Warum «Speed Watching» doof ist

René Rödiger, 16. März 2017, 09:40 Uhr
So viel zu sehen, so wenig Zeit.
So viel zu sehen, so wenig Zeit.
© Roy Rochlin/Getty Images for TNT
Um mehr TV-Folgen sehen und mehr Musik hören zu können, sollen Medien mit erhöhter Geschwindigkeit konsumiert werden. Das - nicht ganz neue - Phänomen «Speed Watching» ist jedoch absolut bescheuert.

Bereits 2015 publizierte «Forbes» einen Artikel zu «Speed Watching». Der Autor beschreibt, wie er dank schnellerem TV-Sehen Zeit spart. In einem späteren Update zur Geschichte schreibt der Journalist, dass er mit dieser Methode hauptsächlich Lernvideos schaue und nur vereinzelt TV-Shows.

Als Beispiel bringt er einen 12-Sekunden-Clip aus «Game of Thrones». Hier in normaler Geschwindigkeit:

Dann in 1,2-facher Geschwindigkeit:

...und in 2-facher Geschwindigkeit:

Rund ein Jahr später nahm sich die «New York Times» der Geschichte an. Die Zeitung anerkannte, dass zwar mit «Speed Watching» Zeit gespart werden könne, jedoch der ganze Rhythmus, das «Gefühl», für eine Serie verloren gehe.

David Chen, Moderator und Produzent des Film- und TV-Podcasts «Slashfilmcast», machte auf Twitter eine Umfrage zum Thema. Knapp 80 Prozent der 1505 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bezeichneten «Speed Watching» als «ein Gräuel».

Und nun soll dieser «Trend» - mit zwei Jahren Verspätung - auch in Europa angekommen sein. Heisst es zumindest. Bescheuert ist es trotz der Verzögerung (haha, Verzögerung beim «Speed Watching»...) noch immer.

Wer sich nicht die Zeit nehmen will, eine hochwertig produzierte Serie so zu konsumieren, wie es sich der Regisseur vorgestellt hat, hat die Serie nicht verdient. Dialoge brauchen ihre Pausen, nicht nur in der Comedy ist das Timing mindestens so wichtig wie der Text. TV-Serien werden beim «Speed Watching» nicht mehr geschaut, sondern nur noch konsumiert, sie werden verwässert.

Oder wie es David Chen ausdrückt: Es sei, als würde jemand doppelt so viel essen, damit er möglichst viele Gerichte ausprobieren kann. «Er wird zwar mehr konsumieren, aber ein unglaublich schlechtes Erlebnis dabei haben.»

Wer sich eine Serie im Schnelldurchlauf anschaut, hat diese Serie schlicht nicht verdient. Und vielleicht sollte man sich bei Serien, für die man sich die Zeit nicht nehmen will, fragen, ob man die Show überhaupt mag. Sollte die Antwort darauf «Nein» sein, kann man sogar noch mehr Zeit sparen und gleich ganz auf die Serie verzichten.

René Rödiger
Quelle: rr
veröffentlicht: 16. März 2017 09:40
aktualisiert: 16. März 2017 09:40