zahnärztin zu provozieren. Das Gremium gab sich abgebrüht. (zVg ORF)
© Pressebild ORF
Die Schweizer Bewerberin Corinna T. Sievers hat am Freitagmorgen in Klagenfurt den zweiten Lesetag schlüpfrig eröffnet: In «Der Nächste, bitte!» vergewaltigt eine mannstolle Zahnärztin gewohnheitsmässig Patienten in ihrer Praxis.

Besonders pikant an Sievers' Text ist der Umstand, dass die 1965 auf der Ostseeinsel Fehmarn geborene und heute in Herrliberg am Zürichsee lebende Autorin im Hauptberuf als Kieferorthopädin arbeitet. Entsprechend ätzte Juror Klaus Kastberger: «Ich habe mich gefragt, was am Montag in Ihrer Praxis los sein wird».

Bei der Jury-Diskussion war spürbar, dass die Kritiker tunlichst den Verdacht vermeiden wollten, sie seien prüde - und deshalb insgesamt recht wohlwollend urteilten. Überzeugt hat die meisten die sachliche, aseptische Sprache: Der Text hörte sich an wie ein Bericht zuhanden einer Akademie.

Den stärksten, schier nicht enden wollenden Applaus am zweiten Lesetag erntete die seit 2011 in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die seit 2014 auch in deutscher Sprache schreibt. In ihrem Text «Frösche im Meer» geht es um einen illegalen Einwanderer, der sich mit einer dementen alten Frau anfreundet und sich um sie kümmert, was für ihn voraussichtlich fatal endet.

«Gut gemacht. Wir sind erleichtert. Endlich Literatur.», eröffnete Nora Gomringer die Jurydiskussion. «Eine ganz einfache Geschichte, die aber sehr kompliziert ist», meinte Insa Wilke. Der Schweizer Juror Stefan Gmünder fand den Text «sehr schön und wahnsinnig gut gemacht. Sehr elegant. Super-Text!»

Auch der Beitrag des Deutschen Bov Bjerg, eine Art Vater-Sohn-Roadmovie, überzeugte durch seine Einfachheit: «Ein spektakulär unspektakulärer Text», fand Insa Wilke. «Das ist für mich ein radikal erzählter Text», lobte Hildegard E. Keller.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 6. Juli 2018 16:11
aktualisiert: 6. Juli 2018 16:35