«Ich kenne die Hälfte der Liechtensteiner»

Dario Cantieni, 23. Januar 2019, 06:55 Uhr
Das Ländle feiert Jubiläum: Heute sind es genau 300 Jahre Liechtenstein. Dazu treffen wir Martha Bühler aus Triesenberg. Früher Olympia-Teilnehmerin für das Fürstentum, mittlerweile Knöpflipäpstin. Ein Gespräch über Geheimrezepte, Liechtensteiner Klischees und Heuballen auf der Skipiste.

«Martha» steht mit roten Buchstaben auf den weissen Ski, die neben der Eingangstüre an der Wand lehnen. Es ist ein Traumtag, an dem ich das Liechtensteiner Original in ihrer Wohnung in Vaduz besuche. Blauer Himmel – schneeweisse, von der Sonne beleuchtete Berge. Ein Tag, an dem es sich lohnen würde, auf die Piste zu gehen. Martha Bühler war 1968 in Grenoble und 1972 in Sapporo für Liechtenstein an den Olympischen Winterspielen. In Sapporo fuhr die heute 68-Jährige auf Platz zehn in der Abfahrt und im Riesenslalom. Für ihre Leistung hat sie vom Fürst höchstpersönlich ein Goldstück bekommen. Wir setzen wir uns an den Stubentisch und Martha Bühler beginnt in schönstem Triesenberger-Dialekt zu erzählen, wie es früher auf der Piste war.

Wie war es, als einzige Frau im Team Liechtenstein damals?

Ich war natürlich immer im Mittelpunkt. Und durfte an beiden Olympischen Winterspielen beim Einmarsch ins Stadion die Fahne tragen. Da war ich natürlich mächtig stolz, dass ich für Liechtenstein die Fahne tragen durfte.

Du schaust auch heute noch immer jedes Skirennen, wenn möglich. Was hat sich verändert?

Das Material, ganz klar. Und die Sicherheit. Bei uns gab es nur ein paar Heuballen an den kritischen Stellen. Heute gibt es zum Glück Sicherheitsnetze. Das Tempo ist ähnlich geblieben. Bereits in Sapporo waren wir mit rund 120 Kilometern pro Stunde unterwegs.

Kennt man Martha, die Skifahrerin, heute noch?

Die ältere Generation schon, ja. Das heisst es noch oft «Ah, Martha Bühler - ich erinnere mich an dich als Skifahrerin.» Und gerade kürzlich bekam ich einen Brief von jemandem aus Oberösterreich, der Autogramme sammelt und eines von mir wollte. Da musste ich selber suchen, ob ich noch eines habe. Nach 50 Jahren (lacht). Aber ich habe es dann gefunden und ihm geschickt.

Besser bekannt bin ich unterdessen jedoch für meine Knöpfli. Auch bei den Jungen. Nach meiner Zeit als Skifahrerin habe ich eine Gastro-Ausbildung gemacht, 20 Jahre lang ein Hotel geführt und bin schliesslich bei den Knöpfli gelandet. Ein Geheimrezept dafür gibt es nicht. Ich benutze einfach immer frische Zutaten, das ist das ganze Geheimnis.  Zudem gebe ich auch Knöpflikurse und bereite sie direkt an Veranstaltungen zu.

Wofür wärst du lieber bekannt: Als Knöpflipäpstin oder als Skifahrerin?

(lacht) Eigentlich lieber als Skifahrerin, aber das kann ich nicht mehr so gut. Daher ist es schon okay, wenn die Leute mich als «Knöpfli-Martha» bezeichnen.

Du warst 2013 mit deinen Knöpfli auch bei der deutschen Fernsehsendung «Die Küchenschlacht» dabei. Wieso?

Ich habe die Sendung immer im Fernsehen gesehen und dachte: «Da könnte ich eigentlich auch mal mitmachen.» Schlussendlich haben mich meine Kinder motiviert, mich anzumelden. Als ich dann jedoch im Studio in Hamburg stand, dachte ich auf einmal: «Mein Gott, hätte ich mich bloss nicht angemeldet – jetzt schaut ganz Liechtenstein zu. Wenn ich versage, kann ich nicht mehr zurückkehren.» Zum Glück habe ich die Sendung dann aber gewonnen (lacht). Die Rückmeldungen liessen nicht lange auf sich warten. Ehemalige Hotelgäste aus Deutschland riefen mich an und sagten: «Wir haben dich im Fernsehen gesehen.»

Sprechen wir über einige Liechtensteiner Klischees. Was hörst du so, wenn du unterwegs bist?

Meistens wird man auf das Geld und die Banken angesprochen. Viele Leute denken, dass man bei uns keine Steuern zahlt. Aber das stimmt natürlich nicht. Wir zahlen Steuern, aber vielleicht nicht ganz so viel wie in anderen Ländern. Was bei mir natürlich sofort auffällt, ist mein Bärger-Dialekt. Der unterscheidet sich sehr vom Rest des Landes.

Kannst du mir sagen, wieso praktisch niemand in Liechtenstein blinkt, wenn er beispielsweise einen Kreisel verlässt?

Blinken ist Luxus (lacht). Anders kann ich es mir nicht erklären. Ich selber blinke auch nicht, aber werde jetzt darauf achten, wenn du das sagst. Man sollte schon blinken, ja (lacht).

Viele denken, wir zahlen keine Steuern.

Bist du mit jedem per Du? Auch mit dem Fürsten?

Nein, dem Fürsten sage ich nicht Du. Sonst praktisch jedem, ja. Das ist normal in Liechtenstein. Ausser, man ist sich nicht sicher, ob man einen Liechtensteiner oder eine Liechtensteinerin vor sich hat, dann sagt man vielleicht mal noch Sie. Aber sonst nicht. Kommt dazu, dass wir im Bärger-Dialekt gar kein Sie kennen, sondern nur ein Ihr. Wie früher. Darum sage ich lieber Du. Das Du kommt wohl aus der Zeit, als wir noch kleiner waren und jeder jeden kannte. Wenn jemand seinen Namen nannte, dann kannte man mindestens seine Familie und es kam einen nicht in den Sinn, jemanden zu siezen.

Wie viele der knapp 40'000 Einwohner von Liechtenstein kennst du?

(überlegt) Von 40'000 –, das ist schwierig zu sagen. Ich denke, die Hälfte. Vielleicht ein bisschen weniger. Also von den Liechtensteinern, die noch im Land wohnen, kenne ich sicher die Hälfte. Mein Sohn sagt immer: «Mit dir kann man nicht durch Vaduz laufen, immer bleibst du stehen, um mit jemandem zu reden.» Aber das gehört dazu. Ich bin eine Person, die gerne Menschen hat und gerne redet.

Trifft man auch ab und zu den Fürsten?

Auf jeden Fall, ja. Ich sehe die Fürstenfamilie oft in Vaduz. Einmal, als ein amerikanischer Freund zu Besuch war, wanderten wir über den Fürstensteig. Der Amerikaner fragte, ob man denn im Fürstensteig auch auf den Fürsten treffen könne. Und prompt. Hinter der nächsten Ecke begegneten wir dem damaligen Fürsten Franz-Josef und seiner Frau Gina. Der Amerikaner konnte sich schier nicht erholen von der Begegnung und meinte, dass es so was in Amerika auf keinen Fall geben würde.

Jetzt feiert Liechtenstein 300 Jahre Jubiläum. Du gehst hier nicht mehr weg, richtig?

Nein, ich wandere nicht aus. Ich wüsste gar nicht, wohin. Mir gefällt es hier, das ist meine Heimat. Hier bleibe ich.

Dario Cantieni
veröffentlicht: 23. Januar 2019 05:36
aktualisiert: 23. Januar 2019 06:55