Golden Age

Never ending Party am Lebensabend

Marc Sieger, 19. September 2019, 09:19 Uhr
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Quelle: TVO

Reich, dekadent, amerikanisch und alt – das sind die Protagonisten des Films «Golden Age» des Thurgauer Filmemachers Beat Oswald. Drei Monate lang hat der Frauenfelder den alltäglichen Wahnsinn in einem Altersheim für Reiche in Florida begleitet.

«Happy are we, happy are we to be in the Kingdom». Ein alter Mann steht singend im Gang des Palace in Florida. Auf dem Kopf träg er eine Krone, über den Schultern hängt ein Hermelin, in den knochigen Armen hält er ein Zepter. 

Es ist eine der eindrücklichsten Szenen aus dem Film «Golden Age» des Frauenfelder Filmmachers Beat Oswald. Drei Monate lang hat der Thurgauer und ein Filmteam die Bewohner des Palace begleitet. 

Party, Musik und Happy Hour jeden Tag

Das Palace ist ein Altersheim in Florida, in Amerika, für die Reichen und Schönen dieser Welt. Die Bewohner haben ihr ganzes Leben in der High Society verbracht, sind mit dem Privatjet rund um den Globus geflogen und von Cocktailparty zu Cocktailparty getingelt. Diesen Lebensstil sollen sie im Palace beibehalten können. Eine ununterbrochen laufende Unterhaltungsmaschinerie hält die alten Reichen bei Laune – Happy Hour, Pianisten und Sängerinnen, Zauberer und Entertainer, Party und Tanz stehen an der Tagesordnung. 

«Golden Age» läuft seit dem 12. September in den Kinos, hier der Trailer:

Diesen alltäglichen Wahnsinn hat Beat Oswald festgehalten. Entstanden sei die Filmidee während eines Studienaufenthalts in Florida. «Ich habe dort Menschen kennengelernt, die in solche Residenzen gezogen sind. Ich habe dann gemerkt, dass da wahnsinnig viel filmisches Potential im Raum ist.»

Thurgauer Filmteam wird zum Unterhaltungsprogramm

Einige Jahre später nahm er Kontakt auf mit der Familie, die das Palace betreibt. Das Ehepaar, das die Altersresidenz gegründet hatte, sei zunächst skeptisch gewesen, der Sohn hingegen, der das Palace verwaltet, habe das Filmteam aus der Schweiz mit offenen Armen empfangen. «Ich glaube, er hat uns einfach als Teil des Unterhaltungsprogramm gesehen. Da kommen fremde Menschen ins Altersheim. Das ist für die Bewohner neu und spannend», sagt Oswald. 

Die Bewohner hätten denn auch gerne im Film mitgemacht. «Klar gab es auch solche, die nichts mit uns zu tun haben wollten, aber viele waren total offen. Wir mussten manche sogar etwas bremsen, weil sie immer wieder auf uns zugekommen sind, und etwas drehen wollten», so Oswald.

«Wer schlurft denn da durch mein Königreich?»

Während den Dreharbeiten seien auch Freundschaften entstanden. Zum Beispiel mit John, dem eingangs erwähnten alten Herrn, der singend und als König verkleidet durch die Gänge des Palace zieht. Die Szene wirkt grotesk, aber Oswald verrät: «John ist geistig eigentlich noch sehr fit. Aber er hat auch einen sehr zynischen Humor und es faustdick hinter den Ohren.»

Diesen Eindruck erhält man auch, wenn man sieht, wie der als König verkleidete John von den Angestellten des Altersheims den ihm als König zustehenden Respekt in der Anrede verlangt, oder zu einem Mann, der mit dem Rollator an ihm vorbeigeht meint: «Wer schlurft denn da durch mein Königreich?»

«Die Ängste im Alter sind alle gleich - Geld spielt keine Rolle»

Der Film zeigt aber nicht nur die niemals enden wollende Party im Altersheim und die teils grotesk anmutende Dekadenz seiner Bewohner, sondern auch, dass das Altern mit Ängsten und Sorgen einhergeht, die alle Menschen teilen, unabhängig von Geld und Wohlstand. «Viele Bewohner haben Angst vor der Einsamkeit, Angst davor, dass die Kinder irgendwann nicht mehr zu Besuch kommen und sie alleine sterben müssen», erzählt Oswald. 

Die drei Monate im Altersheim hätten ihm gezeigt: «Ob man in Würde, und glücklich alt wird hängt in erster Linie von der eigenen positiven Einstellung ab.» Geld alleine mache auch im Alter nicht glücklich. 

«Zeit zurückzulehnen und sich verwöhnen zu lassen»

Glücklich vielleicht nicht, aber zumindest garantiert es Unterhaltung, wie eine Protagonistin im Film sagt: «Für uns ist es nun an der Zeit uns zurückzulehnen, zu geniessen, und uns verwöhnen zu lassen.» In der nächsten Szene rollt ein Kellner kübelweise Champagner in den Speisesaal. Im Palace ist es Zeit für die tägliche Happy Hour. 

 

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 19. September 2019 07:32
aktualisiert: 19. September 2019 09:19