Anzeige
Nach Baldwin-Unfall

Waffenexperte: «Unnötiger Vorfall, den man sicher hätte vermeiden können»

22. Oktober 2021, 16:29 Uhr
Am Filmset eines US-Westernfilms wurde aus Versehen eine Kamerafrau getötet und der Regisseur verletzt. Geschossen hatte der Schauspieler Alec Baldwin mit einer Schreckschusspistole – ein Schweizer Waffenexperte schätzt den Vorfall ein.
Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: CH Media Video Unit / TeleM1 / Melissa Schumacher

An Filmsets werden in der Regel keine echten Waffen sondern Schreckschusspistolen eingesetzt. Aber auch diese können gefährlich sein, zeigte der jüngste Vorfall aus den USA. Der Schauspieler Alec Baldwin schoss aus Versehen mit einer Schreckschusspistole auf zwei Personen am Set – eine Kamerafrau wurde getötet, der Regisseur des Filmes wurde verletzt, nun aber aus dem Spital entlassen (FM1Today berichtete).

Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: CH Media Video Unit / Melissa Schumacher

Wie können solche Unfälle passieren? Sicherheitsvorschriften an Filmsets halten fest, dass bei Dreharbeiten mit Waffeneinsätzen, Experten vor Ort sein müssen, auch beim Einsatz von Schreckschusspistolen. Was genau am Filmset mit Alec Baldwin ablief, ist nach wie vor unklar. Unfälle sind aber auch schon in der Vergangenheit passiert, so beispielsweise an einem Filmset in Rapperswil-Jona vor rund zwei Jahren. Damals wurden drei Personen verletzt.

Luft wird mit 3000 Stundenkilometer aus Mündung gepresst

Bei Schreckschusspistolen handle es sich um eine der «unterschätztesten Waffengattungen überhaupt», sagt der Berliner Waffentechniker Martin Gneissl in einem Interview vor vier Jahren im Tagesspiegel, bei dem es um den Einsatz von Schreckschusswaffen geht.

Durch den Schreckschusswaffen-Einsatz können Menschen erblinden und Schüsse seien potenziell auch tödlich. Aus der Nähe abgefeuert, können sie Halsschlagadern und Herzmuskeln zerreissen. An die Schläfe gehalten, reicht der Druck, um das Gehirn zu deformieren, sagt Gneissl. Das zeigt auch eine im Jahr 2000 publizierte deutsche Studie. Die Luft, die beim Schuss durch den Lauf gepresst werde, trete mit rund 3000 Stundenkilometern aus der Mündung und sei etwa 1500 Grad heiss.

«Platzpatronen werden stark unterschätzt»

Martin Eerhard, CEO der Swiss Shooting Group, erklärt gegenüber CH Media: «Es ist natürlich ein sehr tragischer Vorfall, den man aber sicherlich hätte vermeiden können, wenn man gewisse Regeln eingehalten hätte." Er spricht deswegen auch von einem «unnötigen Vorfall».

Bei Schreckschusspistolen werden in der Regel keine Projektile verschossen, sondern verschiedene Arten von Platz- oder Reizgaspatronen. Die Läufe der Waffen sind üblicherweise mit Sperren oder Vorrichtungen versehen, um das Verschiessen von Projektilen zu verhindern. Im Aufbau unterscheidet sich eine Platzpatrone von einer scharfen Patrone durch das Fehlen eines Geschosses. So haben Platzpatronen beispielsweise eine oben zusammengefaltete Hülse. Zu Verletzungen können mitgerissene Patronenteile oder Fremdkörper führen, die durch den Druck der Pulvergase austreten.

Besonders auf kurze Distanz gefährlich

Das Problem bei Platzpatronen sei, dass man diese stark unterschätze, weil oft davon ausgegangen werde, dass es kein Projektil gibt. Das ist aber wie erwähnt falsch. Eerhard: «Pulverpartikel können den Lauf verlassen und sehr gefährlich sein, besonders auf kurze Distanzen.»

Deshalb sei der wichtigste Grundsatz beim generellen Umgang mit Waffen: "Nie auf etwas zielen, das man nicht treffen möchte.

(red.)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 22. Oktober 2021 07:47
aktualisiert: 22. Oktober 2021 16:29